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Antimuslimische RessentimentsDeutschland sorgt sich ums Vitamin D

Kommentar von

Rameza Monir

Geht es wirklich um Gesundheitsfragen? Der neuste Dreh der Kopftuchkritik heißt Vitamin D. Dabei ist luftige Kleidung bei Hitze gerade gut.

D er deutsche Sommer ist eine merkwürdige Jahreszeit. Nicht wegen der Hitze. Sondern wegen der Menschen, die glauben, der Körper sei ein öffentliches Gesundheitsprojekt. Sobald die Temperaturen steigen und ich mit Leinenkleidung und Kopftuch unterwegs bin, beginnen die Rituale. Die mitleidigen Blicke. Die halb besorgten, halb belehrenden Kommentare. „Ist dir nicht heiß?“, ist dabei noch die harmloseste Variante. Ich antworte mittlerweile routiniert: „Nein, mir ist nicht heiß.“ Als würde ich seit Jahren versehentlich vergessen, dass Sommer ist.

Schwieriger wird es bei den passiv-aggressiven Kommentaren. Männer sollten das doch auch mal tragen müssen, höre ich dann. Als wäre mein Kleidungsstil Teil eines feministischen Vergeltungsplans. Dabei ist die Wahrheit fast enttäuschend unspektakulär: Ich habe mich selbst entschieden, wenig Haut zu zeigen. Nicht aus Hass auf Männer. Nicht aus Lust an Unterdrückung.

Und auch nicht, weil irgendein ominöser Patriarch morgens meine Outfitwahl kontrolliert. Ich trage das Kopftuch und kleide mich bedeckt, weil es Ausdruck meines Glaubens ist. Es erinnert mich daran, dass mein Wert nicht davon abhängt, wie viel Aufmerksamkeit mein Äußeres erzeugt. Für mich ist diese Form der Kleidung kein Symbol der Einschränkung, sondern eine bewusste Entscheidung darüber, wie ich mich in der Welt zeigen möchte. Sie gibt mir ein Gefühl von Identität, Zugehörigkeit und innerer Stimmigkeit. Man muss diese Entscheidung nicht teilen, um zu akzeptieren, dass sie meine ist.

Neu: Vitamin D

Neu im Repertoire ist die Vitamin-D-Fraktion. Menschen, die vorher vermutlich noch nie in ihrem Leben über Vitamin D nachgedacht haben, entdecken plötzlich ihre innere Endokrinologin, sobald sie eine Frau mit Kopftuch sehen. „Du bekommst doch bestimmt Vitamin-D-Mangel!“ Interessant ist dabei weniger die Sorge um meinen Gesundheitszustand als die Selbstverständlichkeit, mit der mein Körper öffentlich kommentiert wird. Niemand ruft einem sonnenverbrannten Mallorca-Rückkehrer hinterher: „Hautkrebs incoming!“ Dabei wäre das statistisch womöglich näher an der Realität.

Ja, es gibt Studien, die zeigen, dass vollständig bedeckende Kleidung die körpereigene Vitamin-D-Produktion einschränken kann. Aber dieselben medizinischen Empfehlungen betonen auch, dass bereits kurze Sonnenexpositionen ausreichen können, um den Vitamin-D-Haushalt zu unterstützen. Anders gesagt: Ich darf mich tatsächlich auch mal ohne Ganzkörperbedeckung auf meinen Balkon setzen. Verrückt, ich weiß.

Und überhaupt: Die nationale Sorge um Vitamin D wirkt besonders merkwürdig, wenn man einen Blick auf die Versorgung der Gesamtbevölkerung wirft. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts erreichen viele Menschen in Deutschland die empfohlenen Werte nicht. Und zwar ganz unabhängig von Religion, Kopftuch oder Leinenkleid. Die Unterversorgung ist also keineswegs ein spezifisch muslimisches Problem, sondern eher ein deutscher Klassiker, besonders in den dunklen Wintermonaten.

Aber seltsamerweise wird nicht jeder Büroangestellte, der zwischen Tiefgarage, Großraumbüro und Netflix-Pause pendelt, auf offener Straße gefragt, ob er genug Sonne abbekommt. Niemand hält dem durchschnittlichen Deutschen im November besorgt ein Blutbild entgegen, während er mit kalkweißem Gesicht im ICE sitzt. Die spontane medizinische Intervention scheint bemerkenswert selektiv zu sein. Sie aktiviert sich vor allem dann, wenn eine Frau ein Kopftuch trägt.

Selektiv

Vor allem aber irritiert mich die selektive Gesundheitsfürsorge. Denn gleichzeitig steigen weltweit die Hautkrebserkrankungen, und UV-Strahlung gilt als wichtigster Risikofaktor. Der­ma­to­lo­g:in­nen empfehlen deshalb ausdrücklich bedeckende, luftdurchlässige Kleidung als Schutz vor schädlicher UV-Strahlung, besonders bei Kindern. Wenn ein Kleinkind in Leinenhemd und Sonnenhut geschützt wird, gilt das als vernünftig. Wenn eine muslimische Frau Ähnliches trägt, gilt es plötzlich als Symbol der Unterdrückung.

Vielleicht geht es also nie wirklich um Hitze. Oder um Vitamin D. Sondern um die Irritation darüber, dass eine Frau ihren Körper dem öffentlichen Zugriff entzieht. Dass sie sich nicht nach den sommerlichen Erwartungen richtet: mehr Haut, mehr Sichtbarkeit, mehr Zugänglichkeit.

Mein Kopftuch ist für viele Menschen offenbar weniger Stoff als Provokation. Dabei ist es am Ende nur Kleidung. Die eigentliche Überhitzung findet woanders statt. Im gesellschaftlichen Reflex, muslimische Frauenkörper ständig kommentieren, retten oder interpretieren zu wollen.

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7 Kommentare

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  • "Die eigentliche Überhitzung findet woanders statt. Im gesellschaftlichen Reflex, muslimische Frauenkörper ständig kommentieren, retten oder interpretieren zu wollen."

    Es ist eine (rassistische) Obzsession. Danke fürs erwähnen.

  • Laut Artikel 4 Absatz 1 des Grundgesetzes ist die Freiheit des Religiösen Bekenntnisses unverletzlich.

    Ich muss es also nicht mögen, wenn Leute ihren Glauben sichtbar nach außen tragen, aber ich respektiere es, solange sie damit keine anderen Grundrechte beeinträchtigen.

    Denn das Grundgesetz ist wichtig.

    Durch Artikel 4 ist auch unverletzlich, dass ich öffentlich bekennen darf, dass ich Gott für gesichert irrelevant halte: wenn Gottes Existenz nicht bewiesen werden kann, kann mein Leben durch die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes nicht beeinflusst werden, sonst ließe sich dieser Einfluss messen und so die Existenz beweisen. Es ist also nicht nötig, Nicht-Existenz zu beweisen, um Irrelevanz zu belegen. Nach über tausend Jahren vergeblicher Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, gehe ich davon aus, dass es nie einen funktionierenden Gottesbeweis geben wird.

    • @Arne Babenhauserheide:

      Die Annahme im letzten Satz spricht nicht für die Unbeweisbarkeit. Dass etwas noch nicht bewiesen ist, bedeutet nicht, dass es unbeweisbar ist. Die Annahme würde die Unvorhersehbarkeit der Welt ein wenig verkennen (sagen Sie niemals "nie"), außerdem auch den Zweck von Beweisführungen (nach einem Beweis verlangt stets nur Unbewiesenes) und sie würde auch der historischen Erfahrung widersprechen. So wurden viele Dinge über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende trotz zahlreicher vergeblicher Beweisbemühungen nur vermutet, bis neue Methoden, Gedankenblitze oder Technologien dabei halfen, sie zu beweisen (z. B. die Existenz von Atomen, Gravitationswellen, die Kontinentalverschiebung uvm). Dass all diese Dinge nur durch die durch ihren Beweis ersichtliche Beweisbarkeit einen Einfluss auf Ihr Leben haben können, möchte ich bezweifeln. Die Beweis- oder Widerlegbarkeit der Gottesfrage hängt eher davon ab, was unter einem Gott verstanden wird und ob das dann überhaupt einem Beweis zugänglich ist.

    • @Arne Babenhauserheide:

      Mal von Atheist zu Atheist:



      "sonst ließe sich dieser Einfluss messen und so die Existenz beweisen" - So einfach ist es nicht. Es kann durchaus einiges geben, das Einfluss nimmt aber nicht getrennt gemessen werden kann. Es ist auch nicht gesagt, dass nur das "vermessene" überhaupt existieren kann. Die Physik beansprucht ja auch nicht die Welt zu beschreiben, sondern explizit den messbaren Teil der Welt. Als Mensch mit wissenschaftlich fundiertem Weltbild sollte man diese Einschränkung jedenfalls ernst nehmen und die Grenzen der Wissenschaften nicht unter den Teppich kehren.

      • @Schleicher:

        Danke für die Antwort!

        Zum Zweiten Punkt: Der Unterschied zwischen Messbarkeit und Existenz ist worauf ich hinaus will: wenn ein Einfluss der Existenz Gottes auf das menschliche Leben messbar ist, dann ist die Existenz bewiesen.

        Es gibt viele Möglichkeiten von Existenz, die nicht messbar sind. Eine nicht-Messbarkeit begrenzt aber die Größe des Einflusses, denn ab einer gewissen Einflussstärke wäre der Einfluss messbar, und ab da wäre die Existenz bewiesen.

        Da ich davon ausgehe (das ist die Annahme), dass es nie einen Beweis für die Existenz Gottes geben wird, ist dieser Einfluss niedriger als alle noch kommenden Messmethoden.

        Sollte jemals eine Methode gefunden werden, mit der ein Einfluss Gottes (nicht nur des Glaubens) gemessen werden kann, dann ist das ein funktionierender Gottes-Beweis.

        Die Schwelle hier ist damit nicht: „kannst du die Nicht-Existenz beweisen?“, sondern „wenn die Existenz nicht bewiesen werden kann, belegt das die Irrelevanz für das menschliche Leben“.

        Zum ersten: getrennte Messbarkeit ist schon ein Punkt. Das wurde bisher meistens durch besseren Messaufbau und bessere Statistische Methoden gelöst.

        Daher präziser: Irrelevanz im Rahmen der Messbarkeit.

        • @Arne Babenhauserheide:

          Allein, dass etwas nicht messbar ist, sagt nichts über seinen Einfluss aus. Wer schon einmal verliebt, traurig oder wütend war, weiß, dass diese Gefühle, obwohl sie kaum messbar sind, einen erheblichen Einfluss haben können. Mit Viren und Bakterien verhielt es sich lange Zeit ähnlich. Nur weil sich etwas (noch) nicht quantifizieren lässt, bedeutet das (auch in den Naturwissenschaften) keineswegs, dass es irrelevant sei oder keine Wirkung entfalte.



          Die Frage nach der Relevanz ist wiederum ohnehin eine andere: Die Relevanz ist Voraussetzung und nicht Teil des Ergebnisses der Beweisführung. Eines Beweises bedarf nur, was relevant ist und angezweifelt wird. Beides scheint bei Ihnen im Hinblick auf einen Gottesbeweis der Fall zu sein, ansonsten hätten Sie sich Ihre Gedanken wohl nicht gemacht.

        • @Arne Babenhauserheide:

          Ja, spannend.



          Ich denke, man kann nun noch über den Begriff der "Relevanz" streiten.



          Ein Beispiel: Dunkle Materie (jedenfalls die Effekte, die man unter diesem Begriff zusammenfasst), lässt sich auf großen Skalen gut beobachten (Rotation der Galaxien, Gravitationslinsen). Für das kosmische Gefüge ist diese dunkle Materie also sehr relevant und macht den größten Teil der Materie überhaupt aus. Gäbe es sie nicht, gäbe es auch nicht die Welt, wie wir sie kennen.



          Aber hier auf der Erde? Nichts davon zu messen!



          Daher denke ich, sollte man vorsichtig sein mit dem Schluss "nicht messbar -> irrelevant".



          Wie dem auch sei. Sorry and die Moderation für OT.