Die Piraten sind genervt von „Shitstorms“ und den Schwächen sozialer Netzwerke. Sie werben für Telefonate und persönliche Gespräche.von Andreas Wyputta

Piraten üben die flauschige Kommunikation. Symbolbild. Bild: dread kennedy/photocase.com
BIELEFELD(!) taz | Johannes Ponader, politischer Geschäftsführer der Piratenpartei, und seine Vorgängerin Marina Weisband brüllen sich an. Beleidigungen wie „Idiot“ fliegen durch den Raum. „Erzfeindschaft“ – das fühle sie für Ponader, ruft Weisband. „Raus“, kontert der.
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Die PiratInnen, die sich im Kultur- und Kommunikationszentrum Bielefeld zur ersten „FlauschCon“ getroffen haben, um ihren oft aggressiven Umgang miteinander zu zivilisieren, schauen irritiert, aber auch amüsiert.
Denn natürlich ist der Streit, den der Theaterpädagoge Ponader und die Psychologiestudentin Weisband auf offener Bühne hinlegen, inszeniert. Spielerisch, aber drastisch wollen die beiden Promis ihrer Basis die Verletzungen zeigen, ihnen eine Flut von Beleidigungen im Internet, auf Twitter und in Mailinglisten der Piraten vorführen.
Ponader selbst stand erst im August im Zentrum eines solchen „Shitstorms“: Erst hatte der einstige Hartz-IV-Bezieher den Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, gegen sich aufgebracht, weil er trotz seines 70-Stunden-Jobs als Bundesgeschäftsführer weiter Sozialleistungen kassieren wollte.
Ponader konterte mit internetaffinem Crowdfunding: Er fand Unterstützer, die ihm monatlich zwischen fünf und 200 Euro überweisen – und weckte so den Neid vieler an der Parteibasis: „Untragbar“ sei sein „Verhalten“, hieß es in einem offenen Brief zweier Jungpiraten – an den sinkenden Umfragewerten sei Ponader schuld. „Du erwürgst die Partei mit deinem Quatsch“, fanden andere – und schlugen dem Parteimanager ernsthaft vor, „bei McDonald’s“ zu arbeiten.
Dabei ist Ponader kein Einzelfall: Im Workshop „Abmahnen, verklagen, anzeigen“ ärgert sich der mit seinen „law blog“ zum Grimme-Preisträger aufgestiegene Düsseldorfer Anwalt Udo Vetter über die zusammengegoogelte, juristisch unhaltbare Abmahnung, mit der die Bundespressestelle der Partei die parteiinterne Arbeitsgemeinschaft „Nuklearia“ zwingen wollte, auf Werbung für Atomenergie zu verzichten.
In seinem Landesverband drohten sich Parteimitglieder mit wechselseitigen Beleidigungsklagen, berichtet ein Pirat aus Niedersachsen. Die Rechtsabteilung sei schon gefragt worden, ob sie nicht bei Klagen gegen die eigene Partei helfen könne, erzählt Vetter – und bittet um Zurückhaltung: Schließlich seien bei immer mehr Medien „Redakteure abgestellt“, die „uns beobachten“ – das Wort „verfolgen“ verwendet Vetter nur ironisch.
Freundlicher, lobender – eben „flauschiger“ – müsse der innerparteiliche Umgang werden, finden die Piraten. Auf der FlauschCon steht deshalb ein Anti-Aggressions-Training auf dem Programm und ein Workshop über „Depression und Burnout“.
Schuld an den Amokläufen vieler „Trolle“ seien auch soziale Netzwerke wie Twitter selbst, meinen viele: Menschliche Kommunikation werde zu 70 Prozent über die Körpersprache, zu 23 Prozent über die Stimme geprägt, glaubt ein Pirat: „Wir kommunizieren auf einem 7-Prozent-Niveau.“
Das Fazit vieler ist deshalb simpel: Leute wie Vetter und Ponader werben immer wieder für ein entspannendes Telefonat oder persönliches Gespräch, statt per Mailingliste aufeinander einzuprügeln. „Warum ruft ihr mich nicht an?“, fragt Ponader – seine Nummer stehe doch für jeden sichtbar im Wiki der Piraten. Die „sprachliche Gewalt“ müsse aufhören – denn die schrecke nicht nur Neumitglieder ab. „Schon nach drei Monaten“, sagt Ponader, habe er nachgedacht, ob er seine Arbeit als Geschäftsführer „mehr als ein Jahr lang schaffe“.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, „der mittlerweile geschasste Bundespressesprecher Christopher Lang“ habe die Abmahnung an die Arbeitsgemeinschaft „Nuklearia“ verschickt. Das ist falsch. Lang war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Sprecher der Partei. Die Redaktion bedauert den Fehler.
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