Anton Jasper über den Protest gegen den G20-Gipfel in Hamburg

„Die Kriegskunst des Kapitals“

Das kommunistische Umsganze-Bündnis ruft für den G20-Gipfel dazu auf, die Logistik anzugreifen. Das sei effektiver, als massenhaft auf die Straße zu gehen.

Achillesferse der Logistik des Kapitals: Hakt es an einer Stelle, ist die ganze Kette nutzlos. Foto: Christian Charisius/dpa

taz: Herr Jasper, ist es kontraproduktiv, zu Massendemonstrationen gegen den G20-Gipfel aufzurufen?

Anton Jasper: Nicht unbedingt. Die Frage ist, welchen Fokus man setzen möchte.

Es klingt aber so, wenn das Umsganze-Bündnis fragt: Müssen wir nochmal am „Zaun der Mächtigen“ schütteln und uns irgendeine Form von „Stärke“ vorgaukeln? Wie ist das denn gemeint?

Der Politik ist ein Rahmen gesetzt durch die kapitalistische Vergesellschaftung: Es muss immer Profit erwirtschaftet werden. Da ist aus der parlamentarischen Politik heraus kein Bruch möglich. Wenn man zu den Mächtigen geht, läuft man Gefahr, auf den Gedanken rein zu fallen, die könnten die Regeln nach Belieben ändern.

Meinen Sie also, es ist egal, wer sich beim Gipfel trifft und was sie beschließen?

Das heißt nicht, dass es keine besseren und schlechteren Varianten gibt – siehe Trump und AfD. Nur: Auch sie bleiben an die Bedingungen des Kapitalismus gebunden. Man darf nicht denken, dass Trump, Erdoğan und die anderen allein das Problem seien. Es ist die Gesellschaft, die solche Politikformen und PolitikerInnen hervorbringt.

Was schlagen Sie vor?

29, lebt und arbeitet in Berlin. Er ist beim Umsganze-Bündnis und der antinationalen Plattform Beyond Europe aktiv.

Wir wollen den G20-Gipfel als Gelegenheit für die radikale Linke nutzen, darüber nachzudenken, wie antikapitalistische Praxis heute aussehen kann.

Wollen Sie eine theoretische Auseinandersetzung anstelle von Aktionen?

Es ist wichtig, darauf zu verweisen, dass unterhalb der politischen Ebene noch eine andere Logik abläuft – nämlich die der Kapitalakkumulation. Sowohl die reaktionären, als auch die neoliberalen Regierungschefs können das immer nur verwalten. Die Logistik, gerade in Hamburg mit dem Hafen, kann ein Punkt sein, wo man einen Akzent setzen kann.

Was meinen Sie mit Logistik?

Logistik ist das System des Transports, das alle unterschiedlichen Bestandteile der kapitalistischen Wirtschaft verbindet. Also Produktion, Distribution, Verkauf von Waren. Kapitalismus basiert schon immer darauf, dass man Waren und Arbeitskräfte von einem Ende der Welt ans andere schafft. In den 50er-Jahren gab es einen großen Sprung mit der Einführung des Containers, der erlaubt hat, viele Arbeitsschritte zu automatisieren.

Logistik braucht man für alles, auch für linke Strukturen. Was ist so schlimm an ihr?

Im Zuge der Globalisierung hat Logistik eine besondere Bedeutung bekommen, weil sie ermöglicht hat, den Kapitalismus auf eine radikal globale Basis zu stellen. Es geht nicht mehr darum, einzelne Güter und Menschen hin und her zu schieben, sondern die gesamte Produktion über den gesamten Globus auszudehnen.

Was bedeutet das für die, die im Bereich der Logistik arbeiten?

Logistik ist auch ein Instrument für das Kapital, ArbeiterInnenwiderstände zu brechen. Sie ist die Kriegskunst des Kapitals. Der Bruch mit der fordistischen Fabrik hat dazu geführt, dass ArbeiterInnen verteilt und vereinzelt sind, da ist Organisation natürlich schwieriger.

Führen einzelne Sabotageaktionen nicht langfristig zur Optimierung der Logistik des Kapitals? Schäden werden von Versicherungen übernommen und Schwachstellen ausgebessert.

Klar – nur weil etwas kaputt gemacht wird, heißt das nicht, dass was besseres folgt. Die Versicherungsindustrie ist ein eigener Wirtschaftszweig in der Logistikbranche. Trotzdem ist es wichtig, zu zeigen, dass Logistik im Kapitalismus Schwachstellen hat, die aus ihrer eigenen Funktionsweise entstehen. Zum Beispiel dadurch, dass sie auf genaue Anschlussstellen zwischen einzelnen Transportwesen angewiesen ist. Wenn ein Tanker einen Motorschaden hat, liegt der komplette Hafen für einen halben Tag flach.

Wie sieht die Logistik des Kommunismus aus?

Das ist eine schwierige Frage. In Italien gibt es zum Beispiel ein großes Netz aus besetzten Häusern. Das hat natürlich mit der schwierigen politischen Situation zu tun. Wenn was fehlt – zum Beispiel ein Haus nur für Geflüchtete oder Alleinerziehende – wird ein neues Haus besetzt. Geflüchtete, die ankommen, gehen als erstes zu einem besetzten Haus und nicht zu staatlichen Stellen. Das ist ein Beispiel für solidarische Infrastruktur.

 

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