Antonin Panenka, der tschechoslowakische Europameister von 1976, über Mut, Druck als Teil der Mentalität und Tomas Rosickys Rolle im EM-Team. Interview: Erik Peter

Tomas Rosicky (Mitte) ist für die Atmosphäre in der tschechischen Mannschaft extrem wichtig. „Wenn er spielt, ist die Mannschaft ruhiger“, sagt Antonin Panenka. Bild: dpa
taz: Herr Panenka, wie konnte sich Tschechien nach der Klatsche zum Auftakt gegen Russland doch noch als Gruppensieger für das Viertelfinale qualifizieren?
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Antonin Panenka: Unsere Mannschaft erzielt immer gute Resultate, wenn sie unter Druck steht. Sobald uns das Aus droht, sind wir stark. Gegen Russland fehlte noch diese Anspannung.
Wieso braucht es diesen Druck?
Das ist Teil unserer Mentalität. Die Tschechen sind locker, nehmen vieles auf die leichte Schulter. Erst wenn es ernst wird, können wir uns konzentrieren und kämpfen.
Gegen Portugal im Viertelfinale geht es um alles oder nichts.
Gewiss. Aber dann darf sich unser Trainer Michal Bilek auch keine solch großen taktischen Fehler mehr leisten wie gegen Russland. Gegen deren schnelle Stürmer hat er den behäbigen Roman Hubnik als Innenverteidiger aufgeboten. Michael Kadlec, der auf dieser Position die gesamte Qualifikation spielte, wäre eindeutig die bessere Variante gewesen. Dazu kommt, dass Jaroslav Plasil als sehr guter offensiver Mittelfeldspieler auf der defensiven Position nicht gut aufgehoben ist.

ANTONIN PANENKA
63, ist der Franz Beckenbauer Tschechiens. 14 Jahre spielte er für Bohemians Prag, ehe er im Alter von 32 Jahren zu Rapid Wien wechselte. Mit der tschechoslowakischen Nationalmannschaft wurde Palenka 1976 Europameister. Im Finale verwandelte er nach dem Fehlschuss von Uli Hoeneß den entscheidenden Elfmeter souverän per Lupfer in die Tormitte.
Foto: dpaBilek scheint aus seinen Fehlern gelernt zu haben.
Ja, auch aufgrund des öffentliches Drucks hat er reagiert. Gegen Griechenland und Polen hat er Hubnik durch Kadlec ersetzt und vor allem Tomas Hübschmann auf die Sechser-Position gestellt. Der war in beiden Partien unser bester Spieler. Doch die Mannschaft spielt immer noch zu defensiv. Wir agieren mit nur einem Stürmer, das ist zu wenig.
Milan Baros wirkte bislang etwas verloren.
Milans Problem ist das Spiel ohne Ball. Er hat einen Bewegungsradius von vielleicht 20 Quadratmetern. Somit kann er von seinen Mitspielern kaum angespielt werden. Er braucht dringend einen zweiten Stürmer, mit dem er zusammenspielen kann, so wie früher mit Jan Koller. Allein kann er nichts ausrichten. Als Tomas Pekhart gegen Griechenland für ihn eingewechselt wurde, war das Resultat das gleiche. Denn auch Pekhart braucht einen mitspielenden Stürmer.
Wie wichtig ist Tomas Rosicky für die Mannschaft?
Genauso wichtig, wie er für das Team auf dem Platz ist, ist er für die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft. Wenn er spielt, ist die Mannschaft ruhiger. Ohne ihn verliert sie an Mut. Er steht eine Stufe über allen anderen.
Auffällig ist, dass weniger Spieler in den großen europäischen Ligen aktiv sind als Ende der 90er Jahre, als man in Tschechien von der Goldenen Generation sprach.
Unsere Qualität ist nicht mehr so gut. Uns fehlt es an talentiertem Nachwuchs. Für viele ist die EM ein Highlight. Sie sind schon damit zufrieden, dass sie dabei sind. Aber es braucht Ziele. Die Spieler müssen mehr wollen, als nur mal die Atmosphäre schnuppern. Es wird uns helfen, dass nach der EM einige ins Ausland wechseln.
Wie muss das Team gegen Portugal agieren?
Portugal ist der Favorit. Sie spielen sehr kompakt und Ronaldo ist nun in Form. Aber auch wir sind gut in das Turnier gekommen. Wenn wir konzentriert nach vorne spielen, können wir ein Unentschieden holen. Im Elfmeterschießen ist dann alles offen.
Dann brauchen die Spieler Ihre Nerven von 1976 gegen Sepp Maier.
Ja, richtig!
Wie sehen sie die heutige Mannschaft im Vergleich zur tschechoslowakischen Europameisterelf?
Der Vergleich ist sehr schwierig, denn der Fußball ist heute viel aggressiver, viel schneller, viel kampfbetonter. Unser Mannschaft 1976 war spielerisch und technisch besser, aber nicht läuferisch. Heute fehlen die kreativen Spieler.
Glaub man in Tschechien dennoch an einen Erfolg bei diesem Turnier?
Die Stimmung ist jedenfalls gut, denn das Viertelfinale ist für uns schon ein großer Erfolg. Jetzt kann alles passieren. Ich würde jedenfalls gern zum Finale nach Kiew fahren.
Wären die Chancen noch besser, wenn es noch eine tschechoslowakische Mannschaft gäbe?
Es war immer ein bisschen schwierig in unserem gemeinsamen Nationalteam. Die Differenz zwischen Slowaken und Tschechen war zu spüren. Die Ausnahme war die EM 1976. Da hatten wir eine sensationelle Stimmung in der Mannschaft. Es gab überhaupt keine Unterschiede, alle haben zusammengehalten. Das war der perfekte Mix aus den entspannten, lustigen Tschechen und den eher heißblütigen Slowaken. Ich könnte mir das auch heute vorstellen. Die Slowaken haben ausgezeichnete Spieler, mit denen zusammen das Team noch viel besser wäre.
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Das Team: Aus den Stadien und dem Quartier der deutschen Mannschaft berichten die taz-Sport-Redakteure Andreas Rüttenauer und Markus Völker. In Warschau beobachten Gabriele Lesser und Uli Räther das Geschehen, in Kiew Juri Durkot. In Berlin sind dabei: Svenja Bednarczyk, Frauke Böger, Michael Brake, Jan Feddersen, Enrico Ippolito, Johannes Kopp, Katerina Mishchenko, Barbara Oertel, Erik Peter, Jan Scheper und Deniz Yücel.
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