Anwalt Erdem über junge IS-Kämpfer

„Von Eltern in den Dschihad geschickt“

Mit seinem „Elternkreis gegen IS“ half der Hamburger Rechtsanwalt Mahmut Erdem den Angehörigen junger Dschihad-Kämpfer. Jetzt warnt er vor den Rückkehrern.

der Hamburger Rechtsanwalt Mahmut Erdem

Moscheen reformieren – oder schließen: der Hamburger Rechtsanwalt Mahmut Erdem Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Erdem, warum ziehen junge Menschen in den Dschihad?

Mahmut Erdem: Da gibt es viele Motive. Sie suchen nach Identität. Sie fühlen sich von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Wenn sie über Religion reden wollen, heißt es: „Geh zur Moschee. Rede da mal. Lass uns in Ruhe.“ Ihre religiösen Bedürfnisse werden nicht ernst genommen. Oft haben die Eltern nichts am Hut mit dem Islam. Dieses Vakuum füllen islamistische Rattenfänger. Die Kinder kapseln sich ab. Essen nicht mehr, was die Mutter kocht, „nicht halal genug“, verbieten ihren Müttern, sie zu berühren, lassen ihre Schwestern nicht mehr ohne Kopftuch auf die Straße. Oft brechen sie die Schule ab, niemand fängt sie auf. Dann stoßen sie im Internet auf den Dschihad. Oder in der Moschee erzählt ihnen jemand davon. Und zack, sind sie drin in diesen Kreisen.

So schnell geht das?

Ja. So haben es mir die Eltern erzählt, die bei mir waren. Ein muslimischer Mann zieht für seinen Glauben in den Krieg. Das ist das A und O der islamischen Vorstellung. Wenn mein Glaube von Ungläubigen bekriegt wird, muss ich meinen Glauben schützen. Auf diese Idee kommen die Jugendlichen nicht selbst. Da braucht es Einflüsterer.

Wo agieren diese Einflüsterer?

Meist im Dunstkreis der Moscheen. Die Moscheen haben versagt. Sie waren die Katalysatoren für die Dschihadisten heute. Sie müssen reformiert werden – oder geschlossen.

1963 in der Türkei geboren, beschäftigte sich am Max-Planck-Institut für internationales Privatrecht in Hamburg mit islamischem Recht und arbeitet als Anwalt. Er ist Sprecher der Alevitischen Gemeinde. Von 1997 bis 2001 saß er für die Grünen in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Welche Moscheen meinen Sie?

Fast alle. Es gibt leider ganz, ganz wenige Moscheen, die hier in Deutschland ausgebildete Imame haben. Imame, die unsere Werte schätzen und ihrer Gemeinde vermitteln. Die kommen aus der Türkei oder aus arabischen Ländern und haben erzkonservative Vorstellungen. Unsere Universitäten müssen Imame ausbilden. Wir dürfen sie nicht dem Ausland importieren! Das ist gefährlich. Da kommt ein reaktionärer Geist zu uns.

Und der kommt gut an?

Unter vielen muslimischen Jugendlichen herrscht eine Abneigung gegen unsere offene Gesellschaft. Die Imame reden ja nicht über Demokratie. Die sagen: „Ihr lebt in einer ungläubigen Umwelt, ihr müsst euch schützen! Ihr müsst eure Identität beschützen! Ihr müsst eure Familie schützen!“ Die Jugendlichen sehen ihre Umwelt als feindlich an. Sie denken, sie müssen ihre Familie wirklich beschützen. Den Bruder, der in der Schule Schweinefleisch essen muss. So fängt es an.

Was waren das für Menschen, die in den Krieg gezogen sind?

Die Fälle aus unserem Arbeitskreis für Eltern, deren Kinder in den Dschihad gezogen sind: sechs Männer, drei Frauen – zwischen 18 und 27 Jahre alt. Das waren nicht die Ungebildeten. Ausbildung, Abitur, Studium.

Ist es die Religion, die die Heranwachsenden in den Krieg treibt? Oder hat das mit dem Islam nichts zu tun?

Doch. Das hat mit dem Islam zu tun. Der Dschihad ist ein Teil des Islam. Das darf man nicht beschönigen.

Wie reagierten Eltern, deren Kinder in den Dschihad zogen?

Ein Vater hat sich erhängt, als die Tochter ging. Er war ein fortschrittlicher Mann, ein Demokrat, der glaubte, seine Tochter auch so erzogen zu haben. In seinem Abschiedsbrief stand: „Ich habe doch alles gemacht. Wie konnte so etwas passieren?“ Die Schwester eines kurdischen Jungen, der auszog, ist beinah verrückt geworden. Die Gespräche mit den Angehörigen waren dramatisch. Das konnte man gar nicht aushalten. Es kam der Punkt, wo ich sagte: Ein Psychologe muss her. Man muss aber auch sagen: Es gab Eltern, wenn auch nicht bei uns im Arbeitskreis, die haben ihre Kinder in den Dschihad geschickt.

Eltern haben ihre Söhne und Töchter zum IS geschickt?

Ja. Es gibt im Islam die Vorstellung, dass ein Märtyrer das Paradies auch für seine Familie öffnet. Und diese Dschihadisten bereiten mir die größten Sorgen. Sie wurden nie erkennungsdienstlich erfasst, niemand hat sie vermisst gemeldet. Ich schätze, dass das rund 1.000 Menschen waren aus Deutschland. Die fliegen unter dem Radar. Wer weiß, wie viele von denen zurückgekommen sind?

Wie konnten Sie den Eltern im Arbeitskreis helfen?

Wir boten ihnen ein Gesprächsforum. Wie war das bei deiner Tochter? Wo ist dein Sohn? Da waren Eltern da, deren Kinder auf dem Absprung waren. Die wollten wissen: Was können wir tun? Natürlich wollten die Eltern, dass wir ihre Kinder zurückholen. Diese Hilfe konnten wir nicht bieten.

War es Ihr Ziel, Ausreisen zu verhindern?

Das Primärziel war es, die Eltern zu stärken. Erst dann kam das Ziel, die Heranwachsenden hierzubehalten. Die waren sehr gefestigt, man darf sie sich nicht labil vorstellen. Ich habe versucht, mit Jugendlichen zu reden, die kurz vor dem Absprung standen. Aber die waren wie hinter einer Mauer. Die haben sich angehört, was wir zu sagen hatten. Dann haben sie den Kontakt abgebrochen. Wir waren Kafir für sie, Ungläubige.

Können Eltern verhindern, dass ihre Kinder zum IS gehen?

Sie dürfen nicht gleich zur Polizei gehen. Die agiert repressiv, zieht sofort den Pass ein. Die jungen Menschen kapseln sich noch mehr ab, es bestärkt ihren Beschluss zu gehen. Außerdem zerstören die Eltern Vertrauen, wenn sie hinter dem Rücken ihrer Kinder zur Polizei gehen. Alle neun Familien waren zuerst bei der Polizei. Sie sollen sich lieber an Beratungsstellen wenden, die gibt es in jedem Bundesland. Sie müssen versuchen, sich zu stärken, Argumente suchen. Sozialpädagogische Betreuung holen. Sich religiöse Kenntnisse aneignen. Auch Eltern haben so diffuse Vorstellungen von Islam und Dschihad.

Was ist mit den neun Heranwachsenden geschehen, die damals ausgezogen sind?

Sie sind tot. Nur eine Frau hat überlebt, sie ist 23 Jahre alt. Sie hat drei Kinder von drei Kämpfern und sitzt in einem Camp in Syrien. Einer, Mutlu aus dem Altonaer Kreis, hat sich in Falludscha in die Luft gesprengt. Alfons wurde von einem Scharfschützen erschossen. Das haben Salafisten, die in Hamburg geblieben sind, den Eltern der Toten erzählt, an der Tür: „Euer Sohn ist Schaid, ein Märtyrer. Freut euch, er ist jetzt im Paradies.“

Was hat das bei den Familien ausgelöst?

Die Familien waren zerstört. Zu wissen, dass der eigene Sohn mordet. Und dann zu erfahren, dass er tot ist.

Haben Sie noch Kontakt zu den Eltern?

Drei Familien treffe ich noch. Der Arbeitskreis hat sich Ende 2016 aufgelöst, nachdem fast täglich Todesnachrichten kamen.

Der IS liegt in Syrien und im Irak am Boden. Ziehen immer noch junge Menschen in den Dschihad?

Ja, aber nicht mehr so massiv wie 2014 bis 2016. Der IS hat an Anziehungskraft verloren. Syrien ist nicht mehr „in“ bei den muslimischen Jugendlichen. Sie träumen jetzt von einem anderen Land: Libyen. Sie sind der Meinung, da existiere ein großes Kalifat.

Kennen Sie Rückkehrer?

Ja, die kamen ziemlich desillusioniert zurück. Aber an die komme ich nicht ran. Von denen, die zurückkehren, sagen viele: „Wir hatten keine Waffe in den Händen. Wir waren Koch, Sanitäter, Buchhalter.“ Das ist gelogen. Keiner kann mir erzählen, dass er kein Blut an den Händen hat. Die haben alle getötet. Trotzdem dürfen wir diese Menschen nicht aufgeben. Sie müssen bestraft werden, klar. Wir müssen ihnen aber auch sagen: „Wir sperren dich weg, ja, aber wir werden dir ein entsprechendes Umfeld schaffen.“ Das heißt: In Deutschland ausgebildete Imame müssen die Gefangenen besuchen. Sie müssen sich weiterbilden können. Und sie müssen von salafistischen Kreisen ferngehalten werden.

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