Arabellion in Ägypten

Bilder eines Aufstandes

In Kairo erzählt eine Mauer mit Graffiti von der ägyptischen Revolution. Sie ist stets in Gefahr, von Helfern der Militärjunta weiß übermalt zu werden.

Revolution als dynamischer Vorgang: Malen und Übermalen der Szenen des Aufstandes. Bild: reuters

KAIRO taz | Die Mohammed-Mahmud-Straße in Kairo wird gerade von Passanten und Fotografen entdeckt; sie entwickelt sich langsam zu einer Kultstätte. Im Arabischen wird sie auch sharei uyuun al-hurriyyah genannt, die Straße mit den Augen der Freiheit. Berühmt wird sie gerade, weil sie die Revolution in Graffiti erzählt, die gleichzeitig ständig in Gefahr sind, von den Sicherheitsbehörden mit Weiß übertüncht zu werden.

Mohammed Mahmud ist eine der Hauptstraßen, die auf den Tahrirplatz geht und am Hintereingang der American University of Cairo (AUC) vorbeiführt. Die Straße wird ein Ort der Erinnerung an die Revolution bleiben, weil sie Zeugin einiger der dramatischsten und gewaltsamsten Momente Ägyptens in den zurückliegenden Monaten November, Dezember und Februar wurde.

Etwa als Hunderte Demonstranten von der Polizei mit Tränengas beschossen und einige von ihnen verletzt oder gar getötet wurden. Während dieser Ereignisse hatten Polizei- und Scharfschützen Berichten zufolge auf die Augen von Demonstranten gezielt und in einigen Fällen auch getroffen. Nach den Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und den Sicherheitskräften zwischen dem 19. und dem 24. November vorigen Jahres errichteten Sicherheitskräfte in der Mohammed-Mahmud-Straße eine massive Mauer aus Zementblöcken. Diese trennte die Straße in der Mitte und unterteilte sie in zwei verschiedene Bereiche.

Jahrgang 1959, wurde in Kairo geboren. Sie studierte in Kairo, Durham und Bielefeld und ist derzeit Professorin für Soziologie an der American University of Cairo (AUC).

Im Jahr 2005 forschte sie an der Rockefeller Foundation in Bellagio, außerdem in New York, Leiden, Berlin, Paris und Singapur. Sie publiziert zu religiösen Netzwerken zwischen Nahost und Südostasien sowie zu Veränderungen der Konsumkultur in Ägypten.

Mona Abaza diskutiert beim tazlab in „Arabellion – Lang lebe die Demokratie“ mit der tunesischen Bloggerin Lina ben Mhenni und dem Netzaktivisten Elias Perabo die Zukunft des arabischen Aufbruch.

In diesem Februar wurde die Mauer durch Revolutionäre und Anwohner wieder zerstört, die sich in jener Zeit gegen die Sicherheitskräfte stellten. Weitere Mauern und Absperrungen wurden gebaut und blockieren die vielen Seitenstraßen, die auf die parallel verlaufende Sheik-Rehan-Straße führen. Hier liegt das monumentale Innenministerium, das zurzeit mit Panzern und Kontrollpunkten mit viel Stacheldraht geschützt wird.

Nebenschauplatz Mauer

Noch bedeutsamer als die Mauer, die sich quer durch die Mohammed-Mahmud-Straße zog, ist die Mauer des alten Universitätsgeländes der AUC. Während des ganzen letzten Jahres regelmäßig mit Wandbildern versehen, wurde sie zu einem – allerdings sehr kreativen – Nebenkriegsschauplatz: dem der Auseinandersetzung zwischen fantasievollen Graffitikünstlern und dem Sicherheitspersonal der Militärjunta. Letzteres besteht verzweifelt darauf, die bemalten Mauerabschnitte immer wieder weiß zu übermalen, um die spöttischen Parolen, die frechen Beleidigungen des Obersten Rats der Streitkräfte und die teils ziemlich ironisch-komischen Zeichnungen zu beseitigen.

Neben Hohn und sarkastischer Ironie sind es die Erinnerungen an die Märtyrer, die diese Wandmalereien so bewegend machen. Während einer großen Freitagsdemonstration im letzten September etwa besetzten die Ultrafußballfans einen Großteil des Tahrirplatzes. Sie erfüllten die Mohammed-Mahmud-Straße mit Musik, trugen einträchtig Transparente und riefen ihre populären Parolen. An jenem Freitag konnte man viele Kinder und junge Männer auf der Mauer der AUC in der Mohammed-Mahmud-Straße sitzen sehen, während viele Graffitikünstler geschäftig die Mauern bemalten.

Nach den Kämpfen, die im letzten November und Dezember in der Mohammed-Mahmud-Straße und in ihrer direkten Umgebung stattfanden, wurde die Mauer der AUC um einige Meter erhöht. Diese Maßnahme führte zur Plünderung des Hauptsitzes der AUC und zur Verwundung einiger Sicherheitsmänner der Universität. Vorbereitend auf den ersten Jahrestag der ägyptischen Revolution am 25. Januar, versuchten die ägyptischen Autoritäten, die Graffiti zu beseitigen, indem sie die Mauer mit gelb-weißer Farbe übermalten.

Die Revolution in Szenen

Nur einen Tag später war die Mauer wieder voll mit großflächigen Zeichnungen. Die Wandmalereien geben einen visuellen Eindruck von fast jedem der gewaltsamen Übergriffe der Sicherheitskräfte, die oft mit Tränengaseinsatz gegen die Demonstranten endeten oder sogar Todesopfer forderten. Deshalb zeigen die Graffiti sehr oft maskierte, entstellte oder einäugige Demonstranten. Als Folge des Massakers in Port Said, bei dem Ultras vom Fußballverein Al-Ahly aus Kairo getötet wurden, tauchte ein Bild auf der Mauer auf, das die Ultras als im Himmel ruhende Engel darstellte. Ein anderes zeigte sie in einem Sarkophag aufgebahrt, ähnlich einer Beerdigungszeremonie im alten Ägypten.

Immer wieder tauchten in den Wandmalereien Figuren wie der mutige Talkshowmoderator Yusri Fuda oder der ehemalige Präsident Gama Abdel Nasser auf – ebenso wie weibliche Demonstranten, die von Sicherheitskräften öffentlich entkleidet und misshandelt werden; zahlreiche revolutionäre Märtyrer, die scheinbar aus einer anderen Welt zurückkehren. All diese gewaltsamen Begegnungen und Zusammenstöße mit der Junta sind auf den Mauern dieser denkwürdigen Straße wunderbar dokumentiert.

Die lebhaften Bilder haben die Muhammed-Mahmud-Straße fast in einen Tempel – oder eher in eine Gedenkstätte – verwandelt, die ständig besucht und fotografiert wird. Zumindest bis die Graffiti wieder einmal unter weißer Farbe verschwinden. Die Mohammed-Mahmud-Straße entwickelt sich außerdem zu einem Ort, an dem vor dem Hintergrund der Revolutionsgraffiti posiert wird und Gruppenfotos gemacht werden. Nicht selten kann man Passanten auf der Straße beobachten, wie sie Fremden von ihren Erfahrungen und Erinnerungen an die Revolution erzählen.

Eine eigene Dynamik

Am 24. Februar 2012 schließlich wurden die Mauern der Mohammed-Mahmud-Straße ein weiteres (vielleicht das zwanzigste) Mal mit weißer Farbe überstrichen. Nicht angerührt wurde das Bild der Ultramärtyrer im Sarkophag, das sich nahe dem Eingang der AUC befindet. Das ist bezeichnend. Vielleicht hat es die Junta aus Angst vor dem Fluch des Pharaos in Ruhe gelassen, weil es eine alte ägyptische Beerdigungszeremonie darstellt. Ganz bestimmt muss das Bild die „professionellen Radierer“ bewegt haben.

Allerdings weiß niemand, wie lange dieses Kunstwerk auf der Mauer überleben wird. Das wiederkehrende Element dieser Ausdrucksformen zeigt, dass eine Revolution ein dynamischer Vorgang ist. Ein Vorgang, der aus gewagten Formen der Auseinandersetzung besteht. Formen der Auseinandersetzung, die kontinuierlich die Kreativität und ein starkes Verlangen fördern, den Moment fotografisch zu dokumentieren, ehe er verfliegt.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de