Der Flughafen Berlin Brandenburg wird zum Hort prekärer Arbeitsverhältnisse, sagen Gewerkschafter. Das liege auch an der geplatzten Eröffnung, erwidert ein Unternehmer.von Sebastian Puschner

Der Flughafen ist echt noch 'ne Baustelle. Bild: dpa
Der Glanz des Prestigeprojekts Hauptstadtflughafen verblasst immer mehr: Viele der am neuen Flughafen Berlin Brandenburg BER tätigen Unternehmen nutzten den geplanten Umzug, um Leiharbeit, Werkverträge und befristete Beschäftigungsverhältnisse auszudehnen, sagen Gewerkschafter. „Dieser Flughafen entwickelt sich zu einem Versuchslabor für immer prekärere Arbeitsverhältnisse in der Region“, sagte Ver.di-Sekretär Max Bitzer auf einer Konferenz am Dienstag.
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Betriebsräte diverser am Flughafen tätiger Unternehmen waren zu einer Tagung zusammengekommen, um Strategien gegen die Prekarisierung zu entwickeln. Gekommen waren rund 45 Teilnehmer, obwohl Veranstalter Ver.di mit der doppelten Anzahl gerechnet hatte. „Aber wegen der BER-Verzögerungen ist die Arbeitsbelastung in Tegel dermaßen hoch, dass viele Kollegen von dort absagen mussten“, sagte der Ver.di-Fachbereichsleiter Verkehr, Jens Gröger, der taz.
Die Erfahrungsberichte der Anwesenden ähnelten sich: „Ich entdecke unter den Kollegen immer mehr neue Gesichter, die ebenso schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind“, sagte ein in Schönefeld Beschäftigter über die Sicherheitdienste an der Flughafenbaustelle.
Die Zukunft der Großbaustelle in Schönefeld, aus der einmal Berlins Single-Airport BER werden soll, ist am heutigen Donnerstag zentrales Thema im Abgeordnetenhaus. Dort kommt das Parlament zu seiner ersten Sitzung nach der zweieinhalbmonatigen Sommerpause zusammen. In der für 14.45 Uhr angesetzten Debatte soll sich auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) äußern, der Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft ist.
Der von der Opposition beantragte BER-Untersuchungsausschuss wird voraussichtlich nicht sofort beschlossen, sondern erst in zwei Ausschüssen diskutiert und frühestens in der nächsten Sitzung am 13. September eingesetzt.
Nicht auszuschließen ist, dass die SPD-CDU-Koalition noch die Aufsichtsratssitzung am 14. September abwartet, nach der es Klarheit über den für März geplanten Eröffnungstermin und zusätzliche Kosten geben soll. (sta)
Kaum anders geht es laut ArbeitnehmervertreterInnen beim Flughafen-Dienstleister GlobeGround Berlin zu. Das Unternehmen, zu dessen Tätigkeiten das Abfertigen von Flugzeugen auf dem Vorfeld oder der Check-in gehören, stelle kaum neues Personal ein – und wenn, dann nur befristet und zu geringeren Löhnen über die eigene Leiharbeitstochter. Außerdem spalte die kürzlich vorgenommene Aufteilung des Unternehmens in rechtlich eigenständige Bereiche für Werkstatt, Passagier- und Flugzeugabfertigung die Arbeitnehmerschaft und erschwere deren Vertretung.
Anlass für diese Aufgliederung seien die neuen Strukturen und Prozessen am BER, rechtfertigte sich GlobeGround-Geschäftsführer Bernhard Alvensleben gegenüber der taz. Den Anstieg der Leiharbeiter führt er auch auf die geplatzte Eröffnung zurück: „Wir mussten unsere Planungen in Rekordzeit der Terminverschiebung anpassen und haben heute keine belastbare Planungsgrundlage, wann der neue Flughafen in Betrieb geht und wie lange der Flugbetrieb noch an zwei Standorten aufrecht erhalten werden muss.“
Leiharbeit, die die Gewerkschaften kritisieren, weil sie unbefristete, tarifgebundene Beschäftigungsverhältnisse zurückdrängt, gewinnt in der gesamten Luftverkehrsbranche an Bedeutung. Auch deshalb treten Beschäftigte der Lufthansa dieser Tage in den Streik. Eigentlich schreibt das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz den lediglich „vorübergehenden“ Einsatz derartiger Modelle vor. Doch bei vielen der am BER künftig operierenden Fluggesellschaften sei sie mehr und mehr die Regel, so Gewerkschafter Bitzer. Der Billigflieger Easyjet etwa habe 90 Prozent seiner Kopiloten über eine Leiharbeitsfirma angestellt.
Zudem zierten sich viele Firmen, wegen des Umzugs von Tegel nach Schönefeld mit ihrer Belegschaft über Interessenausgleiche zu verhandeln. Dabei geht es darum, dass Beschäftigte Zuschläge oder Pauschalen für Umzüge bekommen. Etliche Kollegen aus Tegel seien schon in Richtung Südosten umgezogen, so ein in Schönefeld tätiger Betriebsrat. Bis zum unabsehbaren BER-Eröffnungstermin müssen sie nun pendeln – nach Tegel.
In Berlin-Schönefeld entsteht der neue Airport Berlin Brandenburg International (BER) - die Frage ist nur, wann er fertig wird. Eigentlich sollte der Flughafen, der auch den Namen des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters und Bundeskanzlers Willy Brandt trägt, bereits 2011 eröffnet werden.
Das musste jedoch verschoben werden. Auch die lang angepeilte Einweihung Anfang Juni 2012 klappte nicht - sie wurde nur vier Wochen vorher abgesagt. Und auch der dritte Termin - März 2013 - ist bereits durch den Oktober 2013 ersetzt worden. Unterdessen explodieren die Kosten: Statt 2,5 Milliarden Euro wird derzeit mit mindestens 4,5 Milliarden Euro gerechnet.
Auch die Politik steht unter Druck - vor allem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der zugleich Aufsichtsratschef der staatlichen Flughafengesellschaft ist.
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Leserkommentare
31.08.2012 11:53 | Luise
@ Karl Gernholz ...
31.08.2012 11:41 | Gegen Ausbeutung
"Leiharbeit, Werkverträge und befristete Beschäftigungsverhältnisse (...) Dieser Flughafen entwickelt sich zu einem Versuch ...
30.08.2012 12:26 | Karl Gernholz
Die gespaltene Gesellschaft ...