Alle dänischen Gesamtschulen sind lahmgelegt – die Lehrer wurden ausgesperrt. Mit der Maßnahme wollen die Arbeitgeber längere Unterrichtszeiten durchboxen. von Thomas Borchert

Müssen zu Hause bleiben: Dänische Schulkinder. Bild: dpa
KOPENHAGEN dpa | Hinter der allseits geschätzten Freundlichkeit der Dänen tritt mitunter verblüffende Härte an den Tag. Die öffentlichen Arbeitgeber Dänemarks haben am Dienstag alle Gesamtschulen („Folkeskoler“) lahmgelegt, indem sie die Lehrer per Aussperrung an der Arbeit hinderten – sie wollen damit längere und flexiblere Unterrichtszeiten erzwingen.
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Ausgerechnet Pädagogen und Schüler der Pflichtschule von der ersten bis zur neunten Klasse sind Betroffene der größten Aussperrung, die es im Königreich je gegeben hat. „Ganz prima“ nennt das Schüler Mikkel Hansen aus einer Fredrikshavner dritten Klasse im Fernseh-Interview.
Er darf den ersten Tag nach Ostern statt auf der Schulbank im „Autohaus Uggerhøj“ verbringen. Überall haben sich Einrichtungen und Privatpersonen bereiterklärt, die Jüngsten zu betreuen. Hier blüht der Pragmatismus der Dänen. Auch viele Schulen stehen offen – ohne Unterricht.
Zeitgleich demonstrieren Lehrer vor den Rathäusern. Sie sind schriftlich über die Aussperrung informiert worden. Die meisten der 69.000 Pädagogen sehen die Maßnahme als brutale Durchsetzung einer „Discountschule“ mit längeren Unterrichtszeiten, aber ohne Zusatzkosten.
Unterrichtsministerin Christine Antorini hat im Dezember überwiegend positiv aufgenommene Reformpläne vorgelegt, unter anderem die Einführung einer obligatorischen Ganztagsschule, finanziert durch neue Arbeitszeitmodelle.
Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt lässt keine Gelegenheit aus, ihren 5,6 Millionen Bürgern die Notwendigkeit von mehr Arbeit und mehr Lernen einzubläuen, mit dem Hinweis auf eine zunehmende globale Konkurrenz.
Dafür will die Regierung an den Gesamtschulen auch „modernes Unternehmensmanagement“ durchsetzen. Starre Tarifverträge zur Pflichtstundenzahl für alle Lehrer seien überholt, sagt der Chefunterhändler der kommunalen Arbeitgeber, Michael Ziegler.
Das in vielen anderen Ländern undenkbare Mittel, Lehrer einfach auszusperren, verteidigte er im Sender TV2 News: „Die Lehrer hatten auch kein Problem damit, uns in den letzten zehn Jahren dreimal mit Streik zu drohen.“ Anders als in Deutschland sind nur wenige der dänischen Pädagogen verbeamtet und damit von Arbeitskämpfen ausgeschlossen.
Auch beim Kampf um die Sympathien der Bürger haben die Arbeitgeber die Samthandschuhe abgelegt. Sie behaupten, Dänemarks Lehrer würden nur 16 Stunden Unterricht pro Woche geben, und Lehrer über 60 hätten Anspruch auf viereinhalb zusätzliche Ferienwochen pro Jahr.
„Privilegien, die sonst absolut niemand in Dänemark hat“, sagt Ziegler. Die Lehrergewerkschaft weist diese Berechnungen als Propaganda zurück.
Einig sind sich in Kopenhagen Beobachter, dass die Dänen richtig sauer werden und ihre Freundlichkeit vergessen, wenn sie ihre Kinder über längere Zeit nicht zur Schule schicken können. Deshalb gilt als sicher, dass Regierung und Parlament den Arbeitskampf zügig per Zwangseingriff beenden werden – und das wohl weitgehend mit den von den Arbeitgebern verlangten Neuregelungen.
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