Unglückliche Schmelzvorgänge

Zermürbungstaktik und die Kunst der Repetition: In „Austin Powers in Goldständer“ macht die Sinnlosigkeit Sinn

Man kann sagen, „Goldständer“ sei idiotisch, absurd und bescheuert. Aber der Film ist auch witzig. Vielleicht kann es helfen, zwölf Jahre alt zu sein und mit Hingabe an die naturgegebene Komik von Körperöffnungen zu glauben. Vielleicht hilft es, Mike Myers so sehr zu mögen, dass es egal ist, wenn er mehr und mehr Raum greift, während alle andere Darsteller verschwinden. Dieses Mal sind es Robert Wagner (Nummer Zwei), Michael York (Basil Exposition) und Michael Caine (Austins Vater Nigel Powers). Doch was immer man gegen Mike Myers ins Felde führt, zumindest als Darsteller holt er alles aus sich heraus. Nachdem er im ersten Teil von „Austin Powers“ den Titelhelden und seinen ewigen Gegenspieler Dr. Evil spielte, in „Spion in geheimer Missionarsstellung“ dann zusätzlich den Part des fettleibigen Schotten Fat Bastard übernahm, ist Mike Myers im dritten Teil „Goldständer“ auch in einer vierten Rolle zu bestaunen. Als Goldständer mimt er den namengebenden Bösewicht, den man als niederländischen Hedonisten wegen seiner unberechenbaren Leidenschaft für Gold, Holzpantoffel, Rollschuhdiscos fürchtet. Seit er sein Genital bei einem unglücklichen Schmelzvorgang verlor, strebt er zudem die Weltherrschaft an. Dr. Evil, Scott, Mini Me, Nummer Zwei und Frau Farbissina sollen ihm dabei helfen.

Der ebenso teuflische wie komplizierte Plan beinhaltet dabei die Entführung von Austin Powers Vater Nigel, eine weitere Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums, ein U-Boot in Menschengestalt, die Schmelzung des Polareises sowie einige Meteoriten. Das Ganze findet aus irgendeinem Grund im Jahre 1975 statt, was Austin Powers dazu nutzt, mit Pimp-Pelzhut, Pimp-Pelzmantel, Pimp-Stiefeln und Pimp-Handstock durch die Kulissen zu spazieren. Goldständer sagt: „Ich bin Holländer, ist das nicht verrückt?“ Woraufhin Foxxy Cleopatra (Beyonce Knowles) ihrem alten Freund Austin Powers zu Hilfe eilt, und schon wenige Minuten später kann sich niemand mehr an den teuflisch komplizierten Plan erinnern.

Wie das Leben selbst: keine wirkliche Handlung und kein Sinn

Das zugrunde liegende Drehbuch von Mike Myers und Michael McCullers ist dabei derart wendungsreich, dass man schon gar nicht mehr von einem wendungsreichen Drehbuch sprechen möchte. Einmal geht es um den Weltuntergang, dann um Vater-Sohn-Konflikte, dann um Haifische, die Laserpistolen an ihren Schädeln tragen. Es heißt, dass der Sinn einer Filmreihe von Fortsetzung zu Fortsetzung leidet, doch bei einer zutiefst sinnlosen Reihe kommt der Sinnverlust dem einzelnen Film mitunter auch zugute. So passiert in „Goldständer“ zwar viel, doch stellt sich nichts davon in den Dienst einer Dramaturgie. So wie die einzelnen Szenen unverbunden nebeneinander stehen, hat die Geschichte keine wirkliche Handlung und keinen Sinn. Sie ist ein bisschen wie das Leben selbst: Erst passieren Dinge, und dann passieren andere Dinge, und dann ist irgendwann Schluss. Das Und-dann-und-dann-Prinzip liegt dabei leitmotivisch über dem gesamten Film. Überhaupt setzen Mike Myers und Regisseur Jay Coach auf die Zermürbungstaktik und die hohe Kunst der Repetition. Pointen und Aussagen werden gedehnt, gedoppelt und drei- oder viermal aufgenommen, nur um sie hinterher nochmals und nochmals zu erzählen. Dass dabei auch die Witze aus Teil eins und Teil zwei wieder zum Einsatz kommen, versteht sich von selbst.

Neu ist hingegen der hohe Anteil von Holländerwitzen, denn in „Goldständer“ wird alles Holländische von allen Nichtholländern missachtet. Vor allem Nigel Powers fasst den Umstand mit folgender Formulierung schön zusammen: „Auf der Welt gibt es zwei Dinge, die ich nicht mag. Menschen, die die Meinung anderer nicht respektieren. Und Holländer.“

Ob dabei schließlich der gemeinsame Abscheu vor dem Holländer die Welt zu retten vermag oder ob es vielmehr die überraschenden Famlienbande sind, die sich plötzlich aus dem Geschehen stülpen, ist nicht ganz klar. Fest steht jedenfalls, dass das Ende auch einen vierten Teil noch zulässt. Nicht sicher ist allerdings, ob die Welt noch einen vierten Teil braucht.

HARALD PETERS

„Austin Powers in Goldständer“. Regie: Jay Roach. Mit Mike Myers, Beyonce Knowles, Seth Green, Michael York u. a., USA 2002, 95 Minuten