Flyer vorm Check-in

Antirassistische Gruppen haben gestern in Schönefeld gegen die Abschiebung von Flüchtlingen protestiert

Die fünf Beamten vom Bundesgrenzschutz sind schwer irritiert: „Sie müssen veranlassen, dass eine Durchsage gemacht wird“, beschwören die Schirmbemützten den Sicherheitsmann des Flughafens. Aber der blau-weiß Uniformierte zaudert. Zwar verstellen junge Protestierer die Abfertigungshalle fast in ganzer Breite. Doch die Fluggäste um Verständnis für die Behinderung zu bitten käme einer Bankrotterklärung seines Berufsstandes gleich.

Etwa zwanzig Minuten zuvor hatte die etwa 60-köpfige Gruppe den Bereich vor dem Check-in geentert, „Abschiebung ist Folter“ gerufen und die blau-orange Flyer der Aktion „deportation.class“ an Passagiere verteilt. „Bleiberecht für alle“ „Grenzen auf für Menschen“ ist auf Protestlaken zu lesen. Weil sie gegen die gewaltsame Abschiebung von Flüchtlingen sind, sabotieren die Aktivisten der „Jungen Demokraten“ und der „Jungen Linken“ den Tagesablauf des Flughafens Schönefeld. „In diesem Moment werden Menschen gegen ihren Willen von diesem Flughafen abgeschoben“, heißt es auf ihren Handzetteln. Doch auf dem Rollfeld blieb es still.

Der Flug mit den 12 Kosovo-Kriegsflüchtlingen, gegen den sie protestieren wollen, sei bereits am Freitag zuvor gestartet, sagt später Berlins Ausländerbeauftragte Barbara John auf Nachfrage. Etwa 3.000 Kosovo-Kriegsflüchtlinge gebe es in Berlin, schätzt sie. Hier bleiben dürfe nur, wer sich in psychologischer Behandlung befinde oder von Erlebtem traumatisiert sei, minderjährige Waisen, Ältere, Zeugen von Kriegsverbrechen. Auf ganze vier Kosovaren träfe dies bisher zu. Auch wer seit mindestens zwei Jahren einen Job hat oder seit sechs Jahren hier lebt, kann bleiben, ist in einer Anordnung der Senatsinnenverwaltung zu lesen. Das gelte jedoch für die wenigsten, sagt John. Freiwilligen Rückkehrern zahle das Land 2.000 Mark Starthilfe, weitere 6.000 bekämen Existenzgründer für sich und ihre Familien. Bereits 100 nutzten in diesem Jahr die Chance.

Auch wenn der Flug gestern gestartet wäre, hätte er die Routine im Terminal nicht im Geringsten gestört – ganz anders die Protestler mit ihren Flyern gegen die Lufthansa. Immerhin war der Profit der Kranichlinie durch die Abschiebeflüge bereits Thema auf der Aktionärsversammlung am 20. Juni. „Viele Passagiere ärgern sich nur darüber, warum macht ihr so etwas?“, bezweifelt ein etwa 30-jähriger Fluggast den Sinn der Aktion. „Wir müssen dahin, wo die Leute sind, die sich nicht für Politik interessieren“, entgegnet eine der Protestierenden.