Mechanismen der erotischen Phantasie

■ Objekt des Lesers: Lange nur als Aids-Autobiograf und Foucault-Freund gewürdigt, liegen jetzt endlich zwei der schwulen Erzählungen Hervé Guiberts auf Deutsch vor

In den achtziger Jahren mauserte sich Hervé Guibert zu einem der spannendsten Literaten in Frankreich. Mit seinen schwulen Werken war er hauptsächlich einer kleinen Literatenschar bekannt. Er wurde in Frankreich und Deutschland mit dem Roman Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat Ende der Achtziger schlagartig berühmt. Dieses autobiografische Werk beschrieb neben seiner eigenen Krankheit auch das Sterben seines Freundes Foucault an Aids.

Guibert starb 1991 erst 36-jährig an den Folgen von Aids und hinterließ ein umfangreiches Werk von gut zwanzig Büchern. Die eigentliche literarische Kunst Guiberts aber wurde in den deutschen Feuilletons weitgehend ignoriert. Von seinen schwulen Erzählungen hat der Hamburger MännerSchwarm-Skript-Verlag nun zum ersten Mal Fou de Vincent und Les Chiens ins Deutsche übersetzen lassen und zeigt den großen Literaten in einer neuen Weise.

Seine Literatur wird von autobiografischen Fragmenten bestimmt, in denen er sein eigenes schwules sexuelles Leben beschreibt. Dabei kehrt er sein Innerstes nach außen, lässt die Leser tief in seine Seele blicken. Ihm geht es weniger darum, vordergründig Tabus zu verletzen, sondern um das Erforschen von Körper und Seele. Er findet in seinen Werken zu einer eigenen, tatsächlich neuen Sprache der Erotik.

In Verrückt nach Vincent beschreibt er in einem Rückblick die sieben Jahre dauernde Beziehung zu Vincent. Hier gibt sich Guibert voll und ganz den Lesern preis und macht sich zum Objekt. Zum Objekt der Spielereien des Vincent, zum fast schon obszönen Objekt der Leser, die er in die tiefsten Ecken der Seele blicken lässt. In Die Hunde hört der Erzähler die Geräusche, die ein Mann und eine Frau in der Nachbarwohnung beim Geschlechtsverkehr machen. Im Kopf des Erzählers wird der Liebhaber der Frau zu seinem eigenen, der ihn demütigt und missbraucht. Diese Geschichte gipfeln in den unterschiedlichsten Phantasien, die wie Blitzlichter kurz aufflackern und dann in eine weitere Phantasie münden. Eine der beeindruckendsten Beschreibungen der Mechanismen erotischer Phantasie.

Dem Kuriosum, dass Guibert erst durch Texte über sein Sterben bekannt wurde, wird mit diesem Werk Abhilfe geschaffen. Nun können wir, knapp acht Jahre nach seinem Tod, das literarische Werk kennenlernen.

Hervé Guibert: Verrückt nach Vincent & Die Hunde. Erzählungen, MännerSchwarmSkript, Hamburg 1999, 96 S., 29,80 Mark