Eine Frau fällt aus der Welt

Wie reagieren, wenn der Ehebruch keine Flucht in eine andere Welt ist? In Nicolette Krebitz’ Ehedrama „Das Herz ist ein dunkler Wald“ entdeckt eine Frau, dass ihr Mann noch eine zweite Familie hat, die der ersten bestürzend ähnlich ist

Es ist ein Stoff, wie ihn das frauenaffine Fernsehen liebt: Am Anfang ist da der morgendliche Alltag in einem Einfamilienhaus: Marie (Nina Hoss), ihre zwei Kinder und ein Ehemann (Devid Striesow), der auf dem Sofa schläft. Er sei so spät gekommen letzte Nacht, er habe sie nicht wecken wollen. Es folgt das übliche gemeinsame Frühstück, das irgendwie verunglückt. Auf ihren routinierten Wegen ins Bad, in die Küche, ins Schlafzimmer reden sie aneinander vorbei, alles wie immer. Dann vergisst der Ehemann, Thomas, ein Musiker, auf seinem Weg zur Arbeit etwas. Marie steigt aufs Fahrrad und fährt ihm nach. Und staunt, als er an seinem Arbeitsplatz nicht anhält, sondern vorbeifährt. Und wundert sich, als sie ihm bis zu einem anderen Einfamilienhaus folgt. Und begreift die Welt nicht mehr, als sie sieht, wie er dort hineingeht, an einem weiteren Frühstückstisch Platz nimmt, eine andere Frau umarmt und ein anderes kleines Kind küsst.

„Das Herz ist ein dunkler Wald“ ist die zweite Regiearbeit der Schauspielerin Nicolette Krebitz, die hier auch das Buch schrieb. Obwohl Krebitz schon große Rollen im Theater und Kino gespielt hat, werden die meisten sie aus Fernsehproduktionen wie „Der Tunnel“ kennen. Mit dem, was als deutsche Produktion heutzutage so im Fernsehen läuft, aber hat „Das Herz ist ein dunkler Wald“ denkbar wenig Ähnlichkeit.

Krebitz konzentriert das Drama ihres Films nicht wie sonst üblich auf den Ehemann mit dem Doppelleben, sondern auf Marie, die bis dato ahnungslose Ehefrau, die der Anblick ihres Mannes inmitten seiner Zweitfamilie weder in Eifersucht oder Rage versetzt noch bedürftig macht nach Aussprachen oder Erklärungen. Selbst mit Schock ist ihre Reaktion noch nicht ganz richtig beschrieben. Unter Marie nämlich tut sich schlicht der Erdboden auf.

Für diesen seelischen Notstand des Aus-der-Welt-Fallens hat Krebitz eine ganze Reihe merkwürdiger und eindrücklicher Bilder gefunden. So gleicht das Haus von Thomas „Zweitfamilie“ dem, in dem Marie wohnt, in unheimlicher Weise: Der gleiche Flachbau aus roten Ziegeln mit Fensterfront und halbverglastem Eingang, eigentlich sind sie nur an der Hausnummer auseinanderzuhalten. Das Kind der Zweitfrau heißt Paul, so wie Marie und Thomas den gemeinsamen Sohn nennen wollten. Gerade diese Spiegelungen des eigenen Lebens sind es, die es für Marie so schwer machen, „angemessen“ zu reagieren.

Obwohl, was wäre eigentlich die angemessene Reaktion auf die Entdeckung, dass man die Position der Ehefrau und Familienmutter, in der man sich einzigartig glaubte, schon lange mit einer anderen teilt? Marie auf jeden Fall läuft in den Wald, bricht zusammen, erhebt sich wieder, kommt an eine Bushaltestelle und sieht ein Kind – und eilt nach Hause. Was am Morgen noch als lästiger Alltag erschien, der bei ihr zu chronischer Übermüdung und schlechter Laune führte, ist nun gleichsam das verlorene Paradies, in das sie sich verkriechen möchte. Doch das Gesehene lässt sich nicht ungesehen machen. Marie tröstet die Kinder, telefoniert weinend mit Thomas, der ihr am Abend einen psychologischen Notdienst ins Haus schickt. Es ist eine bizarre Szene: Wie Polizisten verschaffen sich diese „Helfer“ Eintritt, kontrollieren den Zustand der Kinder („Sie schlafen“), fühlen der traumatisierten Mutter den Puls, die sich tief gedemütigt fühlt, und verschwinden wieder. Danach ist endgültig nichts mehr, wie es vorher war.

Nina Hoss verkörpert diese Marie einmal nicht als die schöne Verschlossene, sondern zerzaust, müde und auf den ersten Blick fast unscheinbar, was ihrer Intensität keinen Abbruch tut. Devid Striesow in der Rolle des Ehemanns macht das, was er wie kein Zweiter kann: Er gibt den völlig durchschnittlichen Lügner und Betrüger, dessen Geheimnis seine völlige Geheimnislosigkeit ist. Marie reist schließlich ihrem Thomas nach, der auf einem abgelegenen Anwesen an einem See abends ein Konzert gibt. Die Szenerie des Films erscheint zunehmend unwirklicher: eine merkwürdige Villa, bevölkert von merkwürdigen Menschen, zwischen denen Marie immer mehr die Fühlung mit der Realität verliert. Ihren seelischen Zustand aber inszeniert Krebitz auf beklemmend wirkliche Weise: An einer Stelle steigt Marie völlig nackt in einen Bus; ein Gespenst ihrer selbst, gleichzeitig unheimlich verletzlich und völlig unnahbar. Es ist früh am Morgen und noch sind keine anderen Passagiere zugestiegen. Der Busfahrer auf jeden Fall traut sich das Anhalten nicht mehr und fährt die nackte Frau durch die Gegend – ein berückend harmloses Bild für drohendes Unheil.