Strömen zum Nullwachstum

KONFERENZ Ab Dienstag in Leipzig: Beispiele und Diskussionen zur Überwindung der Unendlichkeit

REHSEN taz | Immer mehr Menschen und Institutionen beschäftigen sich mit dem Thema „Degrowth“ oder Wirtschaftsschrumpfung – dem absehbaren Ende eines Systems, das in einer endlichen Welt auf einer unendlich wachsenden Ökonomie fußt. Schon im Vorfeld des erstmals dazu in Deutschland stattfindenden internationalen Kongresses gab es unter dem Titel „Stream to Degrowth“ (vom englischen Strömen, Strom) zahlreiche Veranstaltungen. Gerade radelt eine von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierte 21-köpfige Gruppe von Potsdam in Richtung Leipzig, wo am Dienstag die fünftägige Großveranstaltung beginnen wird.

Als Reiseleiterin fungiert die Allmende-Expertin Silke Helfrich (commonsblog.de) zusammen mit Thomas Handrich von politische-radreisen.de. Die Lebeszusammenhänge der Teilnehmer reichen von links-autonom bis zur Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie besuchen Gemeinschaftswerkstätten und Lebensgemeinschaften, solidarisch bewirtschaftete Bauernhöfe und von Bürgern wiederbelebte Bahnhöfe. Sie radeln durch weite, einsame Wiesenlandschaften, ernten von Zwetschgenbäumen am Wegesrand.

Der Degrowth-Kongress zieht Menschen an, die die Überzeugung teilen, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem nicht zukunftsfähig sein kann, und nach Auswegen suchen. Schon zwei Wochen vor Beginn hatten sich 2.700 Menschen angemeldet und die Veranstalter erklärten den Kongress für ausgebucht.

Bisher sind alle Versuche gescheitert, die Wirtschaft durch Effizienzsteigerungen oder „Green Growth“ (Nachhaltiges Wachstum) global tragfähig zu machen. Die Behauptung, die Weltgesellschaft könne im Kapitalismus gemeinsam im Wohlstandsaufzug nach oben fahren, hat sich als reine Ideologie erwiesen. Auch deshalb reift nun in Kreisen diesseits und jenseits des linksalternativen Spektrums die Überzeugung, dass eine grundlegende Transformation nötig ist. Vordenker wie André Gorz oder Serge Latouche haben das schon vor Längerem formuliert. Vor sechs Jahren fand die erste große Konferenz zum Thema statt – nicht von ungefähr organisiert in Italien, Spanien und Frankreich. Nun ist das Thema auch auf breiterer Ebene in Deutschland angekommen. Auch wenn der Spiegel in seinem Leitartikel vom 25. August zur deutschen Wirtschaftspolitik das Thema noch völlig ignoriert. Auf dem Leipziger Kongress sollen nun die Wege hin zu solch einer neuen ökosolidarischen Gesellschaft erkundet werden – theoretisch und praktisch.