So gut, wie die Deutschen Autos bauen, machen die Araber Witze

ILB 9 In Haus 6 der JVA Tegel las Chalid al-Chamissi aus seinem Buch über Taxis in Kairo, in dem der Hass auf Mubarak schon zu spüren war

„So, da wären wir bei Haus 6“, sagte Herr Briemle. Haus 6 könnte, von außen betrachtet, ein billiges, aber gemütliches Hotel am Mittelmeer sein, mit beigem Anstrich und Blumen im Garten, wenn die Gitter vor den Fenstern nicht wären. Haus 6 ist ein Gebäude der Justizvollzugsanstalt Tegel, und Herr Briemle ist Leiter der Sozialpädagogischen Abteilung.

Der äyptische Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller Chalid al-Chamissi liest hier aus seinem Debütroman „Im Taxi: Unterwegs in Kairo“ vor. Ob ihm die Idee, in einer Haftanstalt vorzulesen, gefallen habe? „Ich war noch nie in einem Gefängnis und hatte noch nie Kontakt zu Kriminellen“, erzählt er. „Aber die Idee finde ich sehr gut.“ So gut die Idee auch ist – es kommen nur 4 von 850 Inhaftierten zu der Lesung. Viel Werbung für die Lesung hat man nicht gemacht. Man ging davon aus, dass der Fernseher in den Einzelzimmern sowieso interessanter sein würde.

Warum hat Chalid al-Chamissi ein Buch über Taxis in seiner Heimatstadt geschrieben? In Kairo gebe es eine Viertelmillion Taxifahrer, 90.000 Taxis, und da der öffentliche Nahverkehr quasi nicht existiere, seien die 18 Millionen Stadtbewohner auf dieses Fortbewegungsmittel angewiesen. „Taxis sind das Thermometer der Stadt“, sagt al-Chamissi. Die Ägypter lieben es, Geschichten zu erzählen, und in diesem sicheren Kommunikationsraum haben sie die Möglichkeit, Intimes preiszugeben. Noch vor drei Tagen habe ihm ein Taxifahrer ausführlich von den Missgeschicken seiner Hochzeitsnacht erzählt.

Das Buch schrieb der Autor in den Jahren 2005/06. „Auch wenn die Revolution erst 2011 real wurde, war der große Hass gegen Staatspräsident Mubarak zu spüren“, erzählt er. Daher gilt der Roman als eine Prophezeiung der politischen Aufstände. Al-Chamissi hat die Stimmung der Straße genau beobachtet, sie in klugen und doch witzigen Dialogen zwischen Taxifahrer und Kunde in 58 fiktiven Kurzgeschichten festgehalten.

In einer der Geschichten begegnet dem Leser ein Taxifahrer, der die Weltpolitik aufmerksam verfolgt und verärgert ist, über das, was er täglich im Radio hört. „Was passiert, wenn wir Amerika zur Zerstörung ihrer Atomwaffen zwingen und von ihnen Wirtschaftssanktionen fordern, so wie sie es immer tun? Warum sagt man ‚Amerikaner‘ und nicht ‚weißer, protestantischer Amerikaner‘ oder ‚irischer, katholischer Amerikaner‘, so wie sie über uns sagen: Heute starb ein schiitischer Iraker.“ Dann hat der Erzähler es mit einem Taxifahrer zu tun, der dreimal während der Fahrt einschläft und jedes Mal aufs Neue schwört, wach zu bleiben. Der Taxifahrer berichtet am Ende, er fahre seit drei Tagen und müsse noch drei weitere durchfahren, um die Raten für sein Auto bezahlen zu können: „Nur zum Pissen verlasse ich dieses Auto!“

„So gut, wie die Deutschen Autos bauen, machen die Araber Witze“, sagt Chalid al-Chamissi. Daher stecke in jeder der Kurzgeschichte, egal wie tiefgründig und wuterfüllt sie sei, viel Esprit. Ohne Humor könne man nicht über die Straße schreiben. „Mit diesem Humor haben wir uns gegen den Diktator gewehrt.“ Sein Buch gefällt den Inhaftierten, und alle wollen ein unterschriebenes Exemplar mitnehmen. Sie haben viel gelacht, Interesse für die ägyptische Gesellschaft gezeigt, sich aber auch gelangweilt, wenn Chalid al-Chamissi sich in der Analyse des politischen Systems seines Landes verlor. Der Witz in den Geschichten hat den kahlen, trostlosen Raum mit den harten Holzstühlen ein wenig gemütlicher gemacht.