Putten putzen

Wie man ein Schloss putzt, ohne dabei alles kaputtzumachen. Auf Schloss Augustusburg in Brühl kann man es sich zeigen lassen

„Den Flügel hat der Staubsauger abgerissen. Aber wir haben ihn mit Uhu wieder angeklebt.“ Marlies Wolz schüttelt den Mopp in ihrer rechten Hand, lacht und nimmt die Sache mit dem Uhu schnell wieder zurück. Am Ende, sagt sie, fragt womöglich noch einer Frau Meiser, ihre Chefin, ob Stuckengel auf Schloss Augustusburg wirklich mit Kleber geflickt werden. Und Staub, der sich auf einen Engel legt, wird selbstverständlich abgepinselt, nicht abgesaugt. Neben Marlies Wolz steht ein Mann, der auch das nicht für besonders klug hält: „Dann kommt der Staub doch immer wieder hoch.“ Er könnte pensionierter Physiklehrer sein, einer, der immer das letzte Wort hat. Heute hat es aber Marlies Wolz, und die sagt: „Dass der Schmutz wieder hochkommt, ist nun mal der Lauf der Welt, da können wir auch nichts machen.“

Seit achtundzwanzig Jahren pinselt sie mit vier KollegInnen Putten, Rosetten, Konsolen und Kapitelle. Zwei Monate dauert es, bis in dem Brühler Schloss alles einmal abgepinselt ist. Sie wischen Stufe für Stufe in Balthasar Neumanns zwanzig Meter hohem Treppenhaus, reinigen Fenster in hundertzwanzig Zimmern, polieren zweiundzwanzig Kilo schwere Kronleuchter, bohnern Parkett und wienern Marmorböden. Alles Rokoko, seit zweiundzwanzig Jahren Weltkulturerbe. Die Idee mit den Führungen kam vor zwei Jahren. „Auf einem Fest. Frau Meiser sagte, sie wolle Sonderführungen machen. Und ich sagte: Womöglich übers Putzen, das möchte mir einfallen.“ Frau Meiser war ganz hingerissen von der Vorstellung, dass Marlies Wolz den Besuchern erklärt, wie man ein Schloss putzt, und fragte sofort, für wann sie die erste Führung einplanen könne. Marlies Wolz versuchte es noch einmal: „Das war doch jetzt Blödsinn.“ – „Für mich nicht“, antwortete Frau Meiser. Sie nannten die Führung „Ein guter Geist erzählt – Wie wird ein Schloss gereinigt?“. Sie ist immer ausgebucht.

Marlies Wolz steht im Kassenraum. Ihr Hände sind rau, die Fingernägel kurz. Sie knabbert an den Nägeln, wenn sie nervös ist. Vor einer Führung knabbert sie nie. Egal wie viele Leute da sind. Heute drängeln sich der pensionierte Physiklehrer und etwa zwanzig seiner Freunde um sie, Eltern, deren Kinder zusammen in die Schule gegangen sind und jetzt irgendwo studieren. Marlies Wolz trägt einen grauen Kittel. Den sie auch beim Putzen trägt. In seinen acht gelben Taschen stecken die Pinsel, mit denen sie den Staub von den Stuckengeln fegt, und ihr Walkman. Sie könne arbeiten wie eine Bekloppte, wenn sie Karnevalsmusik höre oder so bayrische Humtatamusik, sagt sie. „Da kann ich einen ganzen Raum für mich alleine machen, das macht mir nichts aus.“ Unter ihrem Kittel wölbt sich ein Bäuchlein, das ihr das Leben auf Schloss Augustusburg sehr erleichtert: Sie muss nie in die Klappe mit den Kurbeln für die Kronleuchter: „Wir haben zwei Schmale, die gehen da rein und kurbeln, bis die Leuchter tief genug hängen und gereinigt werden können.“

Wieder wirbelt der Mopp durch die Luft. Sie nennt ihn „Mopp für faule Leute“, denn sein Stil ist so lang, dass sie sich nicht bücken muss. Sie spricht hemmungslos, endlos. Schon in der Schule hat sie so gesprochen, sie konnte nie anders. Wer mit ihrer Mischung aus rheinländischem und Brühler Platt nicht aufgewachsen ist, sollte gar nicht erst probieren, sie zu kopieren. Nur so viel: Ihr Dialekt passt zu ihrer knolligen Nase, zu den kurzen, grauen Haaren, der großen, getönten Brille – aber nicht zu dem pensionierten Physiklehrer und seinen Freunden. Trotzdem redet Marlies Wolz mit ihnen wie mit Leuten, die sie gerade in einer Eckkneipe kennen gelernt hat: „Sie denken jetzt, die Fenster, wie oft machen wir die? Die werden immer, wenn sie dreckig sind, geputzt. Und jetzt fragen Sie, mit welchem Zeug. Also, ich will Ihnen einen guten Rat geben: Nehmen Sie Essigessenz, ja, bestes Zeug, was es gibt. Sie können Pril nehmen, Sie können allerlei Schnickschnack nehmen: Das ist nicht das, was Essigessenz bringt. Da brauchen Sie nicht nachzureiben, mit dem Vileda nur kurz rübergehen und dann war’s das. Tun Sie das aber mit Pril machen, dann kommt die Sonne und bringt’s an den Tag. Sie ärgern sich kaputt und sind nur am Putzen. Wenn Sie keinen richtigen Lappen haben, dann würde ich sagen, wenn Sie ein altes Handtuch haben, schneiden Sie das auseinander. Dann können Sie wunderbar die Scheiben damit abputzen. Da brauchen Sie noch nicht einmal Leder haben. Jetzt fragen Sie mal, wie viele Fenster wir haben? Dreihundertsechzig Fenster haben wir, und einmal im Jahr müssen die gemacht werden. Und wir haben ja manche Fenster, die sind kompliziert. Da kommen Sie nicht mit der Leiter ran. Da steht die Heizung. Da hängen Sie ein bisschen in der Luft.“

Früher ist Marlies Wolz überall hochgeklettert. Aber inzwischen ist sie zweiundsechzig, die Schulter und der Rücken tun ihr weh. Vom langen Stehen hat sie dicke Beine. Die Stufen im Treppenhaus sind höher als normale Stufen. Wenn sie oben angekommen ist, braucht sie erst einmal eine Viertelstunde, so kaputt ist sie. „Die hasse ich, die Treppen. Und ich muss sagen, ich hab’ Glück, dass ich als Vorarbeiterin die Kollegen hochschicken darf.“ Sie könnte auch die dicken Beine hochlegen. Aber sie möchte weitermachen, bis fünfundsechzig. Ohne das Putzen und die Führungen fehlt ihr was. „Ich leb’ alleine, direkt im Schlosspark, in dem gelben, schmalen Haus.“ Das Haus hat sehr breite Türen, deshalb ist sie vor vierzehn Jahren, als ihr Mann noch lebte, mit ihm dort eingezogen. Er saß im Rollstuhl. „Trotzdem hat er Holz gehackt. Was der geschafft hat, schaffen nicht mal gesunde Menschen.“

Jetzt hackt sie ihr Holz alleine. Einen Mann, der ihr dabei hilft, findet sie nicht. „Wenn ich nur vom Holz anfange, sind die schon weg.“ Auch Kinder hat sie keine. Außer die im Schloss natürlich. Jeden Morgen hält sie einen kurzen Plausch mit Kurfürst Clemens August. So wie er da hängt, in Öl und goldgerahmt. Er antwortet zwar nicht, aber manchmal zwinkert er ihr zu. Sie lacht. Gerne und laut. Sie kommt aus einer echten Karnevalsfamilie, der Bruder war ständig in der Bütt. Aber die Karnevalsbühne ist nicht ihre. Ihre ist das Schloss, in das sie jeden einlädt, der ihr begegnet. „Ich sage nur: Mensch, wenn du mal Langeweile hast zu Hause und dein Mann macht Stunk, dann siehst du dir die Führung an. Da kriegst du was zu lachen.“ Und schon ist die Bude voll. Wenn sie in den Urlaub fährt, nimmt sie in ihrem Rucksack immer Prospekte mit und verteilt sie in den Hotels: „Cottbus, Spreewald, überall.“

Frau Meiser kann sich glücklich schätzen. Erst wollte Marlies Wolz gar nicht, jetzt näht sie sich für ihre Auftritte sogar ein Kostüm mit Rock, Bluse und Schürze. Ein Häubchen will sie dazu häkeln und Pantoffeln zum Bohnern schneidern. Mit Fransen. „Jetzt muss ich mal gucken, noch ein Tipp. Also, wenn Sie waschen, und Sie haben vergessen, Lenor in die Waschmaschine reinzutun, dann brauchen Sie keine Angst zu haben. Ich habe es ausprobiert: Dann tun Sie ein bisschen Lenor in Wasser rein, mischen das schön, und tun das auf das Zeug draufspritzen, vorm Bügeln. Dann kriegen Sie wunderschöne, weiche Tischdecken. Oder zum Beispiel, wenn Sie eine Schere haben, die ist jetzt rostig geworden. Nicht wegschmeißen. Tun Sie sie in Coca-Cola rein. Das hat meine Freundin ausprobiert, geht wirklich.“

Die Freundin, die ihre Schere in Coca-Cola eingelegt hat, brachte sie auch auf die Idee, für die Schlossbesucher Haushaltstipps zu sammeln. Schließlich müsse man nicht nur aufpassen, wenn man ein Schloss putze, sondern auch zu Hause. „Man kann sich ja nicht jedes Jahr neue Möbel kaufen.“ Recht hat die Freundin, doch Marlies Wolz besteht darauf, dass Putzen nicht gleich Putzen ist. „Ich habe in Kneipen gearbeitet und im Altersheim. Ich habe Putzen von der Pike auf gelernt. Und im Krankenhaus kann ich einen Eimer Wasser kippen, nicht in den Räumen, aber in den Fluren. In der Kneipe kann ich auch einen Eimer Wasser kippen. Aber hier habe ich mal einen Eimer Wasser gekippt und die ganzen Steckdosen unter Wasser gesetzt. Ich habe hier früher geputzt wie in der Gastwirtschaft, bis unser Kastellan gesagt hat: Das geht nicht, Frau Wolz, Sie dürfen hier nicht so matschen wie in der Wirtschaft. Das ist hier ein Schloss.“

Sie schwingt den Mopp in Richtung Kapelle. Der pensionierte Physiklehrer und seine Freunde marschieren voran, formieren sich zu einem Halbkreis und blicken erwartungsvoll auf den Kasten in Frau Meisers Händen. „So, hier dürft ihr dran fummeln, an den Stoffen. Da haben sie extra so einen Fummelkasten gemacht. Können Sie ruhig anfassen, das sind alles die Wandbespannungen im ganzen Haus.“ Hände fahren über Samt und Seide: „Oh, das fühlt sich ja schön an, schön weich.“ – „Und hier ist die feine Bürste, mit der wir über den Vorhang gehen. Die können Sie auch mal fühlen. Die ist auch schön weich.“ Hände greifen nach der Bürste. „Das ist Ziegenhaar, oder?“ – „Ja. Und hier der Kamin, da dürfen Sie mit keinem Wasser ran. Das wird alles abgepinselt, genau wie der Stuck. Außer an den Lampen und den Fenstern dürfen Sie hier nichts mit Wasser machen.“ – „Dann verteilen Sie den Staub ja wieder nur.“ Der Physiklehrer. Marlies Wolz bleibt dabei: „Zu Hause können Sie es ja mit einem Vileda machen. Aber wenn Sie hier zum Beispiel mit einem Staubtuch von einem Ende zum anderen rüberschieben, kratzt alles hin und her. Der Staub kann noch so fein sein. Haben Sie antike Schränke, die wirklich von Wert für Sie sind und sehr teuer? Dann gehen Sie lieber einen Pinsel holen. Die Vorhänge hier, die werden aufgemacht, die Fenster auch, dann wird geschüttelt und wir gehen mit einer weichen Bürste von innen drüber. Wir dürfen die Vorhänge nicht waschen, dann laufen die ein. Wir dürfen nicht mit Scharfem dran. Das ist alles feine Seide. Die weißen Dinger da an den Fenstern, die werden gewaschen, einmal im Jahr. Wir haben Waschmaschinen, zwei Stück, da werden die reingestopft. Wir sind ja keine Putzfrauen, das muss ich noch mal sagen. Wir sind Schlossarbeiterinnen. Wir müssen alles machen, was hier anfällt, vom Kanal angefangen bis zum Dach.“

Bei Staatsempfängen passen die Schlossarbeiterinnen auf, dass die Gäste nicht ihre Gläser auf den Stuckengeln abstellen. Marlies Wolz ist bei solchen Empfängen schon Reagan begegnet, Jimmy Carter, Königin Elisabeth und Königin Silvia. Auch Breschnew hat sie gesehen. Keiner hat ihr die Hand geschüttelt. Aber Königin Elisabeth hätte sie fast reich gemacht. Die Königin trug ein Kleid mit Glasperlen. Als sie mit dem schweren, breiten Kleid durchs Treppenhaus ging, blieben die Perlen am Geländer hängen. Marlies Wolz hatte plötzlich ein Vermögen in der Hand. „Ein Mann sagte, siebenundzwanzig Mark pro Perle. Also Perlen waren das ja nicht, nur so Splitter.“ Sie musste die Splitter wieder abgeben. „Aber das war schon interessant, diese Mode. Jetzt ist die Mode ja nicht mehr so schön, mit den Jeans und so.“

Eine Führung dauert anderthalb Stunden. Trotzdem schreibt sich Marlies Wolz vorher nicht auf, was sie in den anderthalb Stunden erzählen wird. „Das habe ich alles im Kopf.“ In dem Moment, in dem sie es erzählt. Ist die Führung vorbei, kann sie nicht wiederholen, was sie gerade erzählt hat. Deshalb nimmt sie für das Buch, das sie mit ihrem Vetter über die Führungen schreiben will, alles mit einem Diktiergerät auf. Der Vetter gibt es dann in den Computer ein, und die Cousine hat eine Druckerei. „Ich möchte gerne so Bücher machen, wissen Sie, mit Fortsetzung folgt, denn Spannung ist das Schönste.“ Wann das erste Buch erscheint, kann sie noch nicht sagen. Wann sie ihre nächste Führung macht auch nicht. Der neue Plan mit den Sonderführungen ist noch nicht heraus.