Gotovinas Fans machen mobil

Zehntausende gehen für verhafteten kroatischen Exgeneral auf die Straße. Jetzt wächst auch der Druck auf Belgrad, Ratko Mladić und Radovan Karadžić dingfest zu machen

SARAJEVO | taz ■ | Zehntausende protestierten gestern in Split und anderen kroatischen Städten gegen die Verhaftung ihres Exgenerals Ante Gotovina. Die Protestbewegung der kroatischen Veteranenverbände ist zwar beeindruckend, doch ändern wird sie nichts. Der Exgeneral befindet sich bereits in der Obhut des UN-Tribunals in Den Haag und wird dort auch bis zu seinem Prozess bleiben. Der Polizeichef Zagrebs wurde entlassen, weil er nicht scharf genug gegen erste Pro-Gotovina-Demonstrationen vorgegangen war.

Die kroatische Gesellschaft insgesamt ist erleichtert. Denn nun würde der Zug nach Europa die Fahrt aufnehmen, heißt in den meisten Medien. Nachdem die Regierung versprochen hat, dem Verhafteten juristische Hilfe zu gewähren, kann der Fortgang des Verfahrens abgewartet werden. Viele Kroaten sehen mit der Anklage gegen Gotovina die Legitimität der militärischen Offensive „Sturmwind“ von 1995 in Frage gestellt. Die kroatischen Truppen hätten lediglich die von Serben besetzten Gebiete in Kroatien zurückerobert, ist vorherrschende Meinung.

Was für die Öffentlichkeit zählt, ist, dass die Anschuldigungen fallen gelassen werden müssen, Gotovina habe sich in den letzten Jahren in Kroatien versteckt gehalten. Denn nach Angaben des spanischen Innenministeriums hat sich Gotovina während seiner vierjährigen Flucht mit falschem Pass unter anderem in China, Russland und Lateinamerika aufgehalten. Der letzte Ausreisestempel vom 25. November stamme von der Insel Mauritius im Indischen Ozean.

Das Hotel in Teneriffa, wo er festgenommen wurde, war ein Luxushotel. Man brauche nur ein gesuchter Kriegsverbrecher zu sein, um ein Luxusleben auf der ganzen Welt zu führen, sagte ein Redakteur des satirischen Wochenblatts Feral Tribune aus Split. Und auch der Name im gefälschten Pass regt zum Schmunzeln an: Kristian Horvath – der christliche Kroate. Diese Kombination hatte jeden Zöllner stutzig machen müssen.

Mehr Aufregung verursachen Gerüchte, die Verhaftung Gotovinas sei zwischen Zagreb, Wien und Den Haag abgesprochen gewesen. Auffallend ist, dass nach dem Besuchs des österreichischen Bundeskanzlers Schüssel in Split im August sich die Dinge beschleunigten. Schon Mitte September waren die Geheimdienste auf der Spur des Gesuchten. Kurze Zeit später bescheinigte Carla del Ponte überraschenderweise Kroatien, mit dem UN-Tribunal zu kooperieren. Österreich setzte in der EU durch, die wegen Gotovina vertagten Gespräche über eine Mitgliedschaft mit Kroatien aufzunehmen.

In Belgrad hätte man eigentlich in Jubel ausbrechen müssen, ist doch mit Gotovina ein Mann verhaftet worden, der Kriegsverbrechen an 150 Serben begangen haben soll und schuld am Verlust der damals mehrheitlich von Serben bewohnten Krajina ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Serbiens Öffentlichkeit ist schockiert“, erklärte die serbische Menschenrechtsaktivistin Nataša Kandić. Jetzt, da Kroatiens Problem gelöst sei, wachse der Druck auf Belgrad, ebenfalls mehr zu tun, um die flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić und Ratko Mladić festzunehmen.

Für Belgrad war es bequem, als Kroatien trotz des flüchtigen Gotovina wieder mit der EU ins Geschäft gekommen war. Die Auslieferung von Radovan Karadžić und Ratko Mladić könne so auch auf die lange Bank geschoben werden, hoffte man in Belgrad. Als die EU im Oktober dann mit Serbien-Montenegro Verhandlungen über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen aufnahm, wähnte man sich schon am Ziel. „Die Regierung in Belgrad hatte schon geglaubt, die volle Kooperation bei der Jagd nach Karadžić und Mladić sei keine Bedingung mehr für ein EU-Assoziierungsabkommen“, erklärte Kandić. Serbiens Premier Vojislav Kostunica müsse nun zeigen, ob er die volle Kontrolle über die Streitkräfte hat. Sie ist überzeugt davon, dass nach wie vor Teile der serbischen Armee und des Geheimdienstes General Mladić schützen.

Die montenegrinische Polizei reagierte gleich. Am Freitag sei das Haus von Luka Karadžić, dem Bruder von Radovan, in Niksić durchsucht worden. Die Polizei beschlagnahmte ein Mobiltelefon und SIM-Karten, berichteten örtliche Medien. Die Handykarten habe vor allem der Sohn von Luka Karadžić benutzt.