Feuerwerk

Die laute Verschwindung

In Leipzig findet der "World Pyro Award" statt - die Weltmeisterschaft der Pyrotechniker. Doch sind Feuerwerke überhaupt noch moralisch tragbar?

Goethe und Schiller hätten nichts dagegen: "Augenblick, verweile doch. Du bist so schön!" : dpa

Es gibt ja so viel Unwissen auf der Welt. "Schreiben Sie ja nicht: Raketen!", raunzt mich der Fotograf Christoph Maier freundlich an: "Hier wird keine einzige Rakete abgeschossen, auch wenn das alle immer denken!" Nur Bomben, ja genau: Bomben hätten die nötige Präzision, Raketen seien viel zu willkürlich, sagt Maier und stapft davon, über die sandige Leipziger Festwiese. Andere fotografieren Frauen oder Tiere. Und Maier? Raketen. Und Bomben. So nennt man die Dinger, die bei Feuerwerken wie den Vorausscheiden der World Pyro Awards (WPA), der offiziell inoffiziellen Weltmeisterschaft der Pyrotechniker, am vergangenen und heutigen Samstag den Himmel über der Festwiese zum Leuchten bringen. Gar nicht gewusst, dass es so etwas wirklich gibt.

Doch, es gibt sie wirklich: die Weltmeisterschaft und auch Menschen, die für ein Feuerwerk Eintritt bezahlen. Am vergangenen Samstag waren es "mehrere Tausend", wie anderentags in einer Lokalzeitung zu lesen war. Mehrere Tausend, die es sich für 14,50 Euro pro Nase auf Decken, Klappstühlen und ihren Hosenboden gemütlich gemacht hatten, in einer All-inclusive-Club-haften Urlaubsstimmung mit Dreiviertelhosen, Wohlstandsbäuche umspannende Kurzarmhemden und beinahe durchsichtigen Leinenkleidern der Damen, umrahmt von den All-Time-Favorites der Animationsmusikkultur und Bierbuden - wo die gelben Clubbändchen aus Tunesien aber, komisch, keine Gültigkeit besaßen. Wieso sollte das Publikum auch weniger skurril sein, als die Veranstaltung zu der es gekommen war? Es ist ja so: Feuerwerken, zumal wenn man sie im zeitlichen Umfeld zum G-8-Gipfel abbrennt, haftet ja zwangsläufig der (Ge-) Ruch des Unnötigen, Überflüssigen, Verzichtbaren an. Wenn sie bloßer Selbstzweck sind, umso mehr. Schließlich stört sich nach wie vor kaum einer daran, wenn an Silvester 100 Millionen Euro in den Himmel geschickt werden. Leichtes Murren, man könnte doch nicht und so weiter. Aber dann, am 29. Dezember kauft man doch schnell noch eine Krachladung beim Discounter.

Professionalisierte Heuchelei

Insofern war es nur konsequent, die Heuchelei zu professionalisieren und dafür Eintritt zu verlangen. Beim Fußball klappt das ja seit ein paar Jahren auch schon ganz gut.

Wenn heute Abend bei den World Pyro Awards (WPA) auf der Festwiese in Leipzig Pyrotechniker aus Polen und Italien gegeneinander schießen, werden sie von einer vierköpfigen Jury aus Deutschland und Österreich bewertet. In die Wertung fließen der künstlerische Gesamteindruck der Darstellung, die Qualität der eingesetzten Effekte, die pyrotechnische Interpretation der Musik, die handwerkliche Realisierung sowie die Einhaltung der Regeln ein. So fordert die Jury zum Beispiel fünf aufwändige Bodenfeuerwerke wie die sogenannten Fontänen oder auch sich drehende Sonnen. Verboten sind bei den meist in großen Städten veranstalteten WPA Raketen, weil sie, anders als Bomben, schwerer zu kontrollieren sind. Beide Geschosse zählen zum klassischen Höhenfeuerwerk. Einer der beliebtesten Effekte, der von den Pyrotechnikern erzeugt wird, ist die "Trauerweide", die wie der gleichnamige Baum, Lichterschlieren zum Boden zieht. Auch das im handelsüblichen Knallersortiment enthaltenen Römische Licht ruft viele "Ohs" und "Ahs" hervor. Dabei werden aus einem Rohr nacheinander Effektschüsse herauskatapultiert.

"Richtig groß" sei die Veranstaltung in Leipzig, sagt Uwe Rohr, Pyrotechniker aus Hannover, anerkennend. Etwas Besonderes, sonst sei man ja meist der "krönende Abschluss" irgendeiner Veranstaltung. "Heute sind wir der Hauptakt." Warum ausgerechnet Leipzig als Austragungsort gewählt wurde, man weiß es nicht. Es hätte auch Würzburg sein können, der Himmel ist ja überall gleich. "Leipzig, wissen Sie, das kennt man im Ausland", erklärt Rohr: "Hier hat die friedliche Revolution begonnen. Das passt doch." Geht so.

Vor ein paar Wochen hat Rohr mit dem deutschen Team den ersten WPA-Vorausscheid gewonnen, oben auf dem Gletscher im österreichischen Sölden. Toll war das, hört man, mit den Lichtern über den Bergkämmen und dem Sternenregen, der in die Gletscherspalten prasselte. Jetzt aber steht Rohr auf dem Graswall, der die Festwiese in Leipzig umgibt. Er inspiziert die Abschussrampen der Teams aus der Ukraine und aus Portugal, die am vergangenen Samstag gegeneinander geschossen haben, wie man in der Szene sagt.

Fast hätten sie das gar nicht gedurft, das Schießen. Erst wollten die deutschen Behörden den Teams die "License to Shoot" nicht geben. Und dann wurden die Ukrainer auch noch an der deutsch-polnischen Grenze aufgehalten, weil so ein Lastwagenkonvoi mit zwei Händen voll kantiger Männer und Sprengstoff im Gepäck eben etwas anderes ist als ein Familienauto mit Tübinger Kennzeichen, immer noch. Erst Rohrs Versprechen, den technischen Aufpasser zu spielen, beruhigte die Stadtbeamten. Wer weiß, wann man den Grandseigneur der deutschen Pyrotechnikszene noch mal für ein Stadtfest braucht. Auf dem Wall, beim Spaziergang durch Kabel und Kanonenrohre, erklärt Uwe Rohr einem Trupp von Journalisten, wie das so geht mit dem Feuerwerk. "Das hier", sagt er und deutet auf eines der vielen Metallrohre, das in einem Metallständer steht, "das hier ist ein Mörser." Journalistennicken. "Da ist die Bombe drin." Journalistenstaunen. "Die wird gezündet, per Funk, und dann wird sie bis zu 150 Meter in die Luft geschossen." Journalistengeschreibse. "Und welche Musik spielen sie meistens dabei?", fragt eine, wohlwissend, dass in Leipzig ein sogenanntes Musikfeuerwerk abgebrannt wird, wo die Auswahl und der Zeitpunkt des Abfeuerns auf ein oder mehrere Musikstücke abgestimmt wird. " 'Carmina Burana', 'Vier Jahreszeiten', Händels 'Feuerwerksmusik', Rockklassik. Oder Musical. Das kommt auch gut an", zählt Rohr auf. Dann meldet sich ein Bedenkenträger: "Und ist da schon mal jemand bei gestorben?" "Noch nie", sagt Rohr, milde lächelnd, und man fragt sich, wieso mittelalte, niedersächsische Männer immer diesen gelangweilt selbstsicheren Gerhard-Schröder-Sound in ihrer Stimme haben.

Bei Uwe Rohr mag das damit zu tun haben, dass er kaum etwas anderes getan hat, als Bomben zu zünden, bengalische Feuer abzubrennen und römische Lichter (siehe Kasten) anzuknipsen. Auf die vorsichtig formulierte Frage "Brot statt Böller?", antwortet er entschieden "Na, Brot und Böller", als wäre das sein Lebensmotto. Rohrs Vater Ernst hatte nach dem Zweiten Weltkrieg ein Spreng- und Abbruchunternehmen gegründet. Was der Krieg nicht zerstört hatte, machte Rohr senior kaputt: Schlote, Ruinen, Fabriken. Zwei Jahre später dann zündete er, mit einer Sondergenehmigung der Alliierten ausgestattet, am Maschsee in Hannover eines der ersten Großfeuerwerke nach dem Krieg.

Mittlerweile ist der Vater tot und der Sohn Chef. Das Handwerk ist geblieben. "Feuerwerk ist die schöne Kunst des Augenblicks", sagt Rohr junior. Der Satz ist eine unbewusste Paraphrase des gleichermaßen großen wie missverstandenen Theodor Wiesengrund Adorno, der seinerseits gesagt haben soll: "Das Feuerwerk ist die perfekteste Form der Kunst, da sich das Bild im Moment seiner höchsten Vollendung dem Betrachter wieder entzieht." Besonders gut in dieser Kunst der Verschwindung seien, sagt Rohr, auch noch "die Italiener" und "die Mexikaner, die schießen sogar christliche Figuren in den Himmel."

15.000 Euro pro Abend

15.000 Euro reine Materialkosten kostet jedes Team der Auftritt bei den Pyro Awards in Leipzig, schätzt Kay Winkelmann, eines von vier Mitgliedern der Jury, die entscheidet, wer im Herbst zum Finale nach St. Petersburg fährt. Winkelmann, ein promovierter Umweltingenieur bei einer Brandenburger Firma, sitzt im Biergarten des VIP-Zelts auf der Festwiese, vor sich eine Apfelschorle. Ein wenig ähnelt Winkelmann dem CDU-Politiker Eckart von Klaeden, dem die Süddeutsche einmal ein "Klassensprechergesicht" andichten wollte. Und tatsächlich: Man meint, Winkelmanns Augen hoch motiviert leuchten zu sehen, wenn er über Feuerwerke spricht und wie man diese bewertet (siehe Kasten). Und wie genau die vielen Farben entstehen, die von den Zuschauern eigentlich immer mit "Oh", "Ah" und "Uh" beschrieben werden, ganz gleich, ob die Sterne nun rot, grün oder blau funkeln. "Chemie" stecke dahinter, verrät Winkelmann. Kupfer stehe für Blau, Barium für Grün, Strontium für rot, "so grob", sagt er. Der Rest der Zusammensetzung ist Geheimnis, wie bei der Cola.

Sein eigenes Bedürfnis nach dem großen Knall befriedigt Winkelmann beruflich: Er entsorgt militärische Altlasten. Weltkriegsbomben, verseuchte Böden, Minen, nur "an Silvester knallere ich nicht", schiebt er schnell hinterher. Das Klischee des Pyromanen, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, sitzt ihm wohl im Nacken. "Das meiste, was da verballert wird, kommt aus China, ist billig und einigermaßen gefährlich. Zu gefährlich." Uwe Rohr hingegen muss jedes Jahr raus auf die Straße, auch wenn es ihn schmerzt. "Gematsche" sei das, was an Silvester da am Himmel zu sehen ist. Aber: "Die Nachbarn erwarten das ja schon son bisschen!" 52 Jahre Ballern verpflichtet eben auch.

Die Stimmung auf der Festwiese hat sich in der Zwischenzeit, wie an einem ordentlichen Club-Urlaubsabend, gewandelt: Aus der lauten, hungrigen Menge, die sich am Buffet um die letzte Portion streitet, ist ein das Animationsprogramm herbei sehnendes Publikum geworden. Mit dem Unterschied, dass Mitmachen hier streng verboten ist. 150 Meter müssen die Menschen mindestens von den ersten Abschussrampen entfernt sein, so weit wie die Bomben hoch fliegen. "Faustregel", ganz einfach, sagt Uwe Rohr. Anderenfalls wäre man recht schnell recht taub. Oder tot oder beides. Mindestens aber maximal verwirrt, wie der Vogel Strauß im nahen Leipziger Zoo, der, als er den Bombenlärm hörte, in einen Wassergraben gesprungen war und nicht mehr herauskam. Auch seine Kollegen Elefanten, Nashörner und Flamingos waren, so berichtete die Sächsische Zeitung, "in heller Aufregung". Konnte man ja auch nicht vorher wissen, als man - zum krönenden Abschluss - noch ein Feuerwerk auf der Festwiese abbrannte. Wie es war? Schnell wieder weg. Fragen Sie mal bei Adorno nach.

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