Flugzeugunglück

War der Absturz des russischen Flugzeugs über Ägypten ein Anschlag des IS? Großbritannien stoppt schon Flüge Richtung Sinai

Teile des abgestürzten Jets im Sinai Foto: Russian Ministry for Emergency/ap

Die Wahrscheinlichkeit einer Bombe

Ägypten USA und Großbritannien vermuten IS-Bombe als Ursache. Für Ägypten wäre das fatal. Moskau wittert psychologischen Druck

BERLIN/MOSKAU taz | Fünf Tage nach dem Absturz des russischen Passagierflugzeugs mit 224 Toten über der ägyptischen Sinai-Halbinsel ist die Ursache nach wie vor unklar. Inzwischen vermuten allerdings Großbritannien und die USA, dass ein Bombenanschlag des regionalen Ablegers des Islamischen Staates (IS) an Bord dafür verantwortlich ist. Der IS hatte sich bereits am Samstag zu der Tat bekannt und dies am Mittwoch wiederholt.

Der britische Außenminister Philip Hammond sprach am Donnerstag von der „hohen Wahrscheinlichkeit“ eines Anschlags. Dies stütze sich auf Erkenntnisse der Geheimdienste. Premierminister David Cameron sagte, immer mehr Informationen nährten die Sorge, dass ein Sprengsatz hinter dem Absturz stecken könnte.

Auch die US-Regierung vermutet einen Bombenanschlag des IS. Dies sei unter anderem aus abgehörten Informationen zu schließen, meldete AP am Mittwoch unter Berufung auf Regierungskreise. Allerdings gebe es noch keine offizielle Einschätzung der CIA oder anderer Geheimdienste.

Ägypten wies Hinweise auf eine Explosion in dem Flugzeug zurück. Es gebe keine Anzeichen oder Daten, die diese Hypothese unterstützten, sagte Luftfahrtminister Hossam Kamal.

Auch Moskau zeigte sich zurückhaltend. Solange die Unfallursache nicht feststehe, würden alle Routen nach Ägypten weiter bedient, sagte der Sprecher von Präsident Wladimir Putin. Stattdessen vermutet Konstantin Kosatschew, Leiter des Auswärtigen Ausschusses des Föderationsrates, hinter der Terrorvermutung ein „psychologisches Druckmoment“. Es sei kein Geheimnis, dass „geopolitischer Widerstand gegen Russlands Handeln in Syrien“ im Gang sei.

Putin hatte bereits am Dienstag russischen Heroismus beschworen: Russland lasse sich nicht einschüchtern. Der Kreml meidet die Terrorversion. Zunächst aus Rücksicht auf Ägypten, dessen Tourismusbranche leiden würde, sollte sich der Verdacht erhärten. Außerdem möchte Moskau Kairo für eine neue Achse gewinnen, um im Nahen Osten an entscheidender Stelle mitzumischen.

Innenpolitisch spielt die Katastrophe dem Kreml aber in die Hände. Putin hatte die Intervention in Syrien mit der Bedrohung durch den IS begründet. Dessen Terror hat jetzt Russland erreicht und rechtfertigt die syrische Prävention. Terroranschläge nutzte der Kreml bislang, um mit Zustimmung der Bevölkerung die Daumenschrauben anzuziehen.

Unterdessen hat die Auswertung des Flugschreibers begonnen, der zum Teil beschädigt wurde. Der Stimmenrekorder speichert Gespräche zwischen den Piloten sowie andere Geräusche im Cockpit. Als Hinweis auf einen möglichen Anschlag gilt die Art und Weise, wie der Jet abgestürzt ist. Medienberichten zufolge fiel er wie ein Stein auf den Boden und nicht im Sinkflug, wie es bei einem technischen Fehler der Fall gewesen wäre.

Mehrere Länder haben ihre Flugverbindungen nach Scharm al-Scheich eingestellt. Dazu gehören Großbritannien, Irland und die Niederlande. Großbritannien will ab Freitag seine in dem Urlaubsort am Roten Meer festsitzenden Bürger ausfliegen. Das Auswärtige Amt in Berlin verschärfte vorerst seine Reisewarnung für den Sinai nicht.

Sollte es sich bei Abschluss der Ermittlungen herausstellen, dass der Absturz durch einen Anschlag des IS herbeigeführt wurde, ist eins klar: Die Tat richtet sich nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen Ägypten. Für die bewaffneten Gruppen, die seit 2011 im armen und von sämtlichen Regierungen vernachlässigten Nordsinai aktiv sind, war der Staat schon immer der Gegner. Sie firmierten unter dem Namen Ansar Beit al-Makdis (Unterstützer Jerusalems), ehe sie sich im November 2014 dem IS anschlossen und sich in „Provinz Sinai“ umbenannten. Die Gruppe soll 1.000 bis 5.000 Mitglieder haben. Sie führt vor allen Angriffe auf Sicherheitskräfte im Nord­sinai durch, aber auch in anderen Landesteilen.

Ein Anschlag auf das Urlauberflugzeug wäre für Ägypten ein Desaster, trifft er doch mit dem Tourismus einen Nerv der Wirtschaft des Landes. Bislang galten die Resorts am Roten Meer als sicher. Hinzu kommt, dass das Tourismusministerium sich intensiv bemüht hat, die ohnehin seit 2011 niederliegende Branche wieder zu beleben.