Die Summe der Namen

Kriegsverbrechen „Srebrenica – ,I counted my remaining life in seconds ...‘“ ist ein berührend-bedrückender Theaterabend über das Massaker im Bosnienkrieg

Intensive Nähe: Jens Harzer und Vernesa Berbo in „Srebrenica“   Foto: Armin Smailovic

Unten rechts auf der Bühne in der Garage des Thalia in der Gaußstraße steht auf dem Boden ein Monitor. Er fällt kaum auf, steht fast nebensächlich da. In weißer Schrift auf schwarzen Grund tauchen Namen auf, laufen von unten nach oben und verschwinden wieder im Nichts. In alphabetischer Reihenfolge, wie bei einem Abspann im Fernsehen oder im Kino – der zeigt, wer bei dem, was man eben gesehen hat, mitgemacht hat und wer daran beteiligt war.

Im Fall des Theaterstücks „Srebrenica – ‚I counted my remaining life in seconds ...‘“, das am Donnerstagabend Premiere gefeiert hat, ist das allerdings die als Massaker von Srebrenica in die Geschichtsbücher eingegangene Einnahme der dortigen UN-Schutzzone im Juli 1995. Systematisch töteten serbische Milizen damals über 8.000 bosnische Männer und Jungen – nur weil die ihnen Ausgelieferten Bosniaken und damit (vermutlich) Moslems waren.

Auch Regisseur Branko Šimić ist 1968 im nordbosnischen Tuzla geboren worden und aufgewachsen. In Sarajevo hat er Schauspiel studiert und drei Monate nach dem Beginn des sogenannten Bosnienkrieges schließlich das Land verlassen.

„Srebrenica“ ist für Šimić deshalb eine etwas andere Regiearbeit: „Es war eine zusätzliche moralische Belastung, von der Regie her die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagt er: Wie den Opfern gegenüber den Respekt bewahren, wie den ganzen Wahnsinn darstellen? „Normalerweise habe ich das nicht, wenn ich inszeniere. Dann ist es ein Stück, durch das ich durchgehe“, sagt Šimić. „Aber das macht umgekehrt die Arbeit sehr spannend und interessant.“

Nicht nur persönlich betritt Šimić mit seinem Stück unbekanntes Terrain. Denn Versuche, die Geschehnisse von Srebrenica künstlerisch zu verarbeiten, gibt es bislang kaum, zumindest nicht im Film oder im Theater. Die zahlreichen Dokumentationen wiederum seien fast alle ideologisch gefärbt, sagt Šimić.

Dokumentarisch ist auch „Srebrenica“. Entstanden ist das Stück in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Armin Smailovic. Der war in den letzten Jahren immer wieder vor Ort, dann und wann werden seine Bilder auf den Bühnenhintergrund geworfen. Es sind sparsame, oft nebelhafte Blicke auf die Orte des Geschehens, weit entfernt von dem oft üblichen, bunten Bildersalat.

Erzählt werden dabei die Geschichten von drei einfachen Menschen, gespielt von den beiden Schauspielern Jens Harzer und Vernesa Berbo. Berbo wurde 1968 im serbischen Priboj geboren, arbeitete während des Krieges für das Unicef-Theater in Sarajevo und flüchtete Ende 1992 nach Berlin.

Einer dieser einfachen Menschen ist der niederländische Ex-Fallschirmjäger Rob Zomer, der damals in der sogenannten UN-Schutzzone Srebrenica vor Ort war und die Erinnerungen an das, was vor seinen Augen geschah, bis heute nicht loslassen kann. Im vergangenen Sommer haben Šimić und Smailovic ihn vor Ort interviewt.

Im Dienst der Armee

Dražen Erdemović wiederum stand damals im Dienst der bosnisch-serbischen Armee. Später sagte er vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal gegen seine damaligen Befehlshaber aus und kam deshalb für die Tötung von 70 Menschen mit fünf Jahren Haft davon. Ahmo schließlich ist Bosnier, ein Zivilist, der das Unfassbare überlebt hat und in gewissem Sinne als Hauptperson des Stückes fungiert.

Ein klassisches Stück bietet dieser Theaterabend nicht, dennoch ist er entschieden mehr mehr als nur eine Wiedergabe von Dokumentiertem. Ganz wunderbar macht das Jens Harzer, der das, was er sprechen wird, in einer zusammengeknüllten Textmappe bereit hält, die er sich immer wieder an die Brust drückt. Der auf seinem Stuhl hin- und herruckelt, der immer wieder an den Erklärungen herumkaut, die er gleich geben wird.

Denn Ahmo, der Bosnier, der mehr als einmal dem Tod entgangen ist, spricht dann und wann von sich in der dritten Person; so wird das tiefe Erstaunen über das, was ihm damals passiert ist und was überhaupt geschehen ist, erfahrbar. Denn dass tatsächlich passiert ist, was in Srebrenica geschehen ist, das kann man sich einfach nicht vorstellen, wie man da sitzt und zuschaut und zuhört, in Hamburg, in der Altonaer Gaußstraße.

Harzer gegenüber sitzt Vernesa Berbo. Manchmal singt sie erhaben brüchig ein Lied, manchmal übersetzt sie schnell einen Befehlsruf, einen Zuruf ins Bosnische. Meist aber liest sie die Stimmen der beiden Soldaten in angemessener Nüchternheit. Und wenn Harzer sich zuweilen vorbeugt und ihre Textseiten vorsichtig weiterblättert, dann meint man zugleich die Intensität und Nähe zu spüren, die zuvor in den Probenarbeiten geherrscht haben muss.

Am Ende ist erzählt, was man erzählen kann. Auf dem Monitor, der die ganze Zeit stoisch mitläuft, sind nun die bosnischen Namen angekommen, die mit einem T anfangen – wie das Wort „Tod“.