Rasiermesser aus fünf Jahrtausenden

Kulturgeschichte Hinsichtlich der Bartmode waren häufig Herrscher die Trendsetter. Das zeigt die Ausstellung „Bart – zwischen Natur und Rasur“ im Neuen Museum. Die Schau bricht dabei mit gewohnten Bildern

Madame Delait in ihrem Salon, Postkarte von 1920 Foto: Staatliche Museen zu Berlin/ Museum Europäischer Kulturen/ Michael Mohr

von Hilke Rusch

Haare sind ein Politikum. Bei wem und wo sie sprießen dürfen, darüber gibt es recht genaue Vorstellungen, die sich im Laufe der Zeit gründlich verändert haben. Vor Jahren war kaum vorstellbar, dass ein Vollbart Ausdruck einer jungen, urbanen Lebensweise sein könnte. Glattrasiert hieß die Devise, sogar die Augenbrauen durften sich Männer unter dem Label Metrosexualität zupfen. Nun aber das komplette Gegenteil: Vollbärte.

Wie es zu diesem modischen Umschwung kam, wollte eine Gruppe junger Wissenschaftler*innen aus den Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) wissen. Entstanden ist die kleine, eher konventionelle Ausstellung „Bart – zwischen Natur und Rasur“, die eine europäische Kulturgeschichte des Bartes nachzeichnet. Aus allen Sammlungen der SMB (wie Ethnologie, Ägyptologie oder Vor- und Frühgeschichte) sind Exponate vertreten, was laut Ko-Kuratorin Alexa Küter ein Novum ist. Geschoren und getrimmt wurde quer durch die Menschheitsgeschichte; das belegen die ausgestellten Rasiermesser und Pinzetten aus fünf Jahrtausenden.

Konzeptionell nähert sich die Ausstellung dem Phänomen Bart über die verschiedenen Bedeutungszuschreibungen. Dem voluminösen Vollbärten haftete beispielsweise schon früh eine naturhafte Wildheit an: Den Akt der Rasur beschreibt eine Keilschrift-Tontafel aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. als notwendig zur Menschwerdung. Andererseits gilt der Vollbart als Zeichen der Weisheit, denn schließlich kann man sich (wie beispielsweise Platon, in der Ausstellung als Büste vertreten) neben dem Philosophieren nicht auch noch um die Körperpflege kümmern.

Abgesehen von diesen allgemeinen Bedeutungen der Gesichtsbehaarung zeigt die Ausstellung historisch wechselnde Bartmoden. So trug man im antiken Griechenland einen Bart, der Macht, Kraft und Männlichkeit bedeutete. Mit Alexander dem Großen änderte sich das, denn der trug seine Virilität über jugendliche Haarlosigkeit zur Schau und hielt außerdem einen Bart im Kampfgetümmel für ungünstig. Seinen Soldaten schrieb er deshalb eine Rasur vor – ein nacktes Gesicht setzte sich anschließend auch modisch durch.

Hinsichtlich der Bartmode waren häufig Herrscher die Trendsetter. Der Bart diente als Zeichen politischer Loyalität. Andere nutzten ihn zur Distinktion: Den Vollbart von Marx interpretiert Alexa Küter als eine Abgrenzung vom Mainstream.

Derart aufgeladen, lädt ein Merkmal wie der Bart natürlich dazu ein, Menschen zu degradieren. Die erzwungene Rasur von Juden während des NS ist ein Beispiel – aber auch eine Karikatur des Österreichers Jean Veenenbos, die den US-amerikanischen Kriegseinsatz in Afghanistan nach dem 11. September 2001 als Beschneidung des muslimischen Bartes darstellt und kritisiert.

Unhinterfragt gilt meist, dass Bärte eine Männerangelegenheit sind. In der Geschichte war das durchaus nicht immer so: Frühe Darstellungen der Aphro­dite zeigen sie mit Bart. Und die ägyptische Pharaonin Hatschepsut band sich, genau wie ihre männlichen Kollegen, zu zeremoniellen Anlässen einen künstlichen Bart ums Kinn.

Prinzipiell aber sind bärtige Frauen eher mit Ausgrenzung konfrontiert. Die meisten trauen sich deshalb nicht, das Wegzupfen sein zu lassen. Es entsteht ein seltsamer Kreislauf: Weil kaum Frauen ihren Bart wachsen lassen, gilt er als den Männern vorbehalten, weshalb Frauen nicht zu ihrem Bart stehen. Ganz anders Mariam, die ihren Bart irgendwann einfach wachsen ließ. In der Ausstellung ist sie mit einer selbst gebauten Hütte vertreten, die mit zahlreichen Fotografien sehr bärtiger Frauen ausgekleidet ist. Per Video berichtet Mariam von den irritierten Reaktionen, die sie auf der Straße erfährt. Mit so einer Hütte tourt sie sonst über Festivals und spricht dort mit Besucher*innen über Gesichtsbehaarung.

So gelingt es der Ausstellung, mit gewohnten Bildern zu brechen. Der Ritt durch die Jahrtausende gelingt aber nur halb. Büsten von Herrschern, die den Bart als Machtsymbol oder Zeichen von Weisheit illustrieren sollen, erzählen beispielsweise kaum etwas darüber hinaus. Schön wäre auch gewesen, mehr über das Verhältnis zwischen den widersprüchlichen Bedeutungszuschreibungen zu erfahren: Wie verhält sich die unzivilisierte Wildheit des Vollbartes gegenüber der Zuschreibung von Weisheit? Und spielt das heute eine Rolle, wenn sich Hipster ihren Vollbart trimmen?

Apropos: Die Vollbartmode diffundierte übrigens laut Ausstellung aus der schwulen Subkultur zu den urbanen Hipstern. Man orientiert sich modisch eben nicht immer an den Herrschenden.

Neues Museum, Fr.–Mi. 10–18 Uhr, Do. 10–20 Uhr, bis 28. Februar