Fiktiv oder real?

ILBDie Schriftstellerin Delphine de Vigan stellte ihr Buch „Nach einer wahren Geschichte“ vor

Was macht eigentlich Christine Angot? Man weiß es nicht. Christine Angot war, nein, ist eine französische Schriftstellerin, die stets entlang der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen ihr selbst und ihren Erzählerinnen schrieb. Nein, eigentlich löste sie diese Grenze sogar auf. In ihrem berühmtesten Roman, „Inzest“, auf Deutsch 2001 erschienen, behandelte sie eine inzestuöse Beziehung; der Nachfolgeroman „Die Stadt ver­lassen“ (2002) handelte davon, wie die Autorin eines Romans über die inzestuöse Beziehung zu ihrem Vater an den Folgen dieses Schlüsselromans zu leiden hat und schließlich „die Stadt verlassen“ muss.

Erzählt von einem weiblichen Ich. Danach gab es noch ein Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde, und dann hat man Christine Angot fallen gelassen. In Frankreich jedoch erscheinen weiter Bücher von ihr, ihr letztes, „Un amour impossible“, hat sogar den Prix Décembre bekommen.

Was uns direkt zu Delphine de Vigan bringt. De Vigan ist eine französische Schriftstellerin, die zuletzt über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter geschrieben hat und in ihrem neuen Buch, das „Nach einer wahren Geschichte“ heißt, von einer Autorin erzählt, die eine Schreibblockade hat und von einem realen Gespenst verfolgt wird, ein psychischer und sozialer Missbrauch, und versucht, darüber ein Buch zu schrei­ben. Was ist real, was Fiktion, und wie viel Wert muss man der Wahrheit überhaupt zumessen?

Am Montagabend jedenfalls, so viel scheint sicher, sitzt Delphine de Vigan, Trägerin des Prix Renaudot, auf der Nebenbühne des Hauses der Berliner Festspiele auf dem 16. Internationalen Literaturfestival. Sie ist eine fünfzig Jahre alte Frau, die in Wirklichkeit jünger aussieht als auf ihren Autorinnenfotos, falls sie das wirklich ist und keine engagierte Darstellerin. Hinter ihr rast ein Komet durchs All, ein Feuerschweif, eventuell auf die Erde zu, das sieht man nicht, das ist nur eine Projektion. Vor ihr sitzt ein Saal voller Frauen.

Neben ihr sitzt ein Mann, der des Französischen überaus mächtige Vincent von Wroblewsky (ein sehr blaublütiger Abend, so gesehen), der überaus beredt, aufmerk- und unterhaltsam durch die Veranstaltung führt. Und neben ihm Regina Gisbertz, die den Romanbeginn auf Deutsch vorliest.

Von der Bühne kommen schöne Sätze wie „Ich nahm die Metro an der Place de Versailles“. Der Handlung des Romans ist schwer zu folgen, was nicht nur an der schwülen Atmosphäre drinnen wie draußen liegt. De Vigan spielt mit doppelten Zuschreibungen, die zweite Hauptfigur ist eine L. (im mündlichen Original wie „elle“, also das Pronomen „sie“). Diese L., die ausgerechnet Ghostwriterin ist, wenn ich recht verstanden habe, schleicht sich in das Leben der Ich-Erzählerin, und damit beginnt das Drama.

Es ist die gute alte französische Schule: Der Name Roland Barthes fällt, der Satz „Die Frage der Wahrheit ist letztlich nicht so wichtig“ wird von vorn nachgereicht, die postmodernen Spiele tauchen auf. Da ist die Veranstaltung auch schon wieder vorbei.