Die Wahrheit

Der Döner der Verzweiflung

Gerade hat man eine Frau kennengelernt, da tut sich im Bauch ein schwarzes Loch auf und der große, existenzielle Hunger gibt keine Ruhe mehr.

Es ist drei Uhr nachts, und du stehst allein auf der Straße. Nach sechs Bieren im Stammlokal bist du weitergezogen in deinen Lieblingsklub, wo du dir viel Wodka und diesen einen weißen Cocktail eingeflößt hast, dessen Namen du dir nie merken kannst. Auf der Tanzfläche hast du die Frau deines Lebens kennengelernt. Sie wollte zwar nicht sofort mit dir ins Paradies der Liebe eilen, gab dir aber immerhin ihre Telefonnummer.

Und nun stehst du allein auf der Straße. Alles wäre vollkommen, spürtest du nicht plötzlich ein schwarzes Loch im Bauch, einen gähnenden Abgrund, der am liebsten die ganze Welt verschlänge. Du musst etwas essen – und zwar auf der Stelle. Aber um diese Uhrzeit gibt es kein Sushi mehr und keine veganen Burger. Es gibt nur noch eine Lösung: den Döner der Verzweiflung.

Du trittst in irgendeinen der identischen türkischen Spätimbisse. Und alles ist so schlimm, wie du erwartet hast. Am Spieß dreht sich träge die Fleischmasse. In der Luft liegt der Geruch von Bratfett und Reue. Vor dir in der Schlange warten anständige, ökologisch bewusste Salatesser, die schamhaft zu Boden blicken. Der Hunger macht den zartesten Menschen zur Bestie. Erst kommt das Fressen, dann kommt der Geschmack.

Du bestellst das Unvermeidliche. Du zögerst eine Weile, dann beißt du zu. Wer soll dich hier schon sehen? Vielleicht die Frau deines Lebens. „Ich hab dich durchs Fenster gesehen“, sagt sie lachend. Du hältst inne. Wenn du jetzt weiter isst, dann wirst du die Liebe deines Lebens verlieren. Aber die Selbsterhaltung siegt über den Fortpflanzungstrieb. Der erste Biss ist noch vorsichtig, der zweite schon pure Gier. Du vergräbst dein Gesicht im Döner wie ein Löwe sein Maul im aufgerissenen Leib der Antilope. Du weißt, wie viehisch und hässlich du jetzt aussiehst. Du spürst, wie dir die Kräutersauce aus dem Mundwinkel läuft, wie du ein Stück Alufolie schluckst – egal, du frisst weiter. Du hältst deine Augen geschlossen, weil du nicht sehen willst, wie sich das Gesicht der Frau deines Lebens zum Ekel verzerrt.

Du weißt, wie viehisch und hässlich du jetzt aussiehst. Du spürst, wie dir die Kräutersauce aus dem Mundwinkel läuft, wie du ein Stück Alufolie schluckst – egal, du frisst weiter

Doch als du einmal kurz blinzelst, siehst du überrascht, dass sie noch immer lächelt. „Iss ruhig weiter“, sagt sie freundlich. „Ich hab mir einen Dürüm bestellt.“ Deine Liebe zu dieser Frau verdoppelt sich. Doch dann wird ihr der Dürum serviert. Und die schönste Frau der Welt sperrt ihren Rachen auf wie ein gähnendes Nilpferd, um sich eine wurstförmige Rolle in den Schlund zu schieben, aus deren faltiger Haut Gemüsebröckchen quellen wie Eingeweide. Du siehst der Frau deines Lebens beim Essen zu und fragst dich plötzlich, wie du je Gefallen an dieser abscheulichen Kreatur finden konntest.

„Du, ich muss ganz dringend los! Ich melde mich!“, rufst du, eilst davon und winkst ein Taxi heran. Während sich in deinem Bauch schweres Unwetter ankündigt, sinnierst du auf dem Rücksitz: Vielleicht geht die Liebe wirklich durch den Magen, aber manchmal bleibt sie auf halbem Wege stecken und kommt wieder hoch. Die Lust am Fleische, sie widerstreitet mitunter der fleischlichen Lust.

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