Stil Sonia Rykiel revolutionierte die Mode ausgerechnet mit Strick, das bis dahin als bieder verschrien war. Ihre Ringelmuster waren glamourös, cool und sportlich zugleich

Lob des Streifens

Eine Hommage zum 40. Jahrestag des Modehauses Foto: Benoit Tessier/reuters

Von Brigitte Werneburg

Sonia Rykiel war ein Fixstern am Pariser Modehimmel. In einer Hommage anlässlich des 40-jährigen Jubiläums ihres Labels schickten die großen Kollegen ihres Metiers eigene Versionen ihres Stils auf den Laufsteg: La Femme Rykiel trug bei Ralph Lauren, Stella McCartney oder bei Jean Paul Gaultier Streifen. Andere große Namen sahen sie allerdings in Schwarz, während Martin Margiela und Jean Charles Castelbajac ihr rote Pferdehaare und rotes Fell zu Füßen legten.

La Femme Rykiel, das war immer auch Sonia Rykiel selbst, die Modemacherin mit der unverwechselbaren flammend roten Haarmähne, die in den 1960er Jahren den weiblichen Aufbruch als Antimode buchstabierte. Wirklich buchstabierte, denn sie war die Erste, deren Pullover, Jacken und Kleider mit Worten und Begriffen aufwarteten. „Démode“ nannte sie ihre modulare Garderobe, ein Konzept, das es erlaubte, ihre einfachen, aber stets sehr genau durchdachten Entwürfe noch über viele Jahre hinweg zu kombinieren. Immer waren sie tragbar, elegant, dabei äußerst bequem und lässig.

Sonia Rykiel, 25. Mai 1930 – 25. August 2016 Foto: Simon Stevens/Gamma-Rapho/laif

Sie war auch die Erste, die Anfang der 1970er Jahre die Nähte nach außen legte, was die Modetheorie später bei Rei Kawakubo, also Comme des Garçons und anderen als Dekonstruktion der französischen Schneiderkunst und der Haute Couture feierte. Tatsächlich gehört Sonia Rykiel ganz wesentlich zur Revolution des Pret-à-porter. Das Verrückte war, dass sie ausgerechnet mit dem als bieder verschrienen Strick Furore machte. Allerdings mit besonderem Strick: veredelt, links gestrickt in feinster Wolle, die in schönsten Farben leuchtete. Sie verdanken sich Experimenten, die es Sonia Rykiel ermöglichten, in der dominanten Farbe ihrer Wollgarne hunderte Nuancen dieser Farbe zu verspinnen. Selbst ihr Schwarz sei absolut unverkennbar, konstatierte eine Modezeitschrift.

Unverkennbar sind auch ihre Streifen. Sonia Rykiel wusste, dass Steifen mehr sind als nur Streifen: Sie sind eine atmosphärische Welt. Mit Streifen verbindet sich der Geruch von Salzluft, der Anblick des Meeres, blendendes Sonnenlicht, Strandkörbe und gestreifte Markisen, die im Wind flattern. Streifen lassen genauso an die französische Riviera denken wie an die Bretagne. Von dort stammt das klassische Breton-Shirt, von dem sich alle modischen Ringelshirts und Matrosenhemden ableiten. Coco Chanel klaute den Seeleuten der Marine dieses Hemd mit seinen 21 Streifen, als sie 1917 ihre erste Jerseykollektion vorstellte. Zehn Jahr später waren die Streifen das Symbol des modernen Lifestyles. In Saint-Tropez kamen Streifen sportlich, aber auch elitär daher, sie galten als nobel und mondän.

Als Sonia Rykiel die Streifen zur Signatur ihres Aufstiegs machte, verhießen sie Freiheit, Unabhängigkeit, Aufbruch, Rebellion. Schließlich ist die Femme Rykiel eine 68er Geburt. In diesem Jahr eröffnete die Modemacherin, die später auch als Schriftstellerin reüssierte, ihre erste Boutique. Rykiels Streifen waren bunt wie das Jahrzehnt, aber auch nostalgisch elegant in Schwarz-Weiß. Wie immer besaßen sie sportlichen Appeal, waren dabei cool und individuell. Und es war Sonia Rykiel, der es gelang, sie glamourös und ikonisch zu machen. Jean Paul Gaultiers weltweit bewundertes Matrosenhemd-Abendkleid ist ohne das Vorbild Sonia Rykiel, die dieses Jahr im Alter von 86 Jahren in ihrer Heimatstadt Paris starb, nicht denkbar.