Bye, bye, Bremerhaven

Zu den ältesten, notwendigsten, aber am meisten vernachlässigten Kulturtechniken gehört die Fähigkeit, Orte aufzugeben. Sie loszulassen. Sie zurückzubauen. Bremerhaven zum Beispiel, aber nicht unbedingt Bremerhaven, es kann auch Wilhelmshaven sein, oder Husum: Schon diese Frage überhaupt nur zu formulieren, vermag empörte Heimatschützer auf den Plan zu rufen. Und am schlimmsten: Die eigentlich dafür zuständige Branche der Stadtplaner ist zu schissrig, um sich auf diesen Gedanken überhaupt einzulassen. Einen Ort aufgeben, eine Stadt, das scheint im 21. Jahrhundert in Deutschland ein Tabu.

Dabei wäre es auch ökonomisch wichtig, zu fragen, ob es sinnvoll ist, eine Siedlung mit großem nicht nur finanziellem Aufwand zu entwickeln, wenn sie doch selbst in den günstigsten Prognosen in 50 Jahren nicht mehr nur am, sondern zu großen Teilen im Wasser liegt. Das Umweltbundesamt präsentiert in seinem Kompass-Newsletter im Dezember zwar fürs wassersensible lanen das Prinzip der Schwammstadt. Aber dass sich das auf Orte, die, wie Bremerhaven zu weiten Teilen heute nur 20 Zentimeter über Normalnull liegen bei einem erwarteten Meeresspiegelanstieg von einem Meter nicht anwenden lässt, versteht sich seit Augustinus von selbst.

Ein Bibliothekar, der keine Bücher aussortiert, hat seinen Job verfehlt. Eine Stadtplanung, die sich nicht einmal fragt, ob und warum die Stadt, an deren Fortbestand sie bastelt, eine Zukunft haben sollte, ist leider die Norm. Vielleicht liegt das an der Prägung dieser Branche durch den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, der eben von der Beherrschbarkeit der Welt beseelt und von dem Ausbau der eigenen Herrschaftsbereiche besessen war. Preisgabe und Rückzug sind weder im Stalinismus noch im Faschismus überhaupt denkbar. Dass die Desurbanisierungsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts mit dem ersten Fünfjahresplan und dem weltweiten Wettbewerb um das Schwerindustrie-Zentrum von Magnitogorsk beerdigt wird, ist eine historische Tatsache.

Nicht nur an der Nordseeküste ist es an der Zeit, ihre Ideen wieder in Betracht zu ziehen. Die von den meisten verlassenen, ehemaligen Bergbau-Städte im Harz infrastrukturell ans moderne Leben anzuschließen, ist ein teurer Spaß: Goslar gäbe ein prima Freilichtmuseum ab. Ob die Stadt noch als Stadt benötigt wird, wäre hingegen zu klären.

Man muss nicht bis Haithabu zurückgehen, um zu erkennen, dass es einst üblich gewesen ist, sich dieser wie auch immer harten Entscheidung zu stellen: Die Frage ob „sie ihre Stadt aufgeben sollten, oder nicht und Leib und Leben daran setzen“ sie zu erhalten, lassen Braunschweigische Chroniken auch des 18. Jahrhunderts Bürger ganz selbstverständlich stellen. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen einer ungut nostalgischen Heimatverklärung hat man verlernt, sich ihr auszusetzen. Es wäre aber falsch, die Entscheidung über die Unbewohnbarkeit von Gebieten allein durch Unfälle – wie den unlöschbaren Brand der Müllkippe von Zentralia, USA – und historische Kontamination wie in Rerik-West, der Sperrzone auf der Halbinsel Wustrow, überlassen.

Wenn das Problem, das solche Orte verursachen, größer ist, als der Gewinn, den sie für die Gesellschaft bedeuten, dann ist es pure Nostalgie, Aufwand für ihren Erhalt zu betreiben. Es gibt viele Faktoren, ökonomische, ästhetische und soziologische, geografische und klimatische, die dafür sprechen können, auf einige alte Orte zu verzichten. Wer über die nachdenkt, wird sicher auch eine Antwort darauf finden, warum Bremerhaven sinnvoll ist. Also wenigstens: Wenn es sinnvoll ist.