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Vom Dixieland zur „Great Black Music“

LIVE Ausnahmekünstler, Spirituelle, Newcomer, Legenden: Zum 100. Jubiläum der ersten auf Platte gepressten Jazz-Aufnahme zeigt sich das Genre bei den diesjährigen Festivals so vielfältig wie vielleicht nie zuvor

von Matthias Kirsch

Eine echte Alternative zum Mainstream bleibt das Musik­festival in Moers

1917 nahm die Original Dixieland Jass Band aus New Or­leans in New York die erste Jazz-Platte überhaupt auf. Nach dem Dixieland entstanden weitere Stile, und das neue Genre wurde im Laufe der Jahre so facettenreich, dass bereits Miles Davis vorschlug, man solle lieber von „Great Black Music“ sprechen. Bei den Konzerten und Festivals im 100. Jubiläumsjahr zeigt sich, dass der Jazz heute vielleicht so vielfältig ist wie noch nie.

In Niendorf und Timmendorfer Strand, zur diesjährigen Jazz Baltica, konzentriert man sich auch in diesem Jahr wieder auf die abwechslungsreiche europäische Musikszene mit Acts wie Mezzoforte, dem Tingvall Trio, Jan Lundgren, Viktoria Tolstoy oder dem Quartett um den deutschen Ausnahmepianisten Michael Wollny mit Émile Parisien und Vincent Peirani aus Frankreich sowie Andy Schaerer aus der Schweiz. Ihr gemeinsames Projekt nennt sich „Out Of Land“ und gehört sicherlich zum Kreativsten, was die europäische Jazz­welt im Moment zu bieten hat. Der Akkordeonist Peirani und sein Landsmann Parisien am Sopransaxofon spielen seit Jahren zusammen und haben sich nun zu dieser europäischen Supergroup zusammengetan, die insgesamt 12 Echo Jazz Awards auf sich vereinigen kann. Das Festival läuft vom 23. bis 25. Juni (www.jazzbaltica.de)

Zu Pfingsten ist die Stadt Moers wieder Schauplatz des Indie-Jazz. Eine echte Alternative zum Mainstream bleibt das Festival auch in diesem Jahr vom 2. bis 5. Juni mit Acts wie Brian Blade, Ethan Iverson, Ingrid Laubrock oder Anthony Braxton’s ZIM Sextet. Schlagzeuger Blade, der jahrelang in der Band des Starsaxofonisten Wayne Shorter spielte, kommt mit seinem „Mama Rosa“ genannten Projekt, einem spirituellen Jazzwerk, das Ausflüge in den Gospel und Folk nicht scheut. Die deutsche Saxofonistin und Komponistin Laubrock, die mittlerweile in New York lebt, hat sich in den letzten Jahren zu einer ganz eigenwilligen und eigenständigen Stimme im modernen Jazz entwickelt und konnte bereits auf diversen Konzerten und Festivals bei uns punkten. Der Saxofonist und Komponist Braxton, der seit Beginn mit dem Festival verbunden ist, spielt hier sein einziges Konzert in Europa. Für ein einzigartiges Klangerlebnis sorgen zwei Harfen, ein Cello und eine Tuba. (www.moers-festival.de).

Etwas breiter aufgestellt mit afrikanischen Rhythmen sowie Soul und Funk ist das Jazz and Joy-Festival in Worms, das vom 16. bis 18.6. zum 27. Mal stattfindet. Hier gibt es den good old dirty Funk eines Fred Wesley mit seinen New JBs, aber auch Matt Bianco und das New Cool Collective oder Thomas Siffling mit seinem Flow-Projekt. Auf fünf Bühnen rund um den Wormser Dom wird an diesem Wochenende gejazzt (www.jazz­andjoy.de).

Eines der in Deutschland mittlerweile größten und wohl auch exklusivsten Festivals mit den Top-Stars der internationalen Jazz-Community ist das Jazz Open-Festival in Stuttgart. Wo sonst kann man schon mal die lebende Legende Quincy Jones live erleben? Er präsentiert an einem Abend während des Festivals den quirligen Newcomer Jacob Collier sowie die gestandenen Kollegen George Benson, für den Mr. Jones ja bekanntlich das bahnbrechende „Give Me The Night“-Album im Jahr 1980 produzierte sowie Dee Dee Bridgewater. Weiter auf der Agenda sind die nicht minder legendären Recken Wayne Shorter sowie Herbie Hancock, die man im 900 Personen fassenden Innenhof des Alten Schlosses in relativ intimer Atmosphäre sehen kann. Ebenfalls auf dem Programm: Norah Jones & Jamie Cullum, Organist Joey DeFrancesco, der nach wie vor hoch geschätzte Saxofonist Kamasi Washington aus L. A. oder auch der herrlich unkonventionelle Neo-Soul-Sänger Michael Kiwanuka. Das Festival läuft zum 24. Mal und in diesem Jahr vom 7. bis 16. Juli (www.jazz­open.com).

Wie im Rausch: Wenn Jazz-Musiker einen „Flow“ erleben Foto: Detlev Schilke

Historische Spielorte und ungeheuer aufregende Weine in Kombination mit Live-Jazz ist das Erfolgsgeheimnis des Palatia Jazz Festivals in der Pfalz, das in diesem Jahr zum 21. Mal stattfindet und noch bis zum 5. August läuft. In der bunten Mischung des Programms findet sich auch das einmalige Jazzprojekt zum 100. Geburtstag des Jazz, initiiert vom Saxofonisten Vincent Herring, der sich unter anderem mit Sänger Nicholas Bearde, den Saxofonkollegen James Carter und Eric Alexander sowie den Trompetern Jeremy Pelt und Jon Faddis durch 100 Jahre Jazzgeschichte spielt (8. Juli in der Villa Ludwigshöhe in Edenkoben). Sicherlich auch erwähnenswert ist das Quartett um den ungemein talentierten Trompeter Ambrose Akinmusire (22. 7. Klosterruine Limburg) oder das Trio des israelischen Pianisten Omer Klein (ebenfalls am 22. 7.). (www.palatiajazz.de)

Auch nach Ende des Sommers geht es in Sachen Jazzfestival munter weiter. Bereits zum 19. Mal gibt es in diesem Jahr das Enjoy Jazz-Festival in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen (2. Oktober bis 11. November). Die ersten 25 Konzerte stehen bereits fest und darunter sind das Vijay Iyer Sextett (15. 10., Mannheim), das hochspirituelle Projekt des Londoner Saxophonisten Shabaka Hutchings & The Ancestors (30. 10., Heidelberg) oder die aktuelle Band des David-Bowie-Saxofonisten Donny McCaslin (27.10., Ludwigshafen). (www.enjoyjazz.de)

Und in der Hauptstadt, in der über ein House of Jazz diskutiert wird, ist gerade das Xjazz-Festival zu Ende gegangen, das sich mittlerweile gut etabliert hat und es schafft, ein enorm junges Publikum für den Jazz – zu begeistern. Fast schon zum Jahresausklang steigt in Berlin im November dann das eltehrwürdige Jazzfest (2.–5. 11., https://www.berlinerfestspiele.de/jazzfest).