Nähe Freundschaft und Politik sind kein zwingend gegensätzliches Paar

Rote Rosen für alle

Wer nur einmal hinter den Kulissen einer politischen Talkshow im deutschen Fernsehen war, irgendwo im „Raumschiff Berlin“, wird sich womöglich über das Geschehen nach der Sendung gewundert haben. Kaum sind die Scheinwerfer aus und der Abspann durch, stehen genau die Leute, die sich eben noch bis aufs Messer bekämpft haben, einträchtig am Stehtisch und trinken Bier auf Kosten der Produktionsfirma. Womöglich duzen sie sich auch noch.

Stecken „die da oben“ also tatsächlich alle unter einer Decke und sind „Amigos“ – ein Begriff, der im politischen Kontext größtmögliche negative Zuspitzung von Freundschaft meint und Korruption suggeriert?

Freundschaft und Politik, ein heikles Thema, das mit dem Bonmot „Freund, Feind, Parteifreund“ schon recht gut umrissen ist. In der Politik, so der politikwissenschaftliche Gemeinplatz, gibt es keine Freundschaften, sondern stets nur Interessen. Bestätigen Ausnahmen da nur die Regel? Prominent schon seit Jahren ist zum Beispiel die Freundschaft zwischen der Grünen Claudia Roth und Günter Beckstein von der CSU. Sie duzen sich auch vor der Kamera. Ein freundschaftlicher – oder präziser: freundlicher – Umgang mit dem politischen Gegner zeugt am Ende auch von demokratischer Kultur – der Kontrahent ist kein Feind, er wird mit Respekt behandelt.

Die Freundschaft ist die Bindungsform der Stunde: Man darf miteinander vertraut sein und doch sein eigener Herr

Ach, die „Freundschaft“, sie ist, wie Siegfried Kracauer schrieb, eines jener „Wortgefäße“, in denen „die Erfahrung der Generationen, unerschöpfliches Leben sich verbergen“. Will auch sagen: Begriff und Bedeutung von Freundschaft sind in stetem Wandel.

In unserer Zeit nun tritt die Freundschaft, die Montaigne in einem seiner Essais so schön abzugrenzen vermochte von den Banden zur Familie, nun an die Stelle dieser Zwangsverknüpfungen. Alltäglich kann das bedeuten, dass die selbst gewählten Freunde nun die Familie sind. Politisch geht der Philosoph Jacques Derrida noch einen Schritt weiter. In seinem Buch „Politik der Freundschaft“ entwirft er die Utopie einer künftigen Demokratie, die auf die Rückbindung des Staats an die Familie verzichtet und stattdessen auf tatsächlich freie Individuen setzt, die sich als allein begreifen. Eine Politik der Freundschaft, ganz ohne Bindungen an Kategorien wie Blut, Geschlecht, Rasse, Nation …

Der Mensch jedenfalls, auch der Politiker, ist, um noch einmal Montaigne zu bemühen, „zu nichts eigentlicher und näher bestimmt als zur Geselligkeit“. Und die Freundschaft ist die Bindungsform der Stunde, verspricht sie doch, dass man miteinander vertraut sein darf und doch sein eigener Herr. Oder wie es die weise Hildegard Knef in einem ihrer größten Songs formulierte: „Will allein sein, und doch frei sein.“

Auch wenn es in der Politik nicht immer rote Rosen regnet, kann dieses Prinzip eigentlich auch dort nicht grundverkehrt sein. Häufiger ist nunmehr der umgekehrte Fall, also der, dass Politik die Freundschaft stört. In einer Zeit der extremen Polarisierung geht der Riss in Bezug auf Meinungen nicht nur mitten durch Familien, sondern entzweit auch Freundschaften. Was tun, wenn die beste Freundin plötzlich AfD wählt?

Martin Reichert