„Eine Wohnung in Marzahn – das war ein absolutes Privileg“

Plattenbau Technologiegläubigkeit und Gleichheitsideal: Soziologin Christine Hannemann über das Wohnen in Hochhäusern zu DDR-Zeiten und heute

taz: Frau Hannemann, warum interessieren Sie sich so sehr für ­Plattenbausiedlungen in der DDR?

Prof. Dr. Christine Hannemann: Ich fand es immer faszinierend, wie in Marzahn ganz zentralistisch binnen so kurzer Zeit die Wohnungsfrage als soziales Problem gelöst werden sollte. Besonders interessiert mich, wie hier politisch-ideologische Ideen zur Gestaltung einer Gesellschaft in baulich-räumliche Strukturen umgesetzt wurden. Also entsprechend der Vorstellung zur sozialistischen Lebensweise wurden Wohnungen für die überwiegend vollzeitbeschäftigte Frau, ihren vollzeitbeschäftigten Mann und ihre ein bis zwei Kinder gebaut.

Was empfanden wohl die meisten Menschen in der DDR, wenn sie Ende der 1970er einen Besichtigungsschein für eine Wohnung in Marzahn bekamen?

Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie grottig die Altbauwohnungen im Ostberlin der späten 1970er waren. Es war für die Mehrzahl der Menschen ein absolutes Privileg, wenn man eine Wohnung in Marzahn bekam. Da gab es ja ein richtiges Ranking.

Was waren das für Menschen, die in diesen Bezirk zogen?

Normale Menschen, darunter auch viele, die der sozialen Schicht der Intelligenz zugerechnet wurden.

Fehlten den gebildeten Leuten nicht der Platz für Klavier und großen Esstisch, die im Westen oft Bestandteile eines Akademikerhaushalts waren?

Die Intelligenz im Osten kann man nicht vergleichen mit der Akademikerfamilie im Westen. Sie hatte nicht ansatzweise so viel Geld.

Abgesehen von der Größe ­waren alle Wohnungen gleich. Welche Ideologie steckte hinter dieser Art des Wohnungsbaus?

Es war erstens die Technologiegläubigkeit. Zweitens der Glaube an die Kleinfamilie als Keimzelle der sozialistischen Gesellschaft, mit der man hoffte, die Einzelnen eher zu den dringend benötigten Industriearbeitern zu disziplinieren. Und schließlich war es das Gleichheitsideal. Also der Versuch, die Unterschiede zwischen den Klassen und Schichten zu eliminieren und allen gleiches Einkommen, gleiche Bildung und gleiches Wohnen zu ermöglichen.

Entsprach dies auch den Bedürfnissen der Menschen?

Teilweise. Manche haben geklagt, dass sie im Neubau zu wenig Platz hatten. Auch in der DDR hatten die Großsiedlungen nicht durchgängig einen guten Ruf. Sie galten als grau, langweilig und anonym, als Schlafstädte. Viele Frauen ­bemängelten die Einfallslosigkeit der Spielplätze, die Hof­gestaltung und dass es zu wenige Restaurants, Kneipen, Kultureinrichtungen und Schwimmhallen gab. Andererseits waren die Wohnungen ja alle so gedacht, dass man auch eine Garage und eine Datsche hatte. Insofern ähnelten sie Einfamilienhäusern, nur, das der Raum anders verteilt war. Insofern fühlten sich auch viele sehr wohl.

Wie gestaltete sich das Zusammenleben in Marzahn?

Wegen der Mangelwirtschaft ging es in der DDR überall gemeinschaftlicher als in der BRD zu – zumindest für jene, die sich darauf einließen. Es gab mehr nachbarschaftliche Hilfe. Aber leider existiert keine Studie, die das Zusammenleben im Altbau und im Neubau in der DDR vergleicht. Man kann nur vermuten, dass es im Neubau noch besser funktionierte, weil die Bewohner noch homogener waren.

Wir haben für den neben stehenden Text ein Rentnerpaar in einer Marzahner 3-Zimmer-Wohnung getroffen, das die Wohnung seit dem Auszug der Tochter so benutzt: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Arbeitszimmer für ihn und Arbeitsplatz für sie in der Küche. Was sagt Ihnen das?

Mit dem Wohnungsbau wurde ja auch Frauenpolitik betrieben. Es ging um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Deshalb legten sie in Marzahn besonders viel Wert auf die Errichtung einer funktionierenden Infrastruktur. So wurden in fußläufiger Erreichbarkeit Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten gebaut. Gleichzeitig kann man an den Wohnungen in Marzahn ablesen, dass die Hausarbeit in der DDR nach wie vor der Frau überlassen war. Die Wohnungen waren zu klein, um sich darin einen ungestörten Arbeitsplatz einrichten zu können. Und wenn es einen gab, wurde der meist vom Mann genutzt, während die Frau in der Küche arbeitete.

Nach der Wende zogen viele Leute weg aus Marzahn-Hellersdorf. Warum?

Christine Hannemann

Geboren 1960 in Ostberlin, studierte Rechtswissenschaft und Soziologie in Leipzig und Berlin, promovierte mit der Dissertation „Industrialisiertes Bauen: Zur Kontinuität eines Leitbildes im Wohnungsbau der DDR“. Seit 2011 leitet Hannemann das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie am Institut für Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart.

Die Wohnbedürfnisse der Menschen hatten sich überall aufgestaut, nicht nur in den Neubaugebieten. Weil es so schwierig war umzuziehen. Im Rahmen des Stadtumbaus Ost, der ja zum Ziel hatte, Wohnungsleerstand abzubauen, wurde in Marzahn viel abgerissen. Dagegen habe ich mich immer ausgesprochen. Es war eine große politische Fehlentscheidung, die heute in der wachsenden Stadt Berlin sicher viele bereuen.

Noch bis vor Kurzem befürchteten viele, Marzahn könne sich zu einer Art Getto entwickeln. Warum ist es das nie ganz eingetroffen?

Marzahn ist guter, hochwertiger Städtebau, der sich hervorragend für Menschen eignet, die keinen so großen Aufwand ums Wohnen betreiben wollen. Man muss das sehr differenziert sehen: In Hellersdorf, das ja erst später entstanden ist, wurde anders als in Marzahn dann tatsächlich nach einem anderen städtebaulichen Konzept gebaut. Die Zimmer waren dort dann wirklich endgültig zu winzig. Es wurden Boulevards angelegt, die kurz nach Fertigstellung schon wieder obsolet wurden, weil in der Nähe große Einkaufszentren entstanden.

Was würden Sie einer syrischen Familie sagen, die aus einer Flüchtlingsunterkunft ausziehen muss und sich in Berlin bestenfalls eine Wohnung in Marzahn leisten kann?

Ich würde sie beglückwünschen, dass sie noch eine bezahlbare Wohnung gefunden haben – noch dazu in einer Gegend, in der es inzwischen genauso multikulturell zugeht, wie in anderen Stadtteilen von Berlin.

Und was einer Mittelschichtsfamilie aus der Innenstadt, die aus ökonomischen Gründen dort hinziehen muss?

Marzahn ist längst kein Abstiegsviertel mehr.

Interview Susanne Messmer