Das neue Magazin für Zukunft und Politik

Alles könnte anders sein

Futurzwei Globale Gerechtigkeit ist der Kern einer zeitgemäßen Bewegung. Eine solche Bewegung gibt es auch schon: Sie umfasst rund 65 Millionen Menschen weltweit – die Flüchtlingsbewegung. Der Westen würde sie am liebsten loswerden. Ein Fehler

Ein Junge mit Standpunkt auf einer „Pulse of Europe-Demo“ in Berlin Foto: Dana Giesecke

Ich würde lieber Lego spielen“, verkündet das Plakat des Sechsjährigen. Es ist Sonntagnachmittag und schlechtes Wetter, also wäre echt Zeit für Lego, aber anscheinend hielten seine doofen Eltern es leider für wichtiger, demonstrieren zu gehen, für Europa, auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. So ist das immer. Eigentlich ist das Leben ja schön, wenn für alles Notwendige gesorgt ist, und lieber würde man den bequemen Sonntag genießen, anstatt hier bei Wind und Wetter Schilder hochzuhalten, hier für etwas zu stehen und Teil einer Bewegung zu sein.

Bewegungen sind mühsam, gerade dort, wo die Verführungen zur Bequemlichkeit so allumfassend sind wie in modernen Hyperkonsumgesellschaften. Und seit es soziale Netzwerke gibt, kann man Haltungen auch durch Klicks und Tweets zum Ausdruck bringen, dafür muss man nicht mal mit dem Kauen aufhören, falls man zufällig gerade frühstückt. Woraus folgt: Sich bewegen heißt nicht nur etwas tun, sondern etwas anderes lassen, jedenfalls für den Augenblick. Protest ist exklusiv, es fordert die Person und ihren Körper und schließt momentan alles aus, was man noch so tun könnte.

Das neue Magazin der taz und der Stiftung taz.FUTURZWEI: taz.FUTURZWEI ist eine Weiterentwicklung der bisherigen zeozwei. Denn eine neue politische Situation braucht ein neues politisches Magazin mit einem ganzheitlichen Ansatz, der Zukunft ins Zentrum rückt.

Herausgeber ist Harald Welzer, Chefredakteure sind Hanna Gersmann und Peter Unfried. Die SZ urteilt: „Ein anspruchsvolles Heft, das klare Kante zeigt, keine schnellen Lösungen heuchelt.“

Sjrda Popovic, erfolgreicher serbischer Revolutionär, liefert im ersten Heft das Ein-mal-Eins einer modernen Bewegung: Realität verändern in fünf Schritten.

Regina Schmeken, eine von Deutschlands besten Fotografinnen, zeigt in der taz.FUTURZWEI ihre besten Bilder aus dreißig Jahren Bewegungen und Revolution.

Joschka Fischer, Exaußenminster im taz.FUTURZWEI-Gespräch: „Ich wollte, der Pazifismus hätte Recht. Aber die Erfahrung hat mich eines Besseren belehrt.“

Alle Infos und das Abo: www.taz.futurzwei.org

Nämlich Lego spielen zum Beispiel. Was seinerseits voraussetzt, dass man Lego hat. Woraus wiederum folgt, dass es für eine Bewegung nicht förderlich ist, wenn man unheimlich viele Dinge hat, die Aufmerksamkeit beanspruchen. Und in einer reichen Gesellschaft wie unserer gibt es eben unendlich viele Dinge, die dauernd Aufmerksamkeit von den Menschen fordern. Smartphones, Autos, Lego, der nächste Urlaub, das Haus, die Vorlesung, wirklich alles mögliche. Fußball schauen. Fitness. Shoppen. Also hat der Junge die Wirklichkeit auf seiner Seite, wenn er lieber machen würde, was er lieber machen würde. Wie wir alle. Was wohl der hauptsächliche Grund dafür ist, dass das Protestieren, Demonstrieren, auf die Straße gehen, in den vergangenen zwei Jahrzehnten ziemlich aus der Mode gekommen ist. Und wir mit dem seltsamen Befund konfrontiert sind, dass dort, wo der Protest und die Straße mit erheblich mehr Risiko und Gefahr verbunden sind – in Venezuela, auf den Philippinen, von der Türkei und Russland ganz zu schweigen –, viel mehr Menschen protestieren als hierzulande. Wir haben nämlich mehr zu verlieren und sowieso keine Zeit, wegen all der Dinge. Außerdem müssten wir ja, wenn es zum Beispiel um Naturverbrauch geht, gegen uns selber protestieren.

Guter Punkt. Hat es historisch eigentlich schon jemals Bewegungen gegeben, die sich gegen die eigenen Privilegien gerichtet haben? Also dadurch motiviert waren, dass man selbst im Unrecht war und deshalb Vorteile hatte? Ja, hat es. Die Abschaffung der Sklaverei ist ein Beispiel. Aber auch die Arbeiterbewegung wäre nicht erfolgreich gewesen, hätte es nicht selbst im Manchester-Kapitalismus Unternehmer gegeben, die Kinderarbeit unmenschlich fanden. Und auch die Ökobewegung hatte zu Anfang ihrer Geschichte mehr vor als die Verbesserung der Energieeffizienz – nämlich den Umbau der Gesellschaft, hin zu mehr Verteilungsgerechtigkeit und geringerem Naturverbrauch.

Konvivialismus hat Ivan Illich das genannt, und der bedeutet den lebensgerechten Einsatz aller Mittel, und damit im Kern eine Selbst-Entmächtigung der Reichen dieser Erde und ein Ende der zerstörerischen Ursachen dieses ihres Reichtums. Long gone. Müssen wir aber wieder rausholen aus dem Archiv, genau wie den Protest, genau wie die Bewegung. Aber halt mal: Es gibt doch derzeit eine ungeheuer große und sogar globale Bewegung, die exakt jene überlebensgerechte Einrichtung der Welt fordert.

Bewegungen sind mühsam, gerade dort, wo die ­Verführungen zur Bequemlichkeit allumfassend sind

Sie besteht gegenwärtig aus etwa 65 Millionen Menschen, und täglich werden es mehr. Das ist die Flüchtlingsbewegung, die eine ihrer Ursachen bekanntlich in extremer Verteilungsungerechtigkeit und in unserem Reichtum hat, worin auch der tiefere psychologische Grund liegt, dass man diese Bewegung in Europa ganz schnell nicht haben wollte und seither intensiv dafür sorgt, dass sie nicht mehr kommen, die Angehörigen dieser Bewegung. Und dass man lieber desto intensiver über Fragen der Sicherheit nach innen und nach außen spricht und das zum zentralen Wahlkampfthema ausgerufen hat, obwohl noch niemals in der Geschichte so sicher zu leben war wie heute in den reichen Gesellschaften, und gerade in Deutschland. Wenn man die Flüchtlingsbewegung als Bewegung versteht, schließt sich plötzlich ein Kreis: Denn sie macht ja klar, wie sehr die Fortschreibung unserer radikal zukunftsunfähigen wirtschaftlichen Expansionsstrategien, mit dem Mittel der Digitalisierung nochmals beschleunigt, verhindert, dass man einigermaßen gerecht und überlebenssicher durch das 21. Jahrhundert kommt. Und definiert damit, worum es in einer zeitgemäßen sozialen Bewegung überhaupt gehen müsste: um Gerechtigkeit in ökologischer wie ökonomischer Hinsicht.

Das business as usual besteht dagegen in einem permanenten Herunterhandeln unserer humanitären Standards. Obwohl nie absehbarer war als heute, wie schnell uns das auf die Füße fällt. Und wie atemberaubend schnell die Freiheitsspielräume für andere Entwicklungspfade kleiner werden. Heißt: Wir müssen jetzt für die liberale Demokratie kämpfen, gerade weil nur sie die Voraussetzung dafür ist, den Laden ökologisch, ökonomisch und damit in Sachen Gerechtigkeit zu modernisieren. Unter autoritären, gar diktatorischen Bedingungen geht das nämlich nicht, unter Bedingungen von Freiheit aber schon. Solange sie existiert.

Business as usual besteht in einem permanenten Herunterhandeln unserer humanitären Standards

Ja, wir würden alle lieber weiter Lego spielen. Aber für die Erfüllung dieses legitimen Wunsches müssen wir wieder Voraussetzungen schaffen und nicht einfach die nehmen, die da sind. Also protestieren. Es uns unbequem machen. Denn anders kann man es anderen nicht unbequem machen. Ist so. Aber Lego ist ja auch noch in einer anderen Hinsicht super: Damit kann man sich nämlich Wunschwelten bauen, wenn man die Steine auseinandernimmt und neu zusammenbaut. Solche Wunschwelten fehlen uns ganz handgreiflich; Zukunft, sagt die Internetwirtschaft, sieht genauso aus wie jetzt, nur automatischer. Bequemer. Ökologisch zerstörerischer. Anonymer, unpolitischer. Fremdgesteuerter. Wie Lego. Das war auch mal emanzipativer als heute, wo sie ja immer nur wollen, dass der Junge den Packungsinhalt ordnungsgemäß ins vorgesehene Ergebnis verwandelt. Kann er, muss er aber nicht. Um sich diesen Freiheitsspielraum zu erhalten, dafür geht er demonstrieren.

Also: Wir können uns gerade nicht mehr leisten, immer nur Lego zu spielen, vor allem nicht nach den Spielregeln von Lego. Wir müssen uns endlich wieder zumuten, die Spielregeln neu zu formulieren. Und damit auf die Straße zu gehen.