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Regentropfen, die an dein Fenster klopfen.
Das merke dir: Die sind ein Gruß von mir

Singin’ in the rain?

Wetter Es regnet, Gott segnet und Deutschland wird nass. Seit Tagen. Noch Tage lang. Sechs Hymnen auf das beste Sommerwetter aller Zeiten

„Wenn ich eine Pfütze seh, spring ich gerne rüber. Manchmal spring ich mittenrein, was ist mir wohl lieber?“ Foto: Ina Fessbender/dpa

1. Ja, wegen der Blumen

So banal es klingt, so banal ist es auch: Der Regen hat einen gewissen Effekt auf die Pflanzenwelt. „Man muss doch auch an die Ernte denken“, mahnt der Landwirt, wo der Urlauber über nasse Ferientage klagt. Dass die Leute auf der ganzen Welt verhungern, ist ihm scheißegal, solange das Hotelbuffet noch funktioniert. Er muss schließlich „braun werden“, wie man ein flächendeckendes schwarzes Melanom heutzutage nennt. Dabei könnte er bei schlechtem Wetter doch so viel Schönes unternehmen: eine Saunalandschaft aufsuchen, sich gemütlich in sein Bettchen kuscheln, endlich mal ein gutes Buch lesen.

Manchmal ist des Guten auch ein wenig zu viel. Dann ist die Ernte tot. Ersoffen. Doch auch das ist kein Problem. Man stellt die Landwirtschaft einfach um. Teichlinsen, Algen, Seerosen, Entengrütze mit Vanillesoße. Frösche, Schnecken, Molche – auch der Fleischesser kommt voll auf seine Kosten. Glückliche Bio-Lurche von Neuwasser frisch auf den Tisch.

Ich schreibe diese Zeilen aus dem Urlaub. Der Himmel weint die ganze Zeit, während ich nur fröhlich lache. Denn alles ist gut. Denkt mein treuer Nachbar im heimischen Berlin nicht daran, meine Blumen zu gießen, macht das gar nichts. Denn Nachbar Klimawandel kümmert sich darum. Und selbst wenn nicht: Meine Blumen sind in ihren Kästen schon beim vorigen Unwetter ertrunken. Danach reckten sie ihre toten Stängel aus den Kästen wie Schiffbrüchige ihre Knochenarme aus dem leckgeschlagenen Rettungsboot. Gut so. Balkonpflanzen sind eh überschätzt.

2. Ja , wegen des Rauschens

Draußen tropft es nicht, es rauscht. Ende Juli ist der Regen zum Grundrauschen geworden, zum Sommergrundrauschen, bisschen wischiwaschi im Ton. Das Wasser prallt nicht hart auf Asphalt, wird auch selten begleitet vom Donner, es läuft halt und läuft und läuft. Sickert in Kopfsteinpflasterritzen.

Was gibt es da noch zu tun? Licht machen, vielleicht – und dann? Die Tage nehmen, wie sie kommen, also den Sommer nehmen wie den Herbst, im Bett liegen und an Urlaub denken, Serienmarathon, Büchermarathon, sich Nachrichten schicken, gehen wir nochmal raus? – nö, zu nass. Für den Park ist es zu nass, fürs Freibad ist es zu nass, Spazieren, Radfahren? Unmöglich; will jemand in den Biergarten? Auf keinen Fall.

Lieber die Daunendecke rausholen und sich den Wecker nicht stellen, weil der Regen am Morgen schon wecken wird, Jalousien runter, Vorhänge zu. Und dann: sich nicht mehr bewegen, im Dunkeln dem Rauschen lauschen.

3. Ja, wegen der Solidarität

„Regen ist schön“, so singt Mireille Mathieu: „Die ganze Welt ist heute grau / und wir vergessen sie / weil wir zusammen sind / zwei unter einem Parapluie“. Es gibt so viel Mireille-Travestie in der queeren Welt, dass man gar nicht mehr weiß, ob es die Sängerin je wirklich gegeben hat. Ihr Lied „Regen ist schön“ aber war der inoffizielle Hit des Berliner CSD am vergangenen Samstag.

Der liebe Gott hatte, wie schon an dem Tag, als im Bundestag die Ehe für alle geöffnet wurde, ein Sintflütchen zum Gruße geschickt – und ja, es war schön: Statt nur hinter Trucks herzulatschen, stand man immer wieder in Grüppchen unter Bäumen zusammen, die auch nichts halfen – oder steckte die Köpfe mit Wildfremden unter Schirmen zusammen, die nur ein Witz waren in diesen schweren Wassern.

Eine lustige Truppe fand sich in einem Spätkauf am Rande der Strecke ein, den Besitzer zur Verzweiflung bringend mit ihrer guten Laune. Eine andere unter einem Baugerüst beim aserbaidschanischen Kulturinstitut: Und immer kam man miteinander ins Gespräch; kein Flaggenstreit, kein Ismus nirgends; die Plakate und Slogans verwischt und verwaschen wie die Schminke; stattdessen babylonisches Kauderwelsch im Regen.

Der Buchstabensalat, LGBTIQ*, wurde nass und tanzte. Die T-Shirts wurden ausgezogen, nicht um die Muskeln zu zeigen, sondern weil sie kalt auf der Haut klebten.

Die Lage: Abgesehen von Nordbayern bestimmen in ganz Deutschland Wolken und Schauer das Bild. Der Deutsche Wetterdienst sprach von „beeindruckenden Regenmengen“, die seit Wochenbeginn gefallen seien. Besonders im Süden Niedersachsens, im Umfeld des Harzes und in Nordthüringen wurden am Dienstag ungewöhnlich hohe Niederschlagswerte gemessen.

Die Aussichten: weiterhin mies. Erst ab Donnerstag wird es besser. Dann soll etwas weniger Regen fallen.

Und so, im kalten Dauerregen, entstand ein Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität, wie lange nicht. „Regen ist schön / Regen ist schön / Regen, Regen, Regen.“

4. Ja, wegen der Fantasie

Jede Revolution beginnt mit den nackten, nassen Brüsten von Männern. Stellen Sie sich dazu folgende Szene vor, die auf einer aristokratisch gepflegten Wiese bei strömendem Sommerregen spielt. Im Hintergrund zeichnen sich unscharf die Paläste und Glitzertürme der Welt ab, zu Miniaturen geschrumpft und auf einen Haufen geworfen, auf dem wir alle als Kobolde herumklettern, um uns mit wasserfester Farbe zu beschmieren.

Im Vordergrund tänzeln zwei nackte Männer aufeinander zu, einer von links, einer von rechts, die wenigen Haare klatschnass, die Pimmel baumeln nutzlos zwischen ihren Beinen. Kurz bevor sie aufeinandertreffen, setzten sie zum Pogo an, springen breitbeinig ab, die triefenden Männertitten hervorreckend wie zwei Gorillas beim Brusttrommeln. Dann klatschen die Männertitten aufeinander, tektonische Wellen durchwandern die fettigen Polster, die Männer stoßen einen weltpolitischen Ugahschrei aus, prallen auseinander, und wer mit dem Gesäß auf der Wiese landet, der hat verloren.

Der Gewinner bekommt einen Klaps auf den Po und eine Schüssel Dörrobst. Dann tänzeln sie davon, Pfleger führen sie zurück in ihre Gehege.

Ach, ich kann mich gar nicht entscheiden, um wen es sich bei den beiden Männern handeln soll. Donald Trump und Wladimir Putin. Benjamin Netanjahu und Viktor Orbán. Alexander Dobrindt und Dieter Zetsche. Horst Seehofer und Jens Spahn. Boris Johnson und Jarosław Kaczyński. Warum nicht Angela Merkel und Martin Schulz? Denn es gilt: Alle Macht dem Sommerregen.

5. Ja, wegen der Geschäfte

„Na Kinder, noch eine Runde Mau-Mau?“ Die Frage geht im Kreischen der Mädchen unter. Sie kloppen sich, schon wieder. Ziehen sich an den Haaren, zerrupfen Malbücher, zerschneiden sich gegenseitig die Leggings. Puh. So haben sie sich ihre Ferien nicht vorgestellt. Die Eltern auch nicht.

Aber was sollen sie schon machen bei Dauerregen? Alle Klamotten sind durchweicht und alle Spiele schon fünfmal gespielt. Alles laaaangweilig. Selbst das Schwimmbad ist im Sommer geschlossen. Noch mehr Fernsehen und Schokolade geht auch nicht. Shoppen? Ein Horror, wenn die Eltern immer nur sagen: „IPod? Brauchste nicht.“ „Playstation? Zu teuer.“ „Badeanzug, haste schon.“ Was nun?

Christine Finke hat eine Idee: „Kinderzimmer aufräumen und ausmisten.“ Echt jetzt? „Meine Kinder haben großen Spaß daran“, sagt die Stadträtin in Konstanz, die als @mama_arbeitet über ihr Leben als Alleinerziehende mit drei Kindern twittert.

„Meine Kinder haben großen Spaß daran“

Christine Finke, Bloggerin

Alles, was die Finke-Kinder nicht mehr brauchen, packen sie in Kisten und tragen es in den Keller – für den nächsten Flohmarkt. Das sind gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe: Denn von dem Geld, das sie auf dem Flohmarkt „verdienen“, können sie in den nächsten Regenferien nämlich alles kaufen, was Eltern sonst so verweigern.

6. Ja, wegen der Wahl

Für Wahlplakate ist der Regen Gift. Vor allem für umweltfreundliche Varianten, die aus Ökopappen bestehen und nicht auf Holzplatten geklebt werden müssen. Während des Bundestagswahlkampfs 2013 machten sowohl SPD als auch Grüne schlechte Erfahrungen mit diesen Plakaten. Weil sich die Pappen im Regen wellten oder gleich ganz von den Laternenmasten flogen, mussten die Parteien Zehntausende Plakate austauschen.

Abgesehen davon gilt für die Parteien aber: Schlechtes Wetter gibt es nicht. Höchstens schlechte Wahlkampfstrategien.

Fragen Sie zum Beispiel den Pressesprecher der Grünen nach den Folgen des Regens für die Wahlkämpfer, schickt der Ihnen ein Statement von Spitzenkandidat Cem Özdemir: Der Regen sei eine Herausforderung für den Wahlkampf, die Laune lasse man sich trotzdem nicht vermiesen. „Heftige Unwetter in Deutschland und Dürren in Südeuropa zeigen aber auch, dass die Klimakrise auch in Europa und Deutschland angekommen. Auch deshalb braucht es nach dem 24. September starke Grüne in Regierungsverantwortung für mehr Klimaschutz.“ Bei Regen also Grüne wählen. Bei Sonne aber auch.

Übrigens: Auf die Wahlbeteiligung hat das Wetter offenbar kaum Einfluss – selbst wenn es bis zum 24. September durchregnen sollte. Der Deutsche Wetterdienst analysierte im vergangenen Jahr Studien zum Zusammenhang zwischen Wetter am Wahltag und Beteiligung. Fazit: Die Beeinflussung sei „im Vergleich zu anderen wahlspezifischen Faktoren eher gering einzuschätzen“.