Widerstreit Nicht alle finden, dass die Marke Schnitger für eine Welterbe-Bewerbung trägt. Und plädieren für die Würdigung der Orgellandschaft Nordseeküste insgesamt – der ältesten in Europa

Schnitgers Konkurrenz

Erhaltene Schnitger-Orgeln – das Instrument in Oederquart ist mittlerweile rekonstruiert Grafik: Hans-Werner Coordes/Orgelatlas Ostwestfalen-Lippe (www.orgel-owl.de)

Von Petra Schellen

Jeder wollte die schönste haben. Wollte Gott mit seiner Orgel am brillantesten loben, um bloß nicht in der Hölle zu landen. Ein lebhafter Konkurrenzkampf muss in den Marschdörfern des 15. Jahrhunderts getobt haben, wenn es darum ging, das prächtigste Instrument zu besitzen.

Denn die Marschbauern mit ihren fruchtbaren Böden waren damals, als die wachsenden Städte vorm Hygiene-Kollaps standen, kleine Könige: Sie hatten das Monopol auf saubere Lebensmittel, die sie sich gut bezahlen ließen. Dabei begegneten die oft studierten Landwirte den Städtern auch kulturell auf Augenhöhe und wussten, was dort Mode war. Zum Beispiel exquisite Orgeln. So etwas wollten sie für ihre Dörfer auch, in derselben Qualität.

Kein Wunder also, dass die Marschen bald vor Orgeln wimmelten. „Die Marschen an der Nordsee sind die älteste Orgellandschaft der Welt“, sagt der Freiburger Musikwissenschaftler Konrad Küster, der die Wanderausstellung „Orgeln an er Nordsee – 500 Jahre Orgelkultur in den Marschen“ konzipiert hat. Das Marschland sei „die erste Gegend Europas, die großflächig mit Orgeln ausgestattet war“.

Was nicht heißt, dass die Bauern das nur für den lieben Gott getan hätten: Die Orgel sollte auch repräsentieren – und prächtiger sein als die im Nachbardorf. Hohe Unterhaltskosten, gar Neuanschaffungen nach 20, 30 Jahren wollten die Gemeinden allerdings nicht. Also ließen sie in die Orgeln, die das salzhaltige Seeklima ertragen mussten, beste Materialien einbauen.

Der Standard vor Schnitger

Das alles war Standard schon rund 150 Jahre vor der Geburt des berühmten Orgelbauers Arp Schnitger. Umso verwunderlicher, dass diejenigen, die diese Instrumente fürs Unesco-Welterbe vorschlagen wollen – der Arp-Schnitger-Kulturerbe e. V. und alle Fraktionen des niedersächsischen Landtags – unter anderem mit deren Nachhaltigkeit argumentieren. Denn von einst 170 Schnitger-Orgeln sind gerade mal 30 erhalten.

Etliche wurden nämlich im 19. Jahrhundert abgerissen, weil ihr Klang – anders als die Orgeln des eine Generation jüngeren Gottfried Silbermann – nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprach. Schnitgers Spuren sind also überschaubar. Hinzu kommt, dass er oft Orgelpfeifen der Vorgänger-Instrumente verwandte, sodass man oft nicht weiß, wie viel Prozent Schnitger man eigentlich vor sich hat.

Und Schnitgers viel gepriesenes Werkstattsystem? Wurde laut Küster möglicherweise aus der Not geboren. „Als junger Mann hat Schnitger in Stade eine Verlobung gelöst, was damals ein strafwürdiges Verbrechen war. Er floh nach Hamburg, von wo man ihn nicht nach Stade auslieferte“, sagt er. Da Schnitger aber in Stade und Umgebung weiterhin Aufträge erfüllen musste, schickte er Gesellen – und die Geschäftsidee „Werkstattmodell“ war für den Orgelbau erfunden. „Das hatte es bis dato nicht gegeben“, sagt Küster. „Orgelbauer waren meist Wanderhandwerker, die sich nur je nach Auftragslage in einer bestimmtem Region aufhielten.“

Doch auch wenn Schnitger die meisten Orgeln entlang der Nordseeküste schuf, existiert doch eine interessante Grenze: In der Krummhörn zwischen Norden und Emden findet sich unter 19 hochwertigen alten Orgeln – etwa in Rysum, Uttum, Pilsum und Pewsum – kein einziges Schnitger-Instrument. Im Alten Land zwischen Elbe und Weser, in der Grafschaft Oldenburg sowie in den niederländischen Provinzen Friesland und Groningen dagegen gab es massenhaft Schnitger-Instrumente.

„Schnitger biss sich vor allem in den Regionen fest, die vorher mit der Renovierung ihrer Orgel – etwa aufgrund von Sturmflut- oder Kriegsfolgen – nicht zum Zuge gekommen waren und erst im späten 17. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten“, sagt Küster. In anderen Regionen seien Fortentwicklungen viel früher angepackt worden, vor allem in Schleswig-Holstein und im Land Hadeln vor Cuxhaven. Deshalb seien Schnitger-Orgeln dort selten.

In der Krummhörn dagegen habe man ganz eigene Wege beschritten. „Manche Gemeinde kooperierte lieber mit einem der Orgelbauer neben Schnitger“, sagt Küster. „Andere sahen keinen Bedarf für die Erneuerung ihrer Instrumente. Und später fehlte das Geld für Neubauten – weshalb mit dem 1442 gebauten Rysumer Instrument eine der ältesten bespielbaren Orgeln der Welt erhalten ist.“

Schnitger war also weder an der gesamten Nordseeküste noch flächendeckend europaweit tätig, wie die Welterbe-Befürworter meinen. „Er hatte feste Stützpunkte in Hamburg, Bremen, Groningen“, sagt Küster. „Weiter als bis zum Harz und nach Berlin strahlt sein mitteleuropäisches Wirken nicht aus; Sachsen oder Thüringen hat er nicht erreicht.“ Und einzelne Orgellieferungen nach Russland und Portugal – wovon eine später nach Brasilien kam – bedeuteten noch kein europäisches Handelsnetz.

Abgesehen davon entspringe die Idee, Schnitger als Marke herauszugreifen, dem „Geniegedanken der 1930er-Jahre“ und nicht dem modernen Denken in historischen Kontexten. „Die Rolle Schnitgers für den nordwestdeutschen Raum ist kleiner als das, was mit dem Etikett Schnitger belegt ist“, findet Küster.

In der Tat: Auch Thomas Albert, Chef des Musikfestes Bremen, zu dem auch ein Arp-Schnitger-Festival gehört, und Vorstandsmitglied beim Arp-Schnitger-Kulturerbe e. V., kann nicht genau sagen, inwiefern Schnitger die Orgellandschaft an der Nordseeküste repräsentiert. Schnitger sei eben ein „Meister in der Mitte der Geschichte“, an dem sich der Orgelbau im Nordwesten Europas festmachen lasse, findet er.

Strahlen durch die Zeit

Im Antrag der Fraktionen an die niedersächsische Landesregierung auf Unterstützung einer Unesco-Bewerbung klingt das anders. Er preist Schnitgers „Strahlen durch die Jahrhunderte bis heute“ und fokussiert die Person Schnitger – den die Orgelbauszene übrigens seit den 1920er-Jahren wieder entdeckt. Damals hatte der Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn in der Schnitger-Orgel von Hamburgs St.-Jacobi-Kirche entsetzt das Fehlen von Pfeifen bemerkt, die zwar nicht zu Kanonen, wohl aber zu Konserven verarbeitet worden waren. Jahnn machte es öffentlich, fand Mitstreiter; eine Wertschätzungs-, Restaurierungs- und bis heute andauernde Nachbauwelle begann.

In der Tat seien Schnitgers Verdienste weder kaufmännisch noch handwerklich zu leugnen, sagt Küster. Aber qualifizierte Zeitgenossen wie Valentin Ulrich Grotian und Joachim Kayser dürfe man nicht unterschlagen. „Sonst entsteht ein ruinöser Wettbewerb um Touristen und Fördergelder.“

Einen konkurrierenden Welterbe-Antrag zugunsten der Orgelbaulandschaft Nordseeküste hat Küster trotzdem nicht initiiert. Denn die Einzigartigkeit der Landschaften an der Nordsee bestehe nicht nur in ihrer Orgelkultur. Sie äußere auch in anderen Aspekten, etwa dem jahrhundertealten Hochwasserschutz und der vordemokratischen Sozialstruktur. Auch müssten regional stark unterschiedliche Interessen berücksichtigt werden. „Es ist nicht leicht, die Gemeinden dieser großen Region zusammenzubringen“, resümiert er.

Abgesehen vom sprichwörtlichen ostfriesischen Eigensinn fremdelt tatsächlich manche Gemeinde mit ihrer alten Orgel. Das ist sogar in Cappel so, wo die besterhaltene Schnitger-Orgel steht. „Das ehrenamtliche Engagement scheitert manchmal an der Angst vor dem Instrument, das man nicht versteht“, bestätigt Almut Harrs vom Cappeler Kirchenvorstand. Dabei biete man bewusst auch Jazz- und Beatles-Konzerte, um die Orgel vom Ruch des Archaischen zu befreien.

In krassem Grün gehalten ist die Orgel in Lüdingworth bei Cuxhaven, die ursprünglich von Antonius Wilde stammt (1598–1599) und 1682–1683 durch Arp Schnitger erweitert wurde; die Orgel in Mittelkirchen bei Stade wurde von Schnitger zu einem zweimanualigen Instrument ausgebaut und mit einer tiefen Trompete ausgestattet; in der Sint-Michaëlskerk im niederländischen Zwolle steht eine große viermanualige Orgel, die 1719–1721 von Schnitgers Söhnen Frans Caspar und Johann Georg erbaut wurde; die Orgel von St. Johannis in Oederquart bei Stade ist eine Erweiterung eines Instruments von Hans Christoph Fritzsche von 1652, sie wurde mehrmals umgebaut und 2014 bis 2017 im Sinne Schnitgers rekonstruiert; die Orgel von St. Cosmae et Damiani in Stade baute Schnitger noch als Geselle 1669–1673 zusammen mit seinem Onkel Berendt Hus, sie hat drei Manuale; zu Schnitgers frühen Werken gehört auch die Orgel von St. Martini et Nicolai in Steinkirchen bei Stade (1685–1687); die Orgel der Kathedrale von Faro im Süden Portugals wurde womöglich von Arp Schnitger in seiner Hamburger Werkstatt gebaut und von seinem Mitarbeiter Johannes Heinrich Hullenkampf aufgestellt Fotos: Joergens.mi, Hans-Jörg Gemeinholzer, A.A.W.J. Rietman, Christoph Schönbeck, NOMINE e. V., Hans-Jörg Gemeinholzer, Gérard Janot/Wikimedia commons

Und wenn es hart auf hart komme, würden die Cappeler durchaus für eine Welterbe-Bewerbung einstehen. „Seit uns die Hannoversche Landeskirche 1970 das Instrument abnehmen und nach Lüneburg versetzen wollte, hat sich ein Zusammenhalt gebildet, der wieder aktivierbar wäre“, sagt Harrs. Einen Hauch Identität stiftet die Orgel also doch.

Ohne die Hausherrn

Das schafft sie sicher auch in Stade, wo Schnitger seine ersten Orgeln schuf. Und im Prinzip begrüßt der dortige Kirchenmusiker Martin Böcker die geplante Welterbe-Bewerbung. Nur, dass die Schnitger-Gesellschaft gern Pläne schmiede, ohne die Gemeinden vor Ort – immerhin Besitzer und also Hausherrn der Orgeln – einzubeziehen.

Da würden etwa für Schnitgers 300. Todestag 2019 Termine festgelegt, aber nicht abgestimmt. Dabei seien die Gemeinden keineswegs engstirnige „Bedenkenträger“. Sie fürchteten vielmehr die Kosten eines Welterbe-Titels. Und das aus guten Gründen: Wenn es irgendwann so weit sein sollte, müssten Öffnungszeiten gewährleistet, Personal vorgehalten, müsste das jeweilige Welterbe im Internet ausführlich dokumentiert und erklärt werden.

Das habe für die norddeutsche Orgellandschaft schon ohne Welterbe-Titel nicht geklappt, sagt Böcker. „2008 haben wir den Verein Nomine gegründet – auf Rat der niedersächsischen Landesregierung, die nach drei Jahren Anschubfinanzierung Subventionen versprach.“ Die Zusage wurde zurückgenommen, die Vereinsgeschäftsführer bekommen kurzatmige Zeitverträge.

Böcker ist enttäuscht angesichts des mangelnden Interesses der Regierung an der norddeutschen Orgellandschaft. „Ich fände es wenig hilfreich, wenn künftig nur Schnitger-Orgeln gefördert würden“, sagt er.

Hinzu kommt, dass der Erhalt der Instrumente angesichts des Klimawandels ohnehin teurer wird. Nicht nur die Neuenfelder Orgel wurde kürzlich wegen Schimmels und Korrosionschäden restauriert. Auch andere Kirchen und Orgeln fangen an zu modern. Das Thema der Zukunft werden also Belüftungsanlagen sein, und die Gemeinde Cappel hat schon mal mit der Geld-Akquise begonnen. Sollte Schnitger Welterbe werden, würde die Finanzierung leichter.

Damit im strukturschwachen Nordseeküstengebiet aber künftig nicht nur von Schnitger die Rede ist, hat Pastor Siek Postma aus Jennelt, Organisator des Krummhörner Orgelfrühlings, eine „lockere Plattform“ gegründet. Sie soll die Orgeln Ostfrieslands und Groningens gemeinsam bewerben, also letztlich ein Gegengewicht zur Marke Schnitger bilden.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Orgeln – weil „beweglich“ – gar nicht als Welterbe zugelassen sind und die Unesco-Beauftragte den Antrag der Fraktionen auf Unterstützung einer Bewerbung jetzt erst mal zurückgewiesen hat, braucht sich niemand um Kannibalisierung zu sorgen. Aber, sagt Musikfest-Chef Thomas Albert, „die Unesco-Kriterien können sich ändern“.

Oder man formuliert den Antrag so um, dass er auch die zugehörigen Kirchen einbezieht. Wenn auch das nicht reicht, könnte man die Orgellandschaft Nordseeküste dazunehmen. Und alle wären zufrieden.

Arp-Schnitger-Festival beim Musikfest Bremen: 23.–27. 8.

Wanderausstellung „Orgeln der Marschen“: 14. 8.–10. 9., St. Bartholomäus, Wesselburen sowie 12.–17. 9., Marktkirche Hannover