Überschuss an Energie

Roland Owsnitzki fotografiert seit über 35 Jahren Konzerte in Berlin. Von Mittwoch an zeigt das Pop-Kultur-Festival „80 Fotos aus den 80er Jahren“ von ihm. Als Autodidakt begann er, 1983 verkaufte er erstmals Bilder an die taz. Bis heute geht er mehrmals pro Woche in Clubs

The Pogues, 20. 4. 85, Loft

Wer in Berlin hin und wieder Konzerte besucht, wird ihn schon mal gesehen haben. Diesen Mann mit dem krausen, grauen Schopf, der sich nahe der Bühne postiert und eine Kamera in der Hand hält. Der, so sagt er, drei- bis viermal pro Woche in den Venues der Stadt unterwegs ist und alles fotografiert, was ihm vor die Linse kommt: Punkrockshows und Sta­dion­konzerte. Clubexzesse und Jazzgefriemel. Synthesizerfrickler und Souldiven.

Ratten-Jenny, 80er, Loft

Roland Owsnitzki heißt dieser Mann, er ist so etwas wie der Grandseigneur der Berliner Konzertfotografie. Seit den späten Siebzigern fotografiert er Musikerinnen und Musiker auf hiesigen Bühnen, darunter Ikonen wie Prince, Sonic Youth, Amy Winehouse, Kurt Cobain, Peaches, Blixa Bargeld.

Im Rahmen des Pop-Kultur-Festivals werden nun ab kommenden Mittwoch 80 Fotografien Owsnitzkis aus den achtziger Jahren zu sehen sein. Die Ausstellung trägt den Titel „Keller“, denn dort, also im Untergeschoss der Wohnung Owsnitzkis, befindet sich das Archiv, aus dem die Bilder stammen. Die befreundeten Kuratoren des Pop-Kultur-Festivals bargen den Schatz, rund zwei- bis dreitausend Papierabzüge, beim gemeinsamen Grillen.

Owsnitzki ist gebürtiger Berliner, Jahrgang 1955, im Wedding aufgewachsen. Er ist Autodidakt. „Ich habe das Fotografieren durchs Ausprobieren gelernt, das Risiko des schlechten Bildes in Kauf genommen.“ Aus den „schlechten“ Bildern wurden aber schnell bessere: „Erstmals verkauft habe ich meine Fotos 1983 an die taz“, sagt Owsnitzki im Gespräch. „Das war natürlich eine völlig andere Zeit: Abends hat man fotografiert, und morgens ist man mit den Fotos in der Hand in die Redaktionen gefahren.“ Für die taz habe er im Laufe der Jahre wohl am meisten gearbeitet, daneben vor allem für den Tagesspiegel und die Berliner Zeitung. Die größte Zäsur kam für ihn mit der Digitalfotografie – er selbst nutze etwa seit dem Jahr 2000 ein digitales Gerät. Bis heute hat er als „Absicherung“, wie er sagt, einen Zweitjob. Zwölf Stunden pro Woche arbeitet er als Erzieher.

Sun Ra, 7. 7. 82, Quartier Latin

Was ihm zu den Achtzigern einfällt? „Es ist eine sehr kraftvolle Zeit gewesen, es gab einen irrsinnigen Überschuss an Energie“, sagt Owsnitzki. Er erinnere diese Epoche auch deshalb so gut, weil auf den Konzertbühnen – es war die Zeit der „Genialen Dilletanten“ (sic!) – alle Regeln aufgehoben waren.

Siouxsie and the Banshees, 4. 10. 88, Tempodrom Fotos: Roland Owsnitzki

Bei den Motiven, die er fotografiert, ist Owsnitzki in erster Linie eines wichtig: „Es muss etwas passieren.“ Ruhige, unbewegte Motive hätten ihm nie gelegen.

Seine speziellsten Werke zeigen dabei einfach nur: Füße. Also Rockstarfüße. Ihm fiel irgendwann mal auf, dass man vor der Bühne oft ja erst mal die Füße der Künstler vor der Nase hat. Fortan wurden Fußbilder für ihn zum Standard. Jene Bilder wurden in Berlin auch schon mal gezeigt, nun aber folgt eine erste darüber hinausgehende Einzelausstellung. Auf die man sich freuen darf. Jens Uthoff

Roland Owsnitzki: „Keller – 80 Fotos aus den 80er Jahren“, 23. bis 25. August, Festival Pop Kultur, Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36 | Owsnitzkis Website: votos.de