200 Jahre Kaleidoskop

Der erste Medienhype der Welt

Formen gestalten wie am Computer, durch die Gegend laufen wie mit einer Virtual-Reality-Brille: Das Kaleidoskop ist das Ur-Gadget.

Mädchen mit Kaleidoskop

Heute ist es vor allem als Spielzeug bekannt. Dabei ist es doch so viel mehr Foto: imago/Westend61

„Der Geschichtsverlauf, wie er sich unter dem Begriffe der Katastrophe darstellt, kann den Denkenden eigentlich nicht mehr in Anspruch nehmen als das Kaleidoskop in der Kinderhand, dem bei jeder Drehung alles Geordnete zu neuer Ordnung zusammenstürzt … Die Begriffe der Herrschenden sind allemal die Spiegel gewesen, dank deren das Bild einer ‚Ordnung‘ zustande kam. Das Kaleidoskop muss zerschlagen werden.“ Walter Benjamin: „Zentralpark“

Goethe wäre nicht Goethe, wenn er nicht zu allem etwas zu sagen gehabt hätte. Auch zu einem neuen Gerät, das 1817 gerade dabei war, sich zum ersten tragbaren, megahippen Medienmaschinchen der Menschheitsgeschichte zu entwickeln: das Kaleidoskop. Heute gilt es vorwiegend als Kinderspielzeug, und auch in der Medien- und Technikgeschichte wird es eher gering geschätzt. In einem Brief schrieb Goethe: „In Frankfurt verkauft man ein optisches Instrument von Ansicht wie eine kurze Tubusröhre; indem man durchsieht, erblickt man farbige, regelmäßige Bilder … Es ist eine Londoner Erfindung, den Namen wüsst ich nicht recht anzugeben, in einem Briefe dechiffriere ich Kaleidoskop …“

In Film- und Technikmuseen konzentriert man sich heute lieber auf die Camera obscura, die als Ursprung der Fotografie gilt, oder die Wundertrommel oder Laterna magica, die als Vorläufer des Kinos betrachtet werden. Aber eine Röhre, die das Bild vor dem Objektiv mit Hilfe mehrerer Spiegel zu ebenmäßigen, geometrischen Mustern organisiert, die sich ununterbrochen ändern, wenn man das Ding dreht? Das ist wohl eher eskapistischer Zeitvertreib, eine Art Virtual Reality des 19. Jahrhunderts – heute cool, morgen vergessen.

David Brewster, der das Kaleidoskop erfand, vermarktete sein Gerät damals allerdings wie ein Start-up-Gründer unserer Tage mit einer Rhetorik, als habe er da gerade eine alles revolutionierende Innovation gelauncht. In seinem Patentantrag, der am 27. August 1817 (nach anderen Quellen bereits im Mai oder Juli des Jahres) vom schottischen Patentamt bewilligt wurde, betonte der schottische Physiker die Einzigartigkeit der Bilder, die seine Erfindung hervorbringen würde: Das Kaleidoskop sei „ein Instrument, mit dem man eine unendliche Anzahl ansehnlicher Formen erschaffen und zeigen kann, und ist so konstruiert, dass es durch eine sich ununterbrochene wandelnde Abfolge von herrlichen Farbtönungen und symmetrischen Formen das Auge des Betrachters erfreut.“ Der Name, den Brewster seiner Erfindung gab, kombiniert die griechischen Wort für Schönheit (kalós), Form (eidos) und Betrachten (skopéin) – das Kaleidoskop ist also ein Gerät zur Betrachtung von schönen Formen.

Maschinell unterstützte Kreativität

Doch die Bilder, die das Kaleidoskop hervorbringt, seien nicht nur schön anzusehen, sondern hätten auch einen praktischen Nutzen, versprach Brewster. Sie würden Kreativität maschinell unterstützen, schreibt er in seinem Patentantrag: Das Kaleidoskop könnte unter anderem folgenden Gewerben gute Dienste leisten: „Architekten, Dekorationsmaler, Stuckateure, Goldschmiede, Schnitzer und Vergolder, Möbeltischler, Buchbinder, Kattundrucker (Stoffdrucker, Anm. d. Red.), Teppichweber, Töpfer und jede andere Profession, bei der Muster eine Rolle spielen.“

Die Gestalter sollten einfach so lange am Kaleidoskop drehen, bis ihnen dieses ein Muster lieferte, welches gefiel und als Design eines Werkstücks verwendet werden konnte. So betrachtet war das Kaleidoskop mehr als ein hübsches Spielzeug, nämlich eine frühe Methode, Kreativität technisch zu unterstützen; der Beginn einer „apparativen Kunst“, wie Herbert W. Franke und Gottfried Jäger in ihrem gleichnamigen Buch schreiben, und damit letztlich ein Vorläufer von Photoshop-Filtern und anderen digitalen Gestaltungsmitteln der Gegenwart. Denn das Kaleidoskop ist ein zutiefst interaktives Medium: Was es zeigt, entsteht aus einer Zusammenarbeit von Mensch und Apparat, und sein Nutzer ist immer zugleich Konsument und Produzent von Bildern. Darin ähnelt er dem Nutzer von Grafikprogrammen und anderen Gestaltern, die sich bei der Arbeit technischer Hilfsmittel bedienen.

Da im 19. Jahrhundert Wände, Fassaden und Stoffe mit aufwendigen Dekorationen versehen wurden, sah Brewster hier wohl eine Chance zur „Disruption“ einer ganzen Industrie, wie man das im Zeitalter von Amazon oder Uber nennen würde – und für sich die Chance, zu einem begüterten Erfinder-Unternehmer à la Bill Gates zu werden. So wie heute Amazon den Einzelhandelsverkäufer und Onlinebanking den Schalterbeamten überflüssig machen könnten, so sollte das Kaleidoskop den Gestalter von Mustern durch ein technisches Mittel ersetzen.

Doch auch wenn das Kaleidoskop ein rasender Erfolg wurde – es machte David Brewster nicht zum Tech-Millionär. Das Patent, das er vor 200 Jahren erteilt bekam, nützte ihm in der Praxis nichts. Er beging den Fehler, seine Erfindung schon vor Patenterteilung Linsenschleifern und Optikern in England zu zeigen, denen er das Gerät verkaufen wollte. Doch weil der Apparat nicht schwer zu bauen war, wenn man erst einmal seine Funktionsweise verstanden hatte, waren erste Kopien schon im Handel, bevor Brews­ter seine Patenturkunde ausgehändigt bekam.

Wer hat's erfunden?

Schon 1817 sollen in London und Paris Hunderttausende Kaleidoskope verkauft worden sein; Brewster selbst setzte allerdings nur einige tausend ab. So musste der Erfinder zwei Dinge lernen, die im Internetzeitalter zum Mantra der Ökonomie geworden ist: Die Schnellen fressen die Langsamen. Und sein geistiges Eigentum kann man gar nicht gut genug schützen. Allerdings ist Brewsters Urheberschaft des Kaleidoskops zumindest mit Vorsicht zu genießen: Die zugrunde liegenden Prinzipien hatten unter anderem die Renaissance-Gelehrten Giambattista della Porta und Athanasius Kircher beschrieben, auch die Chinesen und die Altägypter scheinen das Prinzip der multiplen Reflexion, auf dem das Kaleidoskop basiert, bereits gekannt zu haben. In Deutschland hatte der Nürnberger J. B. Bauer schon 1798 ein „optisches Strahlenkästchen“ gebaut, in dem gemalte und ausgeschnittene Figuren an Spiegeln vorbeigeschoben wurde. Die deutsche Wikipedia nennt Brewster darum korrekterweise den „Wiederentdecker des Kaleidoskops“.

Der Hype, den der Apparat auslöste, erinnert an neuere Medienmassenphänomene vom Walkman über iPod und Smartphone bis zu Nintendo Go. Jeder wollte auf einmal so ein Ding haben. Auf Bürgersteigen wurden Kaleidoskope auf Stativen aufgestellt, in die man für einen Penny einen Blick werfen durfte. Für das Bürgertum wurde eine in Metall oder Leder ausgeführte Version zum „must-have item“ für den Salon, für Damen gab es mit Juwelen besetzte Mini-Kaleidoskope als Unterhaltung auf Reisen.

In der Presse erschienen Berichte über Knaben, die mit dem Kaleidoskop vor dem Auge in Wände liefen oder in Unfälle mit Radfahrern verwickelt wurden. (Die Draisine, ein Vorgänger des Fahrrads, war im selben Jahr auf den Markt gekommen.) Ein anonymer Statistiker rechnete für eine britische Zeitung aus, dass man ein Kaleidoskop mit zwanzig Glassteinchen mehr als 300 Millionen Jahre drehen musste, bis man alle möglichen Bildvariationen gesehen habe, andere Blätter veröffentlichten Gedichte über das neue Medium.

Reich wurde er nicht

Das Kaleidoskop war das Ur-Gadget, das erste einer ganzen Ahnenreihe von „philosophischen Spielzeugen“, die im 19. Jahrhundert erfunden wurden. Diese Mechanisierung des Sehens begann mit dem Kaleidoskop und wurde gefolgt von Stereoskop, das für einige Jahrzehnte fast zur Grundausstattung des bürgerlichen Haushalts gehörte und abends für Unterhaltung und Belehrung sorgte wie heute Fernseher, Computer, Internet, Netflix. Auch bei seiner Entwicklung spielte David Brews­ter ein entscheidende Rolle, abermals blieb sein finanzieller Profit bescheiden.

Wegen seiner geringen Größe war das Kaleidoskop auch ein frühes mobiles Medium, wie später Gameboys, MP3-Player oder das Mobiltelefon. Indem es Bilder der Wirklichkeit technisch überformt und neu organisiert, erinnert es auch an die „Augmented Reality“, die Unternehmen wie Snapchat oder Facebook gerade in ihre mobilen Apps integrieren.

Derzeit scheint das Kaleidoskop ein kleines Comeback zu erleben, und zwar nicht nur in Geschenkboutiquen und Museumsshops. In einer Zeit, in der erwachsene Menschen nach Feierabend Mandalas ausmalen, um ihre „Achtsamkeit“ zu trainieren, könnte das Kaleidoskop genau das richtige Medium sein, um die garstige Umwelt in erfreulich anzusehende Muster zu zerlegen und sie sich dadurch vom Leibe zu halten. Für hartgesottene Kaleidoskop-Fans gibt es die internationale Brewster Kaleidoscope Society. Die kommt im Mai 2018 immerhin bereits zu ihrem 28. Jahrestreffen zusammen, nach einem Meeting in Tokio im Frühjahr dieses Jahres dann im Peabody Hotel in Memphis. Es gibt noch Karten.

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