„Der Zusammenhang verschwindet“

Bremer Denkmäler Teil drei: Arie Hartog über das „Mahnmal für die Opfer der Novemberpogrome 1938“

Zeitlos, tut nicht weh Foto: Krolczyk

taz: Herr Hartog, warum konnte man sich nicht dazu durchringen, das „Mahnmal für die Opfer der Novemberpogrome 1938“ an einem zen­traleren Ort zu platzieren als in dieser unsichtbaren Gasse hinter der Hauptpost an der Domsheide?

Arie Hartog: Das hat mit dem Standort der alten Synagoge zu tun, die sich dort um die Ecke, in der heutigen Kolpingstraße, befand. Sie wurde bei den Novemberpogromen niedergebrannt. Die Toten, derer mit dem Mal gedacht wird, sind aber nicht alle dort ermordet worden.

Wie kam es zu dem Denkmal?

Eine Gruppe Bremer Bürger war der Ansicht, dass es nötig ist, an die sogenannte Reichskristallnacht in Bremen zu erinnern. Ende der Siebzigerjahre kommt ein bestimmtes historisches Bewusstsein auf. Man gründet zunächst einen Verein, sucht das Gespräch mit der Politik, die ist mit dem Vorhaben einverstanden. Nicht zuletzt, weil es die Stadt nichts kostet, der Verein trägt das Projekt alleine. Es wurden acht Künstler aus Bremen eingeladen, einen Entwurf einzureichen, darunter Bernd Altenstein und Waldemar Otto, die aus der figürlichen Ecke kamen, und eben Hans Voss als Abstrakten, der die Ausschreibung gewann.

Wer war der Künstler?

Hans Voss war eine sehr interessante Gestalt der Bremer Kunstszene der Sechziger- und Siebzigerjahre. Er kam eigentlich aus Bielefeld, wo er 1926 geboren wurde. Im Schnoor betrieb er eine kleine Galerie für Druckgrafik. Er selbst malte informell und machte Collagen. Gemeinsam mit dem Bremer Künstler Wolfgang Hainke hatte er ein Büchlein über Siebdruck gemacht, ein absoluter Hit des DuMont-Verlags in den Siebzigerjahren.

Wie konnte Voss sich gegen solche Stars der Bildhauerszene durchsetzen?

Das Denkmal sollte schlicht und zeitlos sein, das stand auch so in der Ausschreibung. Voss’Entwurf war vollkommen ab­strakt. Er sah eine architektonische Schichtung dunkler Granitblöcke vor. Waldemar Otto hatte gegen die Vorgabe in der Ausschreibung protestiert. Er sagte, ein solches Denkmal könne nicht zeitlos sein, es müsse wehtun. Selbstverständlich konnte er so nicht gewinnen.

Wie sah sein Entwurf denn aus?

Ottos Vorschlag sah eine stürzende Gestalt vor, die einer Wand aus Angreifern gegenüber positioniert ist. Eine freistehende Figur auf der einen, und einen Reliefblock auf der anderen Seite. In veränderter Form wurde es 1986 in Bremerhaven in Gedenken an alle Opfer des Faschismus aufgestellt. In Ottos Entwurf wurden Opfer und Täter benannt, was man hier auch unbedingt tun sollte.

Unterstützt die abstrakte Gestalt die Unsichtbarkeit des Mals?

Arie Hartog

geb. 1963, promovierte über „Moderne deutsche figürliche Bildhauerei“. seit 2009 Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses.

Sicherlich. Das ist auch dem Zeitgeist geschuldet. In den Achtzigerjahren ist man auf der Suche nach sehr allgemeinen, zeitlosen Zeichen. Das ist falsch, denn ein Denkmal ist nie zeitlos, sondern in höchstem Maße historisch. Aus ganz bestimmten Gründen wird an einem ganz bestimmten Ort gebaut, und aus ebenso bestimmten Gründen wird so ein Mal dann genutzt oder eben nicht. Es gibt dann natürlich noch diese Inschrift: „Unsere jüdischen Mitbürger wurden in dieser Stadt in der Nacht vom 9. zum 10. 11. ermordet“. Dann sind dort die Namen der Opfer aufgeführt. Aber von wem wurden sie ermordet? Und warum? Der ganze politische und ideologische Zusammenhang verschwindet. Die Pogromnacht ist schließlich nur ein Teil einer viel größeren, mörderischen Geschichte. Diese Art der Offenheit der Form ist für eine Auseinandersetzung nicht gerade förderlich. Man hatte darauf vertraut, dass sich aus der Verbindung der Namen der fünf Todesopfer und dem Datum der überall in Deutschland auftretenden antisemitischen Ausschreitungen das Mal von selbst erklärt. Dass das funktioniert, möchte ich bezweifeln.

Funktionieren die anderen Pogromdenkmäler in Deutschland auf eine ähnliche Art?

Die Geschichte ist kompliziert. Direkt nach 1945 gab es Denkmäler für alle Opfer oder umgekehrt sehr präzise Gedenkorte nach dem Motto: „Das ist hier passiert“. Die Idee des Denkmals für alle Opfer verschwindet in den Sechzigerjahren, was einerseits mit historischer Aufarbeitung, andererseits mit dem Selbstbewusstsein der ehemaligen Opfergruppen zu tun hat. Daneben gibt es eine Bewegung hin zur abstrakten Form. Die abstrakte Form ist allgemein, das Gedenken wird aber immer präziser, und daraus entsteht ein Widerspruch. Sobald historisches Wissen verschwindet, wird aus diesem Widerspruch eine Leere.

War die Nivellierung der Unterschiede zwischen Täter und Opfer gewollt?

Das denke ich nicht. Aber dieser Prozess setzt hier dennoch ein.

Interview Radek Krolczyk