Schreiben unter widrigen Umständen

ILB 1Am Mittwoch wurde das 17. Internationale Literaturfestival eröffnet. Elif Shafak sprach über Grundsätze der Demokratie

„Man muss nüchterne und geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“ – ein Diktum von Antonio Gramsci aus seinen „Gefängnisheften“ war sinnstiftend für die Eröffnungsfeier des 17. internationalen Literaturfestivals am Mittwochabend im Haus der Berliner Festspiele.

Neben dem traditionellen Anspruch, sowohl in internationale als auch in interdisziplinäre Dialoge zu treten, liegt 2017 ein Schwerpunkt des Festivals auf den Themen Demokratie und Menschenrechte. Ging Intendant Thomas Oberender in seiner Festrede jenseits der Programmvorstellung eher verhalten auf unsere demokratischen Pflichten ein, wurde Festivalleiter Ulrich Schreiber konkret: Angesichts weltweit bedrohter Demokratien sei eine „Haltung der Selbstkritik, des Zweifels und der Neugier“ schon „aus Selbsterhaltungsgründen“ angebracht. Schreiber verwies zudem auf „weltweite Lesungen für Demokratie und Freiheit“, die seit 2006 stattfinden und in deren Rahmen ein Film zur universellen Erklärung der Menschenrechte entstand, den er dem Publikum am Montag präsentierte: 30 Mitwirkende aus aller Welt lesen darin jeweils einen Artikel der am 10. Dezember 1948 verkündeten Erklärung der Menschenrechte. Mit Blick auf aktuelle geopolitische Umstände löste dies im Publikum manch nervöses Zucken aus.

Das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) läuft vom 6. bis 16. September. Die meisten Veranstaltungen finden im Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße 24 statt. Von heute an berichten Autorinnen und Autoren in unserer ilb-Kolumne von den Lesungen und Diskussionen. An 11 Tagen gibt’s insgesamt 285 Veranstaltungen, 297 Autoren aus 58 Ländern sind zu Gast. Das gesamte Programm finden Sie unter: www.literaturfestival.com

Gabriele von Arnim verwies mit dem Zitat „I am large, I contain multitudes“ auf Fragen nationaler Zugehörigkeiten und Identität. Das Zitat stammte von der Autorin Elif Shafak der die eigentliche Eröffnungsrede vorbehalten war. Shafak, im Londoner Exil lebend, da sie in ihrer Heimat wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ angeklagt ist, berichtete von ihren Erfahrungen bei internationalen Literaturworkshops. Lange Zeit habe sie eine Kluft wahrgenommen zwischen AutorInnen aus stabilen Demokratien, und denen, in deren Herkunftsländern von Demokratie keine Rede sein kann. Das habe sich verändert. Seit Neuestem treffe sie vermehrt Europäer und Amerikanerinnen, die sehr besorgt seien um den Zustand der Demokratie in ihren Ländern.

Der Glaube an eine lineare, progressive Entwicklung der Menschheit sei spätestens seit der Globalisierung widerlegt, vielmehr glaube sie daran, dass Menschen nicht nur eine einzige, sondern mehrere Identitäten gleichzeitig besitzen könnten: „Ich möchte darauf verweisen, dass unser aller gemeinsames Element Wasser ist“, erklärte die Autorin. Mit Rückblick auf die Türkei verwies Shafak ihre ZuhörerInnen darauf, dass Demokratie eine weit fragilere Staatsform sei, als angenommen: „Es kann sehr schnell wieder rückwärts gehen.“

Bezogen auf die Literatur und die Praxis des Schreibens unter widrigen Umständen warf sie eine wichtige Frage auf: „Wie soll man mit Selbstzensur umgehen, in der sich die Angst internalisiert hat?“ Dies war für Shafak auch Grund für den Mangel an Solidarität, den sie beobachtete: sozialpolitisch, aber auch speziell unter AutorInnen. Um die Existenz von Demokratien zu sichern, bedarf es also nicht nur eines Bewusstseins der eigenen Rechte und Freiheiten, sondern auch eines hohen Maßes an Zuversicht und Wachsamkeit. Diese zu mobilisieren darf nicht nur Aufgabe des diesjährigen Literaturfestivals sein: Schließlich leben Demokratien einzig und allein durch die Menschen, die sie gestalten.

Annika Glunz