Geht’s noch?

Schwarze Pädagogik

Die Henri-Nannen-Schule nimmt es immer sehr genau – nur beim Rassismus gibt sie sich lässig

Auf dem Foto? Das ist Venus Williams. Oder Serena Williams. Na ja, eben eine von diesen beiden total berühmten Tennis spielenden afroamerikanischen Schwestern.

So sieht die Antwort eines Profis aus. Zumindest, wenn es nach dem Aufnahmetest der Henri-Nannen-Schule geht, einer von Deutschlands renommiertesten Journalistenschulen.

Im Juli stellten sich die FinalistInnen dem berüchtigten Wissens- und Bildertest der Hamburger Schule, die FAZ veröffentlichte ihn kürzlich im Netz. Prüflinge müssen unter anderem 35 prominente Personen anhand eines Fotos benennen. Darunter sind der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Daniel Günther (CDU), der Rapper Haftbefehl, das Model Gina-Lisa Lohfink – und Tennisstar Venus Williams.

Nun gehört zu je einem Gesicht normalerweise je ein Name. Bei 34 von 35 Aufgaben im Nannen-Test ist das auch so. Nicht so bei Venus Williams; dort steht als richtige Lösung unter dem Foto auf faz.net: „Venus Williams / Serena Williams auch ok.“

Auf Nachfrage erklärt die Henri-Nannen-Schule, die Schwestern Venus und Serena Williams sähen sich nun mal „so ungemein ähnlich“, dass es „unfair“ wäre, den falschen Namen mit null Punkten zu bewerten. Die Antwort „Serena Williams“ sei deswegen mit „fast so vielen Punkten belohnt“ worden wie die Antwort Venus, erklärt die Schule. Dies sei das erste Mal, dass es einen solchen Fall gebe.

Geht’s noch? Die Henri-Nannen-Schule kokettiert immer gern damit, wie schwer ihr Test sei: „Bislang ist es niemandem gelungen, in 45 Minuten alle Fragen richtig zu beantworten.“

Die Schule erwartet von den Prüflingen, Personen aus ganz unterschiedlichen Kontexten genau benennen zu können, sei es Politik, Sport, Musik oder Klatsch – aber eine Schwarze Tennisspielerin kann durchaus mit ihrer Schwester verwechselt werden? Wäre das bei den Klitschko-Brüdern auch in Ordnung? Oder den Prinzen William und Harry?

Nun sind allerdings Venus und Serena Williams nicht nur zwei der bekanntesten Sportlerinnen unserer Zeit – sie sehen sich eben auch keineswegs „so ungemein“ ähnlich: Die zwei Jahre ältere Venus Williams ist deutlich größer und schmaler als ihre Schwester. Sieht man auf einem Porträtfoto nicht unbedingt? Kein Problem: Kinn, Mund, Wangenknochen, Augenbrauen . . .

Ein solcher Blick ist der Henri-Nannen-Schule unwürdig. Die Schule sagt, sie würde es bei den Gebrüdern Ka­czyński, den Kessler-Zwillingen, Tom und Bill Kaulitz von Tokio Hotel und dem doppelten Lottchen genauso machen. Die sind – Achtung! – alles eineiige Zwillinge. Dinah Riese