MUSIK

Unser Leben ist ein ständiges Sollen, das ein Müssen übertüncht. All die schönen Illusionen aus der Jugend, das gute Leben, die Freiheit der Liebe, die Ekstase haben sich mit der fortgeschrittenen Verneinung des Selbst, die sich Vernunft nennt, in die Randbezirke des Alltags bewegt. Vielleicht gibt es einen Ausweg: im Ballhaus Ost.

Dort forscht die musikalische Performance „Extase“ nach der verlorenen Ekstase in unserer Gesellschaft. In fünf „Neu-Evangelien“ wird unsere Sparsamkeit, Askese und Lethargie befragt und eine Exkursion ins Ekstatische unternommen (Pappelallee 15, 28. 9., 20 Uhr).

Für eine ekstatische Poesie, die starre Wortbedeutungen suspendiert, steht auch die norwegische Künstlerin Hanne Lippard. Am Freitag performt sie im Kreuzberger Raum Vollreinigung mit ihrem Duo Luci Lippard, das sie 2014 mit der Musikerin Lucinda Dayhew gegründet hat. Während erstere Poetisches in Spoken Word transformiert, bedient Dayhew Drums und Synthesizer. Davor wird der Brüsseler Komponist Henry Andersen zusammen mit Kathi Hofer seine ebenfalls vorwiegend aus Sprache bestehenden Stücke vorstellen. Im Anschluss legt die Soundkünstlerin Lucrecia Dalt auf (Wassertorstr. 65, 29. 9., 19 Uhr).

Um die Ekstase der „fomo“ zu befeuern, hier noch ein Freitags­tipp. In der Galiläakirche spielen das Modularsynthesizer-Duo Driftmachine von An­dreas Gerth und Florian Zimmer und UCC Harlo, dem neuen Projekt der Sängerin und Violinistin Annie Garlid. In ihren minimalistischen Stücken verarbeitet die Wahlberlinerin die Beziehung zwischen Alt und Neu sowie des Post-Post-Internet-Lebens zur „Natur“: Mittelalterliche Musik trifft auf Noise, Barock auf Leftfield House (Rigaer Straße 9, 29. 9., 19 Uhr).

Und jetzt zu einer Musik, die vor rund 20 Jahren die Ekstase wieder salonfähig gemacht hat: Rave. Dabei nur lose die Koordination überdrehte Sirenen, erotische Hihats und wummernde Bässe zitierend, legen im Rahmen der feministischen „No Shade“-Reihe Acud die Bassmusik-DJ Sha Sha Kimbo aus Los Angeles oder Lady Amz auf, die House mit Hip Hop und Afrobeat verschaltet (Veteranenstraße 21, 30. 9., 22 Uhr).

Sonntags gibt es akustische Ekstasen in der Akademie der Künste. Auf der „Biennale für Elektroakustische Musik und Klangkunst“ sind ganztägige Klanginstallationen und Konzerte aus der Hochzeit experimenteller elektronischer Neuer Musik zu hören, etwa von Iannis Xenakis „Analogique A et B“ (1958/59) für neun Streichinstrumente und sinusförmige Töne oder François-Bernard Mâches „Soleil Rugueux“ (1961) für 4-Kanal-Tonband, von 12–13.30 Uhr, Halle 1 (Hanseatenweg 10, 1. 10., ab 10 Uhr).