Die können schießen
Acht Vereine in einer Liga, nur ein einziges Spielfeld, streng gesichert. Aber Begeisterung: Das ist Frauenfußball in Afghanistan

Spielen hinter drei Meter hohen Mauern, von Stacheldraht gekrönt: das nahezu leere Stadion in Kabul

Text Philip Malzahn undTamana Ayazi
Fotos Johanna-Maria Fritz

Fariba Hedayati brüllt über den Platz und fuchtelt wild mit den Händen. Ihr Kopftuch rutscht in den Nacken, aber das ist ihr jetzt nicht wichtig. Fariba Hedayatis ganze Wut gilt jetzt der Linienrichterin. Sie zeigt ihr den Vogel und schreit: „Du hast doch keine Ahnung! Wer hat dich überhaupt auf den Platz gelassen?“ Aber die Entscheidung ist gefallen: Abseits. Dem Kabul FC wird das Tor aus diesem Angriff verwehrt, in der 70. Minute des Finales der afghanischen Frauenfußballliga.

Die Stadionfassade ist vergilbt, sportliche Höhepunkte von früher lassen sich allenfalls erahnen, auf dem Rasen steht dem Kabul FC heute der Tawana FC gegenüber. Die Spielerinnen kämpfen mit Taten und Worten engagiert um den Sieg, auf den Rängen aber verfolgen nur etwa 30 Zuschauerinnen und Zuschauer das Geschehen. Immer wieder donnern Kampfhubschrauber über das Stadion hinweg, sie sind auf dem Weg in die mit den Taliban umkämpften Gebiete. Das ist nur etwa 30 Kilometer entfernt von diesem Ort, an dem junge Frauen um Fußball-Goldmedaillen kämpfen. Am Ende können übrigens die Roten jubeln: der Kabul FC gewinnt das Finale, trotz Abseitsfalle der Gegnerinnen.

Der Spiel- und Trainingsort der Frauen ist das Gelände der Afghanistan Football Federation (AFF), umgeben von drei Meter hohen Mauern. Darauf windet sich noch Stacheldraht. An den Metalldornen flattern Plastiktüten wie ein Mosaik, der Wind Kabuls hat sie hier verloren. Hinter einem verrosteten Stahltor steht ein junger Soldat mit seiner Maschinenpistole Wache. Dies ist die Heimat von Afghanistans Frauenfußball. Alle acht Vereine der Liga trainieren auf einem Spielfeld, denn nur hier sind sie sicher.

Fußball ohne Zuschauer in einem streng bewachten Stadion

Sabur Walizada, der Direktor für Frauenfußball, erzählt: „Es war nicht immer so schlimm. Aber seitdem wir 2004 den Frauenzweig des Verbandes eröffnet haben, hat sich vieles verschlechtert.“ Walizada war von Anfang an dabei – unfreiwillig. Man hatte ihn dazu verdonnert, weil es keine Freiwilligen für die Aufgabe gab. Es gab auch keine Frauen in Afghanistan, die genug Erfahrung im Fußball gehabt hätten. Die Jahre nach der US-amerikanischen Intervention hätten dem Frauenfußball einen Aufschwung gebracht, „wir mussten uns nicht so verstecken“, erinnert sich Sabur Walizada.

„Die Zukunft des Frauenfußballs ist genauso unvorhersehbar wie die Zukunft des ganzen Landes“

Azin Rafiee

Die Euphorie aber, die vor 16 Jahren das Ende des Taliban-Regimes hervorbrachte, verfliegt gerade in Afghanistan. Armut, Korruption und Perspektivlosigkeit machen die meisten Menschen konservativer, „da steht etwas Fortschrittliches wie Frauenfußball im Gegensatz zum Zeitgeist“.

Walizada erzählt von Leuten, die wütend werden, wenn sie Frauen Fußball spielen sehen. Einzelne Vereine erhielten Drohungen von islamistischen Gruppen, aber auch einfache Leute warfen Steine auf Mädchen in Sportklamotten. „Seitdem wird nur noch in den eigenen vier Wänden gespielt. Es passiert zwar kaum noch Negatives, dafür ist es ein goldener Käfig.“

In dem Land stagniert der Frauenfußball. Ohne Zuschauer finden sich keine Sponsoren. Keine NGO, kein Unternehmen fördert explizit den Frauenfußball. Die Spielerinnen bekommen nur das, was aus dem Budget für die Männer übrig bleibt. Allein die dänische Sportfirma Hummel, die auch die Männer-Nationalmannschaft ausrüstet, spendiert der Liga jedes Jahr eine neue Spielerinnenausrüstung.

Fragt man Fariba Hedayati nach ihrem Leben als Fußballerin, lacht sie erst einmal laut. „Mir scheint, als seien die meisten Fremden, die von uns hören, begeisterter von unserem Fußball als wir selbst“, sagt die junge Stürmerin des Kabul FC mit den grünen Augen und dem provokant sitzenden Kopftuch. „Ich weiß nicht, für mich ist es ganz normal.“ In der afghanischen Hauptstadt spielen nur etwa 120 Frauen in einem offiziellen Verein.

Im ganzen Land sind es ungefähr 300. So normal ist es wohl doch nicht für Frauen in Afghanistan, am Mittwochnachmittag in kurzen Hosen unter der prallen Mittagssonne einen Ball über den Rasen zu kicken.

Nur wenige Zuschauer sind beim Frauenfußball erlaubt: Kathiba (15) mit anderen jungen Frauen beim Spiel des FC Kabul gegen Tawana FC auf der Tribüne

Mit 20 Jahren ist für die meisten Frauen Schluss

Mit ihren 19 Jahren ist Fariba Hedayati schon eine der Ältesten in ihrer Mannschaft. Für die meisten Spielerinnen ist spätestens mit 20 Schluss. In der Gesellschaft gilt das als das Alter, in dem Frauen heiraten und Kinder bekommen sollten. „Die meisten Mädchen sind froh, überhaupt so lange spielen zu dürfen. Ich spiele auch nur, bis meine Familie mir sagt, dass es genug ist. Eine andere Wahl habe ich nicht“, sagt Hedayati. Dann dreht sie sich um und rennt auf das Spielfeld, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Als wäre ihr genau in diesem Moment bewusst geworden, wie kostbar ihre Zeit auf dem Platz in Kabul doch ist.

Dort verteilen die Verantwortlichen der AFF nun Goldmedaillen und Trostpreise. Keine Musik, kein Konfetti, aber immerhin sind auch ein paar afghanische Journalisten gekommen. Es wird nicht undokumentiert bleiben, dass die Frauen des Kabul FC an diesem Tag einen Pokal in die Höhe gestemmt haben, dass sie sich umarmt und gefeiert haben. Doch ihr Sieg ist trotzdem ein Erfolg ganz abseits des afghanischen Alltags. Frauenfußball ist in diesem Land ein besonderes Privileg, das nur eine kleine emanzipierte Schicht für ein paar Jahre genießen darf, bevor selbst diese Ausnahme den unverrückbar scheinenden Traditionen der Gesellschaft zum Opfer fällt.

Wie aber ließen sich mehr Mädchen auf den Platz bringen, nicht allein ein paar privilegierte? „Es gibt ein, zwei Ausnahmen bei uns. Das sind Mädchen, die zum Beispiel über das Internet oder im Fernsehen von uns erfahren haben und dann zum Fußball gehen“, berichtet eine der jungen Spielerinnen. „Die meisten aber kennen sich aus einer Privatschule, haben dort zusammen die ersten Erfahrungen mit Fußball gemacht und entscheiden sich dann dafür, zusammen zum Verein zu gehen.“

Der junge Verein Tawana FC will langfristig arbeiten. Eine ehemalige Nationalspielerin will den Mädchen dort nicht nur das Fußballspielen beibringen, sondern sie durch ein ganzes Sportlerinnenleben begleiten. Alle drei Monate lädt sie ein, dann kommen Spielerinnen, deren Eltern und Psychologen zusammen. Gesprächsthema: Warum ist es gut für eine Frau, Fußball zu spielen? Weshalb ist es wichtig, sich zu trauen und zu kämpfen? Nicht selten bekommen Familien Probleme, wenn ihre Verwandten oder die Nachbarn erfahren, dass eine Tochter es wagt, Fußball zu spielen. Fariba kennt eine der typischen Fragen nur zu gut: „Ob sie noch als Ehefrau etwas taugt, wenn sie sich so gegen die eigenen Eltern durchsetzt?“

Die meisten sind froh, bis 20 spielen zu dürfen. Ich spiele, bis meine Familie mir sagt, dass es genug ist. Eine andere Wahl habe ich nicht

Fariba Hedayati

Der Tawana FC will Eltern und Spielerinnen lehren, mit solchen Vorwürfen umzugehen. Sie lernen, wie sie mit kulturellem Feingefühl ihre Entscheidung vermitteln. Der Ruf der Familie ist in Afghanistan nun einmal sehr wichtig. Und tatsächlich, die Arbeit des Tawana FC scheint Früchte zu tragen: In ihrem Haus präsentiert sich Azin Rafiee einem Fotografen. Stolz trägt sie ihr azurblaues Trikot und auf dem Arm ihre dreijährige Tochter Setayesch.

Zum Fußball kam Rafiee erst als verheiratete Frau. „Ich habe zuerst mit den Jungs in meiner Familie den Ball rumgetreten. Erst ein bisschen, dann ein bisschen mehr, bis klar war: ich will richtig spielen!“ Ihr Ehemann hatte vom Tawana FC gehört und ihr vorgeschlagen, dort zu spielen. „Er ist sehr motivierend. Und er unterstützt mich, egal was kommt. Wenn wir spielen, ist er da und jubelt. Die Leute sind überrascht, aber er findet es super“, sagt sie.

Aber natürlich ist Azin Rafiees Leben zwischen Fußball und Familie eine seltene Ausnahme. In Afghanistan sind Frauen nur zu oft an Leib und Leben bedroht. Knapp zwei Jahre ist es her, da sorgte der Fall Farkhunda Malikzada auch international für Schlagzeilen. Ein Video kursierte im Netz, auf dem zu sehen ist, wie die damals 27-jährige Frau mitten in der Innenstadt von Kabul erst an ein Auto gebunden durch die Straßen geschleift, dann gesteinigt und anschließend verbrannt wird, weil sie angeblich einen Koran „geschändet“ haben soll. Da kommen Menschen aus den umliegenden Straßen, um sich an dem Mord an dem Mädchen zu ergötzen. „Wer sie nicht schlägt, ist ein Ungläubiger“, schreit jemand aus der Menge. Das Video zeigt aber auch, dass die Polizei dem Treiben tatenlos zuschaut.

Fariba Hedajati (19) und ihre Mitspielerin Sonia (19) kurz nach der Siegerehrung

Stacheldraht für einen Hoffnungs­schimmer

Das gewaltige internationale Medienecho in diesem Fall war allerdings eine seltene Ausnahme – erschreckend ist, wie häufig solche Fälle unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen. Auch sogenannte Ehrenmorde drohen Frauen, selbst wenn sie nur verdächtigt werden, Kontakt zu einem Mann zu pflegen.

Da ist Frauenfußball zumindest ein Hoffnungsschimmer – egal wie oft es zu Steinwürfen und Morddrohungen kommt. Das traurige Dilemma in Afghanistan ist, dass es Stacheldraht und Mauern braucht, um kleine Hoffnungsschimmer scheinen zu lassen.

„Ich weiß nicht, was in Zukunft kommt“, sagt Azin Rafiee. „Die Zukunft des Frauenfußballs ist genauso unvorhersehbar wie die Zukunft des ganzen Landes. Unsicherheit, das vereint alle Afghanen.“ Sie sorgt sich: Was soll nur aus ihrem Kind werden? Es wächst auf in einer Stadt, in der Anschläge im Wochentakt töten.

Eins aber weiß Azin Rafiee sicher: Sie wird weiter Fußball spielen. Solange es geht.

 

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