Martin Reichert
Herbstzeitlos

Vier Hochzeiten, kein Todesfall. Schwule vor dem Altar

Foto: Jonas Maron

Jedes Mal, wenn es um die Öffnung der Ehe für Homosexuelle ging in den letzten Jahren – gefühlt waren es Jahrzehnte –, habe ich den gleichen Spruch gebracht: Die reden immer noch über die Öffnung der Ehe, während ich schon längst wieder geschieden bin. Ha, ha! Dabei war ich nur „eingetragen lebensverpartnert“, aber viel Glück hatte ich in meinem Leben bislang nicht mit der Ehe, wenn man davon absieht, dass mein Steuerberater den Ehrgeiz hatte, einiges für mich herauszuholen dank des Ehegattensplittings. Wobei „einiges“ in meinem Fall auch schon wieder unter „Ha, ha!“ fällt.

Hochzeiten. Bei der Heirat meines ersten Bruders war ich pubertierend und es war kein Spaß für alle Beteiligten; es gab Buttercremetorte und ich fragte mich, was es bei meiner Hochzeit mal zu essen geben würde.

Bei der Heirat meines zweiten Bruders forderte die Standesbeamtin ein, dass auch ja die ehelichen Pflichten vollzogen werden müssten. Was sie damals dazu bewogen hat, weiß ich nicht. Hatte sie aufgrund des Migrationshintergrundes meiner Schwägerin Bedenken, dass es sich um eine Scheinehe handeln könnte? Wahrscheinlich war es genau so. Die Standesbeamtin, so erzählte mir meine Mutter, ist heute bei der AfD. Zu essen gab es, glaube ich, Spanferkel – und mir dämmerte, dass es bei mir womöglich gar keine Hochzeit geben könnte.

Das kam dann anders, hieß aber ja auch anders. Die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ ging ich in einem ehemaligen Neuköllner Krankenhaus ein, in der Krankenhauskapelle, die zum Trauzimmer umgewidmet worden war. Keine Ahnung, was die Standesbeamtin heute wählt, aber sie sah original aus wie Evelyn Hamann. Wir hatten die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ ohne Musikbegleitung gebucht, denn die hätte 20 Euro extra gekostet. Aus heutiger Sicht wäre es natürlich interessant zu wissen, welche Hits Evelyn mit Hilfe des alten Technics-Stereoturms für uns abgefeuert hätte.

Ich weiß nicht mehr, was es zu essen gab. Aber wir hatten Champagner im Garten getrunken, zusammen mit Freunden. Es gab eine weiße Tisch­decke, womöglich war Spätsommer. Wir hatten „geheiratet“, weil wir es konnten – auch wenn uns von der Union ganz bewusst eine tatsächliche Gleichberechtigung vorenthalten worden war. In unserem Freundes- und Bekanntenkreise waren wir die Einzigen, die eine solche Partnerschaft eingegangen waren. Warum sollte man sich mehr Pflichten als Rechte aufladen?

Fr., 6. 10.

Peter Weissen­burger

Eier

Mo., 9. 10.

Mithu Sanyal

Mithulogie

Di., 10. 10.

Doris Akrap

So nicht

Mi., 11. 10.

Adrian Schulz

Jung und dumm

Do., 12. 10.

Jürn Kruse

Nach Geburt

kolumne@taz.de

Das nächste Mal getanzt auf einer Hochzeit habe ich dann, nachdem unsere Ehe am Ende war. Meine Cousine hatte auf einer Burg hoch oben über dem Rhein gefeiert und ich tanzte den ganzen Abend mit mir alleine. Um Mitternacht gab es ein Feuerwerk, und auch danach tanzte ich weiter.

Auch die Scheidung hatten wir dann ohne Musikprogramm gebucht – aber war das dann eigentlich eine richtige Scheidung oder doch bloß eine „ausgetragene Lebenspartnerschaft?“.

Jetzt also „Ehe für alle“, auch für mich und meine neue Liebe. Wenn wir wollten. Wir können auch nicht wollen. Und genau das ist der Unterschied.

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