Jürn Kruse
Der Wochenendkrimi

In München, da gibt’s koa Sünd? Oh doch, dieser „Tatort“ ist zum Beispiel eine

Hier gibt der Herr Kommissar Leitmayr zwei Porno­darstellern Steuertipps Foto: Hagen Keller/BR

Marie Wagner heißt die Tote, „bei Künstler- oder Ordensname steht ‚Luna Pink‘ “, sagt Kalli Hammermann, der Assistent von Batic und Leitmayr, mit dem Ausweis des Opfers in der Hand, „hört sich für mich aber nicht nach ’nem Orden an.“

Ja, da hat der Kalli natürlich recht. Hat sich das Studium doch gelohnt. Luna Pink dreht Pornos. Oder, besser gesagt, sie drehte. Vergangenheitsform. Sie wirkte in Bukkake-Filmen mit. Einer von vielen Fachbegriffen im Münchener „Tatort“ mit dem Titel „Hardcore“. Bukkake: Viele Männer onanieren auf eine oder wenige Frauen.

Und nach einem solchen Dreh liegt Marie Wagner erdrosselt neben dem Planschbecken voller Sperma und Pisse.

Dereinst sang die Spider Murphy Gang eine Ode an die Sünde in oder vor der großen Stadt München. Teile der „Schulmädchen Report“-Reihe spielten in München. Dazu diese ganzen Lederhosen-Filme. Ja, in München war mal richtig was los.

Nein, „Hardcore“ kann nicht daran anknüpfen. Wer noch Termini und Abkürzungen braucht, nach denen er oder sie im Internet mal suchen kann, hier wird Ihnen geholfen. Ansonsten? Darf Ivo Batic (Miroslav Nemec) über „dieses ganze perverse Scheißzeug“ schimpfen, das schon die Zehnjährigen „auf ewig“ versaue.

Wahrscheinlich wollten die Macher – Philip Koch führte Regie und schrieb zusammen mit Bartosz Grudziecki das Buch – einen Film drehen, der auf der einen Seite das dreckige Business hinter den unzähligen Kameras zeigt, aber auf der anderen Seite die Frauen auch nicht nur als Opfer darstellt.

Für die eine Seite steht Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl): „Das ist keine Sternchen-Welt. Kleinbürgerlicher, spießiger, miefiger Sumpf ist das.“ Für die andere Seite steht Stella Harms (Luise Heyer), Freundin des Opfers und auch ehemalige Pornodarstellerin, die auf die Frage, ob Marie Wagner das mit den Pornos denn freiwillig gemacht habe, den Kommissaren die Gegenfrage stellt, ob sie freiwillig Bullen seien.

Hier schlimm, da selbstbestimmt. Um diese Assoziationen herzustellen, reichen die Bilder dieses „Tatorts“ halt nicht aus, also müssen sie den Figuren in den Mund gelegt werden.

Wer wirklich mehr über das Onlineporno-Geschäft erfahren will, sollte sich lieber die Net­flix-­Doku „Hot Girls Wanted“ anschauen. Auch an der gibt es (womöglich berechtigte) Kritik, aber man kommt dem Phänomen, warum junge Frauen Pornos drehen, doch deutlich näher als bei diesem höchstens gut gemeinten „Tatort“.

München-„Tatort“: „Hardcore“, So., 20.15 Uhr, ARD