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Die Nabelschnur im Nil – und in der Alster

Wenn sich geflüchtete werdende Mütter mit deutschen über Schwangerschaft und Geburt unterhalten, und auch noch eine Hebamme mit am Tisch sitzt: ein Nachmittag in einem „Welcome-Erzählcafé“

Keine Vorbehalte, umso mehr Verständnis (und kommuniziert wird auch per Papiertischdecke): Im Erzählcafé treffen geflüchtete Schwangere auf deutsche Fotos: Erzählcafé-Aktion 2017/ nahdran

Von Antonia Wegener

Fünf Tische stehen im Gemeindesaal. An jedem Tisch sitzen Frauen, mal sind es fünf, mal auch sieben. Durch eine Fensterfront ist der Innenhof zu sehen, auf dem gerade Kinder spielen. Kinderwagen stehen an den Tischen. Bei vielen der da sitzenden Frauen zeichnet sich ein kleiner Bauch unter der Kleidung ab, bei anderen ist er schon so groß, dass er kaum zu übersehen ist – sie sind hochschwanger. Auf den Tischen stehen Kekse und Kuchen. Spricht eine Frau, hören die anderen zu. Manchmal lächeln die Frauen am Tisch oder nicken zustimmend.

Die Nabelschnur als Medizin, die Mutter als Schwangerschafts-Expertin, Gebären in den eigenen vier Wänden statt im professionellen Kreißsaal: In vielen Ländern unterscheiden sich die Erfahrungen und Vorstellungen, was Schwangerschaft und Geburt betrifft. In Hamburg-Rahlstedt haben sich im April dieses Jahres Hebammen und geflüchtete Frauen über Traditionen und Gepflogenheiten ausgetauscht. Beim „Welcome-Erzählcafé“ in der dortigen Rogate-Kirche sprachen werdende Mütter aus Afghanistan, Ghana, Somalia und Simbabwe außerdem über ihre Ängste in und Erwartungen an Deutschland.

Aus Somalia, Ghana, Simbabwe, Deutschland, Ägypten und Afghanistan kommen die Frauen an einem der Tische. Nicht nur die Teilnehmerinnen, auch die Übersetzerinnen bringen ihr jeweiliges Wissen über Schwangerschaft und Geburt ein: Im Mittelpunkt solcher Erzählcafés steht der Erfahrungsaustausch und der Wunsch, mehr zu erfahren, Infos zu einem Thema zu bekommen. Am Tisch sitzen so immer auch ExpertInnen – in dem Gemeindesaal in Hamburg-Rahlstedt sind es diesmal Hebammen.

Es treten Unterschiede zwischen den Herkunftsorten zutage – aber auch Gemeinsamkeiten

An dem international besetzten Tisch treten nicht nur Unterschiede in Vorstellungen, Traditionen und Ritualen zu Tage, sondern auch Gemeinsamkeiten. „In manchen Teilen von Ägypten wird die Nabelschnur nach der Geburt in den Nil geworfen“, sagt Eman Abduljabbar, Dolmetscherin aus dem Arabischen. „Nach pharaonischer Tradition ist das Kind dadurch mit dem Fluss des Lebens verbunden.“

Einen ähnlichen Brauch gibt es aber auch ganz in der Nähe: „Wirft man die Nabelschnur in die Alster, steht es für die Verbundenheit mit Hamburg“, sagt die Hebamme Elske Baumeister. „Entscheiden Eltern sich für die Elbe, dann wünschen sie sich, dass ihr Kind später einen guten Draht mit der ganzen Welt hat.“ In Ghana dagegen bewahrt die Mutter die Nabelschnur auf: Sei das Kind dann mal krank, werde sie in Wasser aufgekocht – und der Sud als Medizin verabreicht, erzählt die Ghanaerin am Tisch.

In Afghanistan ist wiederum die Vorstellung verbreitet, dass es gefährlich sei, sich als Hochschwangere hinzusetzen. Denn in dieser Position könne sich das Kind im Bauch leichter mit der eigenen Nabelschnur strangulieren. Und auch hier gab es in Deutschland lange Zeit eine ähnliche Vorstellung: „Früher sollten schwangere Frauen keine Wäsche aufhängen“, erzählt die Hebamme Melanie Andres. „Weil beim Heben der Arme dem Kind etwas zustoßen könnte.“ Sowohl die afghanische als auch die deutsche Vorstellung seien allerdings Aberglaube, so Andres weiter: Weder die eine noch die andere Bewegung sei schädlich für das Kind.

Initiiert hat das „Welcome-Café“ für Geflüchtete und deutsche Frauen die Hamburger Studentin Charlotte Wittenberg. „Ich weiß, was für ein bedeutendes Ereignis die Geburt ist“, sagt die gelernte Hebamme, 31 Jahre alt und selbst gerade zum zweiten Mal schwanger. „Für viele Frauen ist es heilsam, über Schwangerschaft und Geburt zu erzählen, auch wenn nicht immer alles gut gelaufen ist.“ Die Idee sei auch, Schwangeren Mut und Kraft durch den Erfahrungsaustausch mit anderen Müttern, die vielleicht ähnliche Erfahrungen machen, zu geben.

Drei der fünf Tische sind komplett mit Frauen aus Afghanistan besetzt. Viele von ihnen haben drei bis vier Kinder und erlebten ihre erste Geburt kurz nach ihrer Heirat, mit 14 oder 15 Jahren. Nur wenige ihrer Kinder sind in einem Krankenhaus zur Welt gekommen, die meisten sind Hausgeburten. „Für afghanische Familien ist es eine finanzielle Frage, wo das Kind zur Welt kommt“, sagt Dolmetscherin Nuria Qajumi. Ein Krankenhausaufenthalt sei sehr teuer.

Es fühlten sich aber auch viele Frauen zu Hause wohler, denn in afghanischen Krankenhäusern würden in der Regel viele Schwangere gleichzeitig in einem Kreißsaal untergebracht. „Dort sollen die Frauen versuchen, auch ihre Schreie zu unterdrücken, egal wie stark die Schmerzen sind“, sagt Qajumi. Der Mann, also der Vater des Kindes, dürfe bei der Geburt im Krankenhaus nicht dabei sein – bei einer Hausgeburt sei das anders. Außerdem übernähmen Mutter oder Schwiegermutter bei der Geburt oftmals die Rolle der Hebamme. Nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Ghana, Ägypten und Simbabwe gelten laut den Teilnehmerinnen ältere weibliche Familienangehörige als erfahrene Schwangerschafts-Expertinnen.

Die Angst vor Krankenhäusern verlässt manche Afghanin auch in Deutschland nicht. Dazu kommen Verständigungsschwierigkeiten wegen der fremden Sprache. Und dann sei es für sie ungewohnt, von einem männlichen Frauenarzt behandelt zu werden. Eine der afghanischen Frauen im „Welcome-Café“ freut sich dann aber doch darüber, dass sie ihr Kind im deutschen Krankenhaus zur Welt bringen wird: „Sie findet es gut, dass ihr Mann hier dabei sein wird,“ übersetzt Qajumi. So werde er nicht nur die Geburt miterleben – sondern auch mitbekommen, wie schmerzhaft diese für seine Frau ist.

Mehr als drei Stunden lang sitzen die Frauen im Rahlstedter Gemeindesaal beieinander, vertieft in Gespräche. „In meiner afghanischen Familie reden Frauen nicht gerne über Schwangerschaft oder Geburten“, sagt Qajumi. Sie sei überrascht gewesen, wie offen sich die afghanischen Frauen nun austauschten. Auch am „internationalen Tisch“ hätten sich keine Vorbehalte gezeigt: „Es ging nicht darum, woher welche Frau kommt oder welcher Religion sie angehört“, sagt Abduljabbar. „In erster Linie haben wir uns alle als Frauen unterhalten, die Mutter sind oder zukünftig eine sein werden.“

Termine und Infos unter http://erzaehlcafe.net