Ein drohender Fall

Irritation im achten Stock: Den Kopf muss man in den Nacken legen,um eine Skulptur auf der Marzahner Promenade zu entdecken

Weiter als einen Steinwurf entfernt von den herkömmlichen kulturellen Epizentren dieser Stadt, in der Franz-Stenzer-Straße 37 in Marzahn, um genau zu sein, schwebt im achten Stock eines Plattenbaus ein grauer Brocken eingefroren vor den Fenstern der Wohnung 0802. Bedrohlich scheint er da frei zu baumeln, über den in die Nacken gelegten Köpfen der Passanten. Trotz der grau betonierten Umgebung und dem tristen Himmel über der fast menschenleeren Marzahner Promenade scheint er mit seiner Umwelt zu kontrastieren. Als wolle er hier gar nicht sein. Dabei ist er kurz davor, in das hochgeschossige Mietshaus zu fliegen.

Für „Wurf IV“ wurden drei Statiker verschlissen, bis ein Vorschlag fruchtete

Er, das ist ein Stein, zumindest eine Nachbildung dessen. Trotz der Verwendung leichtester Kunststoffe bringt er wohl etwa 200 Kilo auf die Waage. Millimetergenau wurde ein faustgroßer Stein vermessen, digitalisiert und anschließend im stattlichen Format eines Findlings aus Polyurethan reproduziert. „Wurf“ heißt das Projekt der Künstler, einem deutsch-dänischen Architektenduo, bestehend aus Anna Borgman und Candy Lenk. Es ist der nunmehr vierte Teil einer Serie, der vierte „Stein“ aus dem vierten Material, das stets den Umständen angepasst wird.

So fand sich solch ein grauer Koloss schon in einem – wie sollte es anders sein – Glashaus wieder, einer pendelte an der Decke einer Kirche und ein anderer lag auf der dänischen Autobahn. Ihre Inspiration zögen sie meist aus dem Alltäglichen, verraten die Künstler, aus ihrer urbanen Lebenswirklichkeit. Und die ist nun mal eher steinig denn floral. Als Architekten begeistern sie sich für die Unterschiede der Baumaterialien. Für „Wurf IV“ wurden drei Statiker verschlissen, bis ein Vorschlag fruchtete und ein Kran in Präzisionsarbeit den unechten Stein an seine Aufhängung auf dem Balkon manövrieren konnte. Hinzu kamen die Herbststürme, die Anbringung wurde zu einem Drahtseilakt.

Material und Konstruktion unterlagen ganz besonderen Voraussetzungen, allein der Nähe zur Hausfassade und nicht zuletzt der Finanzierung aus öffentlicher Hand wegen: Das Projekt gewann den jährlich ausgeschriebenen Preis „Temporäre Kunstprojekte Marzahner Promenade“, gefördert durch Stadt, Staat und Bezirk. Die betroffene Wohnung im Genossenschaftsbau steht übrigens leer, ein Zimmer gibt es, ein Bad und eine kleine Küche. Die Fenster sind neu, Mieter gesucht.

In die leere Wohnung wurde zu einem Gespräch mit den Künstlern eingeladen. Die Besucher offenbarten ihre Interpretationen des Werks, Flugkörper werden gesehen und sogar der Begriff „elfter September“ fällt irgendwann. Die Künstler distanzieren sich eher von sämtlichen Versuchen, das Werk zu deuten, und verfallen in den Gestus sehr akademischer Sprecher, die der reellen Angst der greisen Nachbarin, unter einem 200-Kilo-Gebilde in circa 25 Metern Höhe zu laufen, mit völligem Unverständnis begegnen. Ein bisschen entrückt wirken die Erklärungsversuche der beiden, eine wirkliche Antwort gibt es nicht. Derer bedürfte es ausnahmsweise aber mal, dies hier ist keine Kunst, die man nur als solche hinnehmen könnte. Es geht um lokale Interpretation, der Stein ist in jedem der bisher vier Kontexte ein anderer. Was macht er hier in Marzahn?