ZDF-Kochsendung „Küchenschlacht“

Zu Besuch im Proseccohimmel

Fünf Hobbyköche treten gegeneinander an, jeden Tag fliegt einer raus. Das simple Show-Konzept wird nur von Moderator Johann Lafer übertroffen.

Die fünf Kandidat*innen und Johann Lafer posieren zusammen vor einem Herd, Gemüse und anderen Zutaten.

Star Johann Lafer (2.v.r.) umringt von den Kandidaten Foto: ZDF/Ulrich Perrey

HAMBURG taz |Die Getränke sind umsonst – Krebs kann Sie das Leben kosten“ steht auf einer Spendendose am Tresen, und ich nehme einen Prosecco, bitte. Geschmacklich ist der Morgen eh schon hinüber, zack, einmal in die falsche Bahnhofsbäckerei geraten und einen Milchkaffee bestellt, den die Verkäuferin-Verräterin vor meinen Augen mit gesundheitsgefährdend-ekliger H-Milch statt normaler Milch zubereitet und mit bösen Blicken endlich restlos ungenießbar macht. Aber was tun, drei Euro sind schließlich drei Euro, also rein damit. Rachen verpelzt, Zunge verschlammt, Gaumen verödet: Da kann man ruhig schon um zwölf Uhr was trinken.

Wer sich den Namen „Küchenschlacht“ für die gleichnamige Kochsendung ausgedacht hat, kann dumm nicht gewesen sein – ist doch die Küche der zum Glück einzige Ort, an dem in diesem Land noch Schlachten geschlagen werden. Das dann aber dafür richtig, mit Nachbarn umbringen und Leberwurst machen. Armin Meiwes, der „Kannibale von Rotenburg“, ist ja im Prinzip auch nur ein Koch mit Ambitionen.

Zusammen mit ihren Proseccogläsern, ggf. Ehemännern und mir warten etwa fünfzig ältere Damen, ungeduldiger werdend, auf den Beginn der Aufzeichnung. (Ein wahres Paradies für Erbschleicher, nur so als Tipp.)

Ein Gesicht wie seltenes Gemüse

Dann geht es ins Studio rein, in dem auch „Markus Lanz“ gedreht wird. Johann Lafer ist der Moderator dieser „Küchenschlacht“-Folge, das wechselt immer, aber er ist auch eindeutig der coolste. Sein Gesicht sieht aus wie ein seltenes Gemüse, er kommt aus Österreich, hat einen Michelin-Stern, einen Helikopterführerschein, schon eine Bewährungsstrafe bekommen und einmal 370.000 Euro zahlen müssen wegen Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben seiner Angestellten.

Das Prinzip der „Küchenschlacht“ ist einfach: Fünf Hobbyköche treten gegeneinander an, jeden Tag fliegt einer raus. Palavern und pürieren: Damit hat das ZDF schon geradezu lindenstraßenartige 1.300 Folgen gefüllt; im Januar feierte die Show ihr zehnjähriges Jubiläum. Zur tausendsten Sendung kam Ilse Aigner zum Fressen. Ein solider Sockel an Perversen sorgt für Quote – zwar nicht ganz so doll wie beim Konkurrenzformat „Bares für Rares“ (moderiert von Horst Lichter, ebenfalls Koch), aber es suppt sich ganz schön was dahin.

Auch ich war dabei vor dem Schirm, schon als Kind, nach der Schule, zum Runterkommen und weil ich nicht kochen wollte. Das ist nämlich meine Theorie über Kochshows: Entgegen allen Beteuerungen der Moderatoren (Kochen ist doch gar nicht so schwer, komm, hopp, hier, ein bisschen Aubergine und Pumpernickel, auch ihr, liebe Leute da draußen) gucken die meisten Leute die diversen, auch schon oft und gerne totgeglaubten Kochformate, um eben nicht kochen zu müssen.

Der Star mit eigenem Magazin

Und natürlich um Johann Lafer anzuschauen, dessen Aura heller glüht als jedes Ofenrohr. Im Zentrum des dann vollends perfekten Gesichts (s. o.) steht das Herzstück dieses menschlichen Wunders: der stets perfekt getrimmte Schnurrbart, Markenzeichen des sonoren Steirers, wie das letzte noch fehlende Gewürz. Lafer ist die Helene Fischer des Kochens. Seit Kurzem sogar mit eigenem Magazin: dem Johann Lafer Journal. Für immerhin fünf Euro liest man darin, wie der Meister – und „Editor at Large“ – sich mit Mona Lisa vergleichen lässt, den Bundespräsidenten (nicht Johann Lafer) nach ausgefallenen Mahlzeiten fragt („Der komplette Hammelkopf samt Augen!“), Schleichwerbung für Dunstabzugshauben macht und Fachbegriffe wie „Sulmtaler Huhn“ oder „Gebrannter Joghurt“ fallen lässt. Tochter Jennifer Lafer darf derweil von ihrer Reise zu japanischen „Oktopus-Lollis“ berichten und Ehefrau Silvia Lafer vom Serviettenfalten.

Die Küche ist der einzige Ort, an dem in diesem Land noch Schlachten geschlagen werden

Bei eingehender Lektüre kommen allerdings weniger friedvolle Assoziationen: „Da gab es im Winter zum Beispiel immer eine köstliche Speise von meiner Mutter zur Belohnung, wenn ich den Schnee um das Haus weggeschaufelt hatte.“ Was das wohl für eine „köstliche Speise“ gewesen sein mag? „Die Haut am Halsende mit Küchengarn so festbinden, dass die Luft nicht mehr entweichen kann.“ Alles klar. „Wir sind mehr Bakterie als Mensch.“ Warum nicht? Lafers Geheimnis: „Ich will keine Kompromisse. Ich will alles perfekt machen.“ So wie Armin Meiwes also.

„Grün“ lautet das Motto dieser Sendung, wegen Ostern, Frühling und so (auch wenn zum Zeitpunkt der Aufzeichnung eine dicke Eisschicht die Elbe bedeckt). Doch vorher kommt noch ein Anheizer mit Quietschstimme und innerlich tot, und betütert die Alten, wie eigentlich nur ihrerseits Alte es können: gerade sitzen, liebe Kinder, sich einen lächeln und sich freuen. „Egal, ob das unnatürlich wirkt. Die Leute zu Hause wollen glückliche Menschen sehen!“ Erstaunlich oft zweifelt er (im Spaß natürlich) an, dass sie freiwillig hier seien.

Grün, grün, grün ist der Frühling

Zu Aretha Franklins „Respect“, dem Titellied der „Küchenschlacht“, in dem es ja auch irgendwie um den Haushalt geht, wird dann eingeklatscht. Lafer schwebt ins Studio, schüttelt drei Publikumshände und bringt einen Witz nach dem anderen. Mit dem Namen des Jurors Ali Güngörmüş, den er so schwer aussprechen könne, mache er es sich heute mal einfacher und nenne ihn Ali Grüngemüs.

Eben wegen des Mottos „Grün“. So viele Lebensmittel seien das ja, also grün, wegen des Chlorophylls in den Pflanzen. „Hoffnung“ und „Frühling“ und „Gesundheit“, sagen dann die drei Hobbyköche, danach gefragt, was sie denn mit dem Motto „Grün“ verbänden. Für den Juror mit dem schwierigen Namen erschaffen sie währenddessen so Dinge wie „Kräuterfrikadellen“, „Ei im Wasserstrudel“ oder „in Bierteig gebackenen Spargel“ und werden von Lafer im Wechsel mit seiner Körperlichkeit umgeben, der Ratschläge gibt und im Essen rumfuchtelt.

Kandidatin Renate (Marianne? Gisela?) aus Baden-Württemberg macht einen „Rucola-Mango-Smoothie“ – sprich: Smuhsi –, worüber Lafer schmunzeln muss. Smuhsis: Ihr schmecken die eigentlich auch nicht so recht, gibt sie zu. Das Rezept habe sie im Internet gefunden. „Ach, macht man das heutzutage so? Ist das Internet jetzt das neue Hilfsmittel beim Kochen?“ „Das ist für ziemlich viele Bereiche ein gutes Hilfsmittel, finde ich.“ Eine Kandidatin aus Bayern, die mit dem Bierteig, erzählt von den vielen Einsatzmöglichkeiten für Weißbier.„Zum Beispiel, wemma kei Milch hat fürn Pfannkuchenteig.“ „Da schlafen die Kinder dann gut“, scherzt Lafer und hilft ihr mit der „Bindung“ bei der Sauce hollandaise. Die sei nämlich total schwierig.

Doch, huch, das Frikadellendrama interferiert: Michael (oder so), Polizist aus Schleswig-Holstein, hat die „Kräuterfrikadellen“ versalzen! Und Lafer wäre nicht Lafer, täte er nicht alles, um sie zu „retten“! (So wie Jesus unsere Seelen vor dem Teufel gerettet hat.) Aber womit bloß? Spucke? Marmelade? Weißbier? Einen halben Liter Sahne kippt er in die Masse, „und noch einen geriebenen Apfel, dann wird es richtig schön fluffig!“

Fluffig, fluffig … so fluffig wie nur Lafer selbst. Allein schon, wie er das Wort „Butter“ sagt! Sanft, aber doch bestimmt; kühn, aber doch mit der Ruhe des Profis. Und er sagt es oft. Butter! Butter! Butter! Butter! Einfach himmlisch. Würde jedenfalls Lafer wohl sagen, könnte er sich selber jetzt sehen. Es ist, als bräuchte er gar nicht die Hände zum Kochen, als reichte der Mund dafür schon völlig aus. Sein Reden: ein einziges Brutzeln und Zischen und Löschen. Ein Gedicht für die Zunge.

Die „Küchenschlacht“ unter dem Motto „Grün“ läuft am heutigen Donnerstag um 14.15 Uhr im ZDF.

Zweite Folge direkt im Anschluss

Das ist sein wahres Geheimnis. Und die blendend weiße Küchenschürze natürlich. Hat jemand schon mal so eine Küchenschürze gesehen? Und sie harmoniert ja so gut! Mit seinen Haaren! Seinem Bart! Gesicht! Butter! Butter! Butter! Butter! Das Salzdebakel bemerkt Güngörmüş natürlich doch, der Polizist fliegt raus, Ende. Ich gehe wieder zum Tresen, diesmal gibt es ein Glas Cola. „Du warst am meisten im Bild“, sagt der Eingießer und zwinkert mir zu.

Direkt im Anschluss beginnt die zweite Folge, und der Quäker schnattert wieder los. Er sagt alles, ich schwöre, Wort für Wort haargenau so wie beim letzten Mal. Lächeln, freuen, gerade sitzen. Wenn nicht der Moderator dieses Mal ein ganz anderer wäre, ich würde mich mit der Zeitschleife mittreiben lassen und irgendwo anders fein wieder rauskommen, vielleicht als Teller oder so. Wer weiß das schon? Und woher? Oder wie?

Leider ist der Moderator dieses Mal doof, nuschelt und spricht über sich selbst in der dritten Person. Einen tollen Moment gibt es aber noch: als der eine Kandidat mit einer Zucchini­scheibe fast die Küche abfackelt. Da habe ich mich mal wieder so richtig lebendig gefühlt.

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