Jörn Kabisch Angezapft

Das Bier für ein Arbeiterpicknick

Foto: privat

Sonntag war oft Picknicktag bei der Familie Marx. Wie viele Londoner zog es sie raus aus der verpesteten Großstadtluft in den Stadtteil Hampstead Heath, auf die Wiesen eines hochgelegenen Parks. Und in „Jack Straws Castle“, das nach einem Held der englischen Bauernaufstände benannt war. Ein Pub, das man sich eher wie ein Gartenlokal vorstellen musste. Für die Picknickgesellschaften hielt es Bier und Proviant vor.

Ob Marx, der Weintrinker, das Bier auch selbst trank? Ob es Porter war oder Ale? Niemand weiß es. Porter jedenfalls wäre das politisch korrekte Bier gewesen. Der Name nämlich kommt von einer bestimmten Arbeiterschaft: den Lastenträgern im Londoner Hafen. Sie bestellten gern ein Getränk, das aus billigem Leichtbier und teurem dunklen Ale zusammengeschüttet wurde. Das also gerade noch bezahlbar war und trotzdem die gewünschte Wirkung zeigte. Daraus entwickelte sich einer der ersten industriellen Bierstile, der wegen des proletarischen Namens bei der jungen Industriearbeiterschaft bis in das 20. Jahrhundert populär blieb.

Auch Michael Sturm mag Porter. Und er braut es klassisch, nämlich obergärig. Vor drei Jahren hat der junge Chef der niederbayrischen Brauerei Krieger in Landau mit „Mikes Wanderlust“ eine eigene Craftbeer-Linie gegründet und das englische Dunkle gleich ins Sortiment genommen. Was ungewöhnlich ist, denn bei den meisten Craftbieren steht der Hopfen im Mittelpunkt, beim Porter dominieren die Malzsorten. Michael Sturm hat seines „Mild Porter“ genannt, weil er es nicht ganz so bitter und röstmalzig ausgebaut hat, wie es bei diesem Stil eigentlich verlangt wird.

Das ist gelungen. Es ist für mich immer wieder eine Sensation, was für schlanke Biere sich bei ausgezeichneten Portern in der tiefschwarzen Flüssigkeit verbergen, signalisiert die Farbe doch eigentlich eine likörige Süße. Doch das Mild Porter, auf das sich im Glas der Schaum wie eine Crema legt, kann den Vergleich mit einem fruchtigen Kaffee neueren Stils aufnehmen. Im Geschmacksdreieck von süß, sauer und bitter dominiert das Saure.

Schon wenn man am Mild Porter riecht, steigt neben den Röstnoten eine beerige Frische in die Nase. Beim Antrunk zeigen sich dann Brotkruste und zartbittere Schokoladigkeit. Alkohol ist spürbar, nimmt dem Bier aber die Schwere. Von den ersten Schlucken bleibt eine angenehme Säuerlichkeit im Mund zurück, die Bitterkeit zeigt sich nur als leichtes Taubheitsgefühl am Gaumen.

Das ist erfrischend. Für das Marx’sche Sonntagspicknick wäre dieses Porter sicher eine gute Wahl gewesen.