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Scharnierstelle der Bildungsinstitutionen

Aus dem Bundesprogramm „Lernen vor Ort“ wurde im Bremer Stadtteil Gröpelingen die „Aufsuchende Bildungsberatung“. Die Beratungsstelle bietet Menschen mit Migrationshintergrund Hilfen bei der Anerkennung ihrer Schul- oder Ausbildungsabschlüsse bis hin zu Alphabetisierungskursen – das ist nicht nur in Bremen einmalig

Wie kann es weitergehen, wenn ein Studienabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird? Hilfestellung gibt es bei der Aufsuchenden Bildungs- beratung Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Von Teresa Wolny

Kindergeschrei dringt durch die offenen Fenster des schlichten und hellen Neubaus mit viel Glas und weißen Wänden in der Morgenlandstraße im Bremer Stadtteil Gröpelingen. Schon rein örtlich sind die Räumlichkeiten der „Aufsuchenden Bildungsberatung“ genau dort angesiedelt, wo für viele der Weg, der sie hierher führt, einst seionen Ausgang nahm: in einer Grundschule.

Die befand sich in den allermeisten Fällen jedoch nicht in Deutschland. 99 Prozent der Kund*innen von Jasmina Heritani und Neele Engel haben Migrationshintergrund und dementsprechend oft einen ausländischen Bildungsabschluss, mit dem sie in Bremen in einen passenden Beruf einsteigen wollen. Doch das ist oft ein langer Prozess.

So auch bei Fathen Salti. Sie hat in Syrien studiert und als Lehrerin gearbeitet. In Deutschland an diesem Punkt weiterzumachen, funktioniert jedoch nicht. Um acht Uhr ist sie an diesem Dienstagmorgen die erste Beratungskundin von Heritani. Salti ist nicht zum ersten Mal in der Bildungsberatung und sie kommt gut vorbereitet, in einer Mappe hat sie zahlreiche Dokumente mitgebracht. Die beiden Frauen duzen sich. „Wir sprechen normalerweise Arabisch und übernehmen daher diese Formulierung“, erklärt Heritani, die viele ihrer Kund*innen auch auf Arabisch berät.

Zwei weitere Termine werden an diesem Treffen festgelegt: einer an der Volkshochschule für einen weiterführenden Deutschkurs, der andere bei der Anerkennungsberatung der Bremer Arbeitnehmerkammer. „Wir nehmen oft eine Lotsenfunktion ein“, sagt Heritani. Dabei geht es zunächst einmal um eine Bewertung, nicht um eine Anerkennung. „Wir versuchen das erst mal“, sagt sie. Das Wort „versuchen“ wird später noch oft wiederholt, „es ist wichtig, keine falschen Hoffnungen zu wecken“, sagt sie. Es gebe Fälle, in denen auch die besten Zeugnisse für eine Anerkennung nicht ausreichen.

Ein klassischer Fall seien Juristen, die nicht in einem EU-Land studiert haben. In diesen Fällen hilft die Bildungsberatung bei der Umorientierung. „Aber der Beruf und ein Jurastudium bringen gewisse Kompetenzen wie etwa strukturelles Lernen und gute Kenntnisse der Herkunftssprache mit sich“, sagt Heritani. Der Großteil ihrer Beratungskund*innen sei hoch qualifiziert. Da gelte es, passende Alternativen zu finden.

Fathen Salti mit ihren Zeugnissen und Bescheinigungen ist dabei den anderen Kund*innen vergleichsweise weit voraus. „Oft ist es der Fall, dass Zeugnisse gar nicht vorhanden sind, nicht mitgebracht wurden oder das Bewusstsein fehlt, dass die tatsächlich anerkannt werden könnten“, sagt Neele Engel. Viele Frauen aus Ghana und Nigeria hätten etwa einen Schulabschluss ähnlich dem Abitur. Teilweise würden Zeugnisse aus Ghana mitgebracht, oft aber wüssten die Betroffenen nicht mehr, wo sie sich befänden, da häufig das Bewusstsein fehle, damit noch etwas anfangen zu können. „Das ist dann richtig ärgerlich, weil sie dann natürlich von vorne anfangen müssen“, sagt Engel

Die Alternative zu einem Neuanfang trotz Abitur bietet der „Test für Ausländische Studierende“, der mittlerweile an verschiedenen Universitäten abgelegt werden kann. „Wenn Menschen ihre Zeugnisse auf der Flucht verloren haben, das Haus bombardiert wurde und das Abi­turzeugnis nicht mehr da ist, kann man mit diesem Test seine Kompetenz noch einmal beweisen“, sagt Heritani. Für viele unter ihren Beratungskund*innen sei dieser Test vorerst jedoch keine Option, sagt Engel, denn die meisten bräuchten erst einmal einen Integrationskurs, und der sei vor allem bei Alleinerziehenden oft mit langen Wartezeiten verbunden. „Viele von denen, die Mitte letzten Jahren bei mir in der Beratung waren, haben ab März einen Kurs mit Kinderbetreuung bekommen, weil die nur eine Schule mit anbietet.“

Zwei von drei von Engels und Heritanis Beratungskund*innen sind Frauen. Von 122, die zwischen Mai 2017 und Februar 2018 die Bildungsberatung aufgesucht haben, waren 32 alleinerziehend. „Wenn man keinen Kitaplatz hat, dann kann man halt nicht zum Deutschkurs, das war die Haltung“, erzählt Christiane Gartner, Geschäftsführerin des Vereins „Kultur vor Ort“, der die Aufsuchende Bildungsberatung betreibt. „Dass es einen Anspruch auf die Unterbringung von unter Dreijährigen bei Tagesmüttern gibt, der in Bremen auch umgesetzt werden soll und finanziert wird, war für viele weitgehend unbekannt.“ Die Bereitschaft von Alleinerziehenden, diese Schritte zu gehen, sei groß. Ein Sprachkurs bedeute schließlich auch Kontakt mit Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden.

Wenn es um den Anspruch auf Integrationskurse geht, stellen offene Asylverfahren oder andere unklare Aufenthaltsbestimmungen eine Hürde in der Beratung dar. „Im seltenen Fall, dass ein Asylantrag bereits abgelehnt wurde, können wir nur noch an andere Stellen weitervermitteln“, erklärt Gartner.

Engel und Heritani bringen themenverbundene Erfahrungen aus früheren Tätigkeiten mit in die Bildungsberatung: Heritani unter anderem aus der VHS, Engel aus der Flüchtlingsarbeit und mehreren Aufenthalten in Afrika während ihres Studiums. Auch Sprache spielt eine wichtige Rolle bei der Arbeit. Heritani spricht mit der Mehrheit ihrer Kund*innen Arabisch, Engel führt ihre Beratungen oft auf Englisch, beherrscht aber auch ein wenig Twi, die größte der vielen ghanaischen Sprachen. Besonders bei der Ansprache potenzieller neuer Kund*Innen, etwa in den ghanaischen und nigerianischen Kirchen im Stadtteil, sei das oft ein wertvoller Faktor. „Die Leute finden auf diese Weise leichter zu mir“, sagt sie Daneben sitzt Engel etwa einmal die Woche im Elterncafé einer Kita oder in einer bulgarischen Sozialberatung, um vor Ort Kontakt aufzunehmen. Um die Hürden der Sprache abzubauen, wird sie dabei oft von einer Sprachmittler*in begleitet.

In der Bildung heute sei Mehrsprachigkeit ein wichtiges Thema, so Gartner. „Wir gehen zwar von Deutsch als Bildungs- und Ausbildungssprache aus, aber ich denke, niemand würde mehr sagen, dass Deutsch die alleinige Sprache ist, mit der wir hier agieren.“ In Gröpelingen gehe man derzeit von rund 70 aktiv gesprochenen Sprachen aus. Gartner zufolge ist dies „nicht nur eine enorme Vielfalt, sondern auch eine unglaubliche Ressource, die teilweise auch verkannt wird“.

Die beiden Bildungs­berater*innen haben dabei unterschiedliche Schwerpunkte: Heritani arbeitet mit den Oberschulen und anderen Weiterbildungsträgern, während Engel, die selbst in Gröpelingen zur Schule ging, mit Kitas und Grundschulen in Kontakt ist. „Jede Institution hat somit ihre Ansprechpartnerin und bei Bedarf wird sie entweder angerufen oder wir sprechen sie an“, sagt Gartner.

Finanziert wird die Bildungs­beratung vom Europäischen Sozialfonds, der in diesem Fall durch das Landesprogramm „Weiter mit Bildung und Beratung“ ergänzt wird. Da es sich um ein Weiterbildungsprogramm für Erwachsene handelt, ist das Programm beim Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen angesiedelt. Nach dem ersten Anlauf 2015 war die Stelle zunächst eine Zeit lang nicht besetzt, da ein Träger gefunden werden musste, der schließlich mit dem Verein „Kultur vor Ort e. V.“ gefunden wurde. Die jetzige Besetzung besteht seit Mai 2017 und wurde im Januar 2018 mit zwei 30-Stunden-Stellen noch einmal aufgestockt.

Und die Nachfrage ist nicht nur von Seiten der Beratungskund*innen groß: „Noch bevor wir mit den Ausschreibungen fertig waren, hatte sich herumgesprochen, dass die Aufsuchende Bildungsberatung wiederkommen sollte, und ich wurde von Elternvertreter*innen darauf angesprochen“, sagt Gartner.

In den benachbarten Bundesländern hat die Aufsuchende Bildungsberatung, so wie sie in Bremen durchgeführt wird, kein direktes Äquivalent. Beratungsangebote für Weiterbildung gibt es jedoch auch in Hamburg und Niedersachen. Für geflüchtete Menschen mit guter Bleiberechtsperspektive gibt es in Hamburg außerdem das „W.I.R. – work and integration for refugees“-Programm. Dort gibt es Beratungen verschiedener Träger im Bereich Arbeit und Ausbildung.

In Niedersachsen bietet die Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (AEWB) Orientierungsberatung und eine Übersicht verschiedener regionaler Angebote an. „Wir agieren fast flächendeckend“, sagt Christine Etz, Koordinatorin der Bildungsberatungsstellen in Niedersachsen. Um geografische Lücken zu schließen, gibt es auf der Internetseite der AEWB außerdem eine Onlineberatung. Im Unterschied zum Gröpelinger Programm sind diese Anlaufstellen jedoch weniger individuell – und sie und setzen oft ausreichende Deutschkenntnisse voraus.

Entstanden ist die Aufsuchende Bildungsberatung aus dem Bundesprogramm „Lernen vor Ort“, das bis ins Jahr 2014 lief. „In diesem Rahmen hat man immer wieder festgestellt“, sagt Gartner, „dass es da eine nicht geschlossene Lücke gibt, dass eben die zentralen, auch trägerneutralen Bildungsberatungen Menschen mit Migrationshintergrund aus den Stadtteilen nicht wirklich erreichen.“ So sei die Idee entstanden, die Bildungsberatung aufsuchend zu konzipieren, Gartner spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Scharnierstelle“. Denn durch die Einbindung in die Gröpelinger Bildungslandschaft stellt das Programm auch eine Entlastung anderer Stellen dar. Laut Gartner empfinden es viele Erzieher*innen oder Leitungen als Überforderung, dass sie oft auch Beratungen der Eltern mit ableisten müssten. Nun haben sie mit der Aufsuchenden Bildungsberatung wenigstens eine Stelle, an die sie vermitteln können.

Wie zeitintensiv eine Beratung ist, hängt auch von der Selbstständigkeit einer Person ab. „Es gibt Fälle, die sind recht schnell weitervermittelt und dann gibt es solche, die sehr sehr intensiv sind, bei denen man sich über Monate alle ein bis zwei Wochen trifft und den Prozess wirklich Schritt für Schritt abarbeitet“, sagt Engel.

In Bremen ist das Angebot, so wie es in Gröpelingen durchgeführt wird, einzigartig. Die Mehrheit der Kund*innen kommt aus dem Stadtteil. „Aber wir schicken niemanden weg“, sagt Engel. „Solange es um Bildung geht, kommen die Menschen mit allen Anliegen zu uns.“ Und die seien sehr individuell: „Beim Deutschkurs angefangen, über die Alphabetisierung bis zur Universitätsabschluss.“