Zwergantilopen gegen Jazzpolizei

Über das lange Pfingstwochenende gastierten in Moers Größen und Talente des internationalen Jazz. Unter der neuen Leitung von Tim Isfort hat sich das Festival stilistisch und thematisch geöffnet

Jazz ist in Moers nicht nur Musik, sondern auch Hörspiel und Moderation

Es ist nicht so, dass der Körper eine Seele hat, nein, die Seele hat einen Körper. Wie sonst ist zu erklären, dass der Mann wie besessen mit einem Glockenspiel herumwedelt, in der anderen Hand ein Kornett hält und „heayaaa, heayaa“brüllt, als sei ihm die gütige, aber heiße Sonne zu Kopf gestiegen, während seine Partner in Crime am Flügel, Schlagzeug und Kontrabass ein Wettlauf um die Zählzeit anzetteln: mit diabolischen Mienen schieben sie Rhythmen unter andere Rhythmen, entlocken ihren Instrumente alle Töne, die es je gab, spielen aneinander vorbei, bis sie sich plötzlich treffen und klar ist: Die spielen ja wirklich zusammen, nicht gegeneinander. Aber ist das noch Jazz? Oder schon wieder Jazz?

Natürlich ist die Frage 2018 überflüssig, denn auf dem Moers Festival, wo der Kornettist Rob Mazurek zusammen mit der Band Chicago/London Underground am Pfingstmontag eine tolle Show abzieht, lassen sich BesucherInnen seit 46 Jahren aberwitzigste Formen experimenteller Musik gefallen, bis sich ihre Gesichter zu Fragezeichen verformen – vereint im masochistischen Glück, nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist.

Unten, das sind in Moers Schotterwege, auf die Alt-Hipster mit Stirnbändern um die grauen Haare ihre Selbstgedrehten werfen, woraufhin Menschen im Vorstadt-Schnösel-Dress nur den Kopf schütteln. Oben, das ist da, wohin Künstler wie Nate Wooleys Seven Storey Mountain schweben; in den Kosmos unerhörter, angst­einflößender, und bisweilen wehtuender Klangwelten zwischen Metal, Noise und Jazz, um im nächsten Moment in totale Stille zu verfallen. Es sind solch wechselnde Aggregatzustände, die nie nur eine, sondern alle ­möglichen, oft gar neue Emotionen produzieren, bis man merkt: So etwas habe ich noch nie gespürt.

Das ist nicht immer angenehm, sondern manchmal ein Kampf mit der Wahrnehmung, wie beim US-Amerikaner Nate Wooley, manchmal mit den Gehörgängen, wie bei Horse Lords, die nach einem psychedelischen Rockjam in eine Orgie des Quietschens verfallen, bis ein älterer Herr aus der fünften Reihe brüllt, seine Brillengläser würden gleich zerspringen. Manchmal ist es ein Ringen mit dem Gleichgewichtssinn, wie beim Berliner Elektronik-Duo Lumi­so­kea, das mit zwei zusätzlich engagierten Drummern und viszeralem Post-Indus­trial-Sound das Kellergewölbe der „Röhre“ in der Innenstadt in eine urzeitliche Höhle verwandelt, die von einem Gewitter überrascht wird.

Der US-Trompeter Nate Wooley mit seinem Projekt Seven Storey Mountain in Moers Foto: Kurt Rade

Nach solch fulminanten Konzerten erschließt sich beim Zuhören der Konzerte von gefälligeren Acts, wie mühsam das Gehör sich seine Welten erschließen muss. Und wie wenig Sinn sie machen; wie befreiend das im Gegensatz zu jener Form von Jazz wirkt, die allzu akademisch und athletisch daherkommt und der – wie manch zeitgenössischer Literatur – die Rauheit oder der Mut zum gepflegten Arschtritt fehlt – und am Ende kein Blut, nicht mal Tränen, nur Schweiß hinterlässt. Etwa bei den Auftritten der WDR-Bigband und des Melt Trios – beide spielten technisch versiert, blieben auf narrativer Ebene aber zu realitätshörig – , musste man die Fantasie mit dadaistischen Extras beflügeln: dem auf einem Traktor herumfahrenden Pianisten, der in „Jazzpolizei“ umgetauften Security-Mitarbeiter und dem „Festivaldorf“, einer Mischung aus Vorstadt-Kirmes und Hippie-Happening. Mal abgesehen davon, dass die Fressstände oft jene außereuropäischen Produkte verkauften, die lediglich dumpfen Exotismus für Gartenzaun-Spießer bedienen.

Dadaistisch mutet hingegen die offensichtliche Renovierungsmaßnahme des neuen Festivalleiters Tim Isfort an. Jazz, der ja für Improvisation und dem Bruch mit dem Gewöhnlichen steht, lässt Isfort nicht nur auf der Bühne passieren. So tauchte immer wieder Jacques Palminger vom Hamburger Weirdo-Trio Studio Braun auf, der am Freitag mit seiner Band 440Hz Trio spielte und dazu als spontaner Ansager mehrmals in Erscheinung trat: „Meine Damen und Herren, seien Sie gespannt, gleich werden hier 20 Zwergantilopen einlaufen. Nicht füttern, sie sind gefährlich“, kündigte er das Projekt Wendy Pferd Tod Mexiko mit Rdeca Raketa (Maja Osojnik und Matija Schellander) und der Autorin Natascha Gangl an: Ihre Mischung aus Horror-Comic-Hörspiel und surrealem Pop-Konzert clashte mit der lakonischen Ernsthaftigkeit Palmingers, geht es bei Gangls Story doch um die Reithoftochter Wendy, die eine psychedelische Reise antritt.

Dass es ein Hörspiel auf die Hauptbühne schafft, zeige den Mut des Festivals, sagte Osonik später bei einer „discussion“, zusammen mit der Freejazzikone, dem Saxofonisten Peter Brötzmann. Brötzmann erzählte Anekdoten aus der Gründungszeit 1972, bevor das Festival „populistische Züge bekam“ und nur noch „für jeden etwas, von jedem etwas“ geworden sei. Damals, so der 77-Jährige, habe es mehr Solidarität gegeben, viele Musiker hätten auf Gagen verzichtet. Seine Stimme raunte so grimmig wie sein Saxofon, bevor Osonik kontert: Sie sei auch solidarisch, aber auch für „buy my art, before I die“. War das ein Anflug von Generationenkonflikt, zwischen einem, für den Musik Ausdruck einer utopischen Gegenwelt zur Nachkriegszeit war und denen, die in einer Welt aufgewachsen sind, in der Solidarität ein Relikt aus der Prä-Selfie-Zeit ist?

Vermisst die Solidarität und verblüfft noch immer: Freejazz-Saxofonist Peter Brötzmann beim Konzert mit der US-Band Oxbow Foto: André Symann

Und lässt sich Brötzmanns Kritik wirklich teilen, bei einer solchen Feier der Inklusion, bei der sich die feministische US-Elektronikproduzentin Moor Mother mit den Folk­sängern Frank Fairfield & Meredith Axelrod und die No-Wave-Prankster Talibam mit den beiden Jazzkünstlern Ralph Alessi und Ravi Coltrane die Bühne teilen, ­während in der Innenstadt Umsonst-Freiluft-Konzerte stattfinden und damit mehr als 35.000 BesucherInnen anlocken?

Musik, wie es sie in Moers in der Festivalausgabe 2018 zu hören gab, bleibt wichtig, weil sie Fragen stellt, statt schnelle Antworten zu geben, wie es heute von den Künsten oft gefordert wird. Schönheit nicht in der Perfektion, sondern im Kaputten und Banalen zu suchen, regt zum Weiterdenken an. Was gibt es Wichtigeres, als in Zeiten wachsender Uneinigkeit gemeinsam zu rätseln, und sei es nur darüber, wo oben oder unten ist?