„Opfer rechter Gewalt werden isoliert“

Robert Enge, Berater für Betroffene rechter Gewalt des RAA Sachsen, über fehlenden Schutz

taz: Herr Enge, Sie beraten Opfer rechter Gewalt in Sachsen. Werden Lokalpolitiker, die entsprechende Drohungen erhalten, gut geschützt?

Robert Enge: Es fällt immer wieder auf, wie unterschiedlich der Schutz ist. Politiker auf Ministerebene oder Oberbürgermeister werden meist gut geschützt. Politiker auf Gemeindeebene sind manchmal sehr alleine. Oft reichen auch die Ressourcen nicht aus – zum Beispiel in Freital, wo das Revier nur zwei Streifenwagen hat und wo sich die Täter monatelang gegenüber dem Polizeirevier treffen konnten, weil sie sich so sicher gefühlt haben. Obwohl das Umfeld der Rechtsterroristen dort nach wie vor wohnt und es nach den Verhaftungen weitere Angriffe gab, haben die Opfer keinen Polizeischutz erhalten. Das führt dann dazu, dass Opfer rechter Gewalt aus diesen Orten wegziehen. Die Täter bleiben dort.

Wie geht die Polizei mit Opfern um?

Die Betroffenen werden oft nicht ernst genommen mit dem, was sie erleben. Es kommt vor, dass Anzeigen nicht aufgenommen werden oder Sachverhalte in ihrer Komplexität nicht durchschaut werden, sodass bei Betroffenen ein Gefühl entsteht, dass nicht alles zur Aufklärung getan wird. Dieser Umgang mit Betroffenen führt nicht dazu, dass sie sich sicherer fühlen und das Vertrauen in Ermittlungsbehörden schwindet.

Was würden Sie sich wünschen?

Schön wäre, wenn die Opfer in ihren Orten Solidarität erfahren würden. Oft werden aber die Taten bagatellisiert und abgewehrt. Unsere Stadt muss zur Ruhe kommen, heißt es dann. Opfer von rechter Gewalt werden oft isoliert, sie erfahren ein Gefühl der Nichtzugehörigkeit. Man sollte sich stattdessen fragen: Wie können wir hier als Stadt nach diesen Vorfällen gemeinsam weiterleben? Das wäre viel wichtiger als ein Urteil vor Gericht, da sich nur in den wenigsten Fällen etwas für die Betroffenen ändert. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Taten und den Folgen für die Opfer, das ist der schwierigere Prozess.

Interview: Steffi Unsleber