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Auf Almhütten und Fördertürmen

Von Montreux über Gliwice bis Südtirol und Ystad: Fast überall in Europa locken interessante Festivals Jazz-Fans an. Die Verantwortlichen hoffen, dass die Besucher nach den Konzerten noch etwas in der Region bleiben

Branding durch Jazz? Montreux hat es mit seinem Festival vorgemacht Foto: Stephane Lagoutte/M.Y.O.P/laif

Von Joachim Göres

Montreux am Genfer See ist durch sein Jazzfestival weltberühmt und auch Nicht-Jazzern seit dem Hit „Smoke on the water“ von Deep Purple ein Begriff. Immer Anfang Juli kommen mehr als 250.000 Musikfreunde aus aller Welt in die Schweizer Stadt, um zwei Wochen lang internationalen Künstlern zu lauschen und die schöne Gegend zu genießen. Das seit 1967 veranstaltete Festival ist damit Vorbild für viele andere Städte, die ebenfalls versuchen, mit Jazzmusik Touristen in ihre Gegend zu locken. Gelten viele Jazzfreunde doch als zahlungskräftig und reisefreudig.

„Nach Montreux kommen genügend Besucher aus dem In- und Ausland. Auch die Festivals in Nancy, Kopenhagen, San Sebastian, Wien, Heidelberg und London sind sehr beliebt. Aber viele andere Festivals wären erfolgreicher beim Werben um Kulturtouristen, wenn sie auf die Wünsche der Reiseveranstalter Rücksicht nehmen würden“, sagt Kai Geiger, Chef von arttourist aus Konstanz, und fügt hinzu: „Die großen Reiseveranstalter beginnen mit ihren Planungen zwei Jahre im Voraus. Die Termine und die auftretenden Künstler stehen dann meist noch nicht fest.“

Geiger diskutierte kürzlich auf der Messe Jazzahead in Bremen mit Fachleuten u. a. darüber, wie Festivals enger zusammenarbeiten können, um mehr Gäste zu gewinnen. Dazu zählt auch das Projekt „Jazz across europe“, bei dem sich ab Juni zahlreiche Festivals im Internet der Öffentlichkeit vorstellen (www.jazzacrosseurope.com).

Eine besonders attraktive Landschaft, die durch den Jazz noch mehr Besucher anziehen soll – das ist auch das Konzept des Südtirol Jazzfestivals (29.6. – 8. 7., www.suedtiroljazzfestival.com). „Noch ist es eine Minderheit, die wegen der Musik zu uns kommt. Doch andere Reisende bleiben womöglich länger, und vor allem lernen sie die schönsten Ecken durch die verschiedenen Auftrittsorte noch besser kennen und schätzen und kommen wieder“, so die Hoffnung von Festival-Mitarbeiter Max Pretz.

Es gibt rund 50 Konzerte an besonderen Orten wie Almhütten, Seilbahnstationen, Steinbrüchen oder Dachterrassen, oft unter freiem Himmel mit spektakulärem Ausblick auf die Dolomiten. Bei der Musik gibt man sich mutig: Statt Swing und Mainstream wird viel Avantgarde geboten. „Der klassische Jazzfan ist für experimentelle Musik offen“, sagt Pretz.

Auch am Meer gibt es zahlreiche Jazzfestivals. Im schwedischen Ystad (www.ystadjazz.se) sind alle Hotels ausgebucht, wenn in der 20.000 Einwohner zählenden Stadt Anfang August neben schwedischen Bands internationale Größen wie Monty Alexander, Omer Klein und Paolo Fresu auftreten. „Wir haben Besucher, die extra bis aus Japan kommen. Und die fliegen danach auch nicht gleich wieder zurück“, sagt Mitorganisator Curt Hansson und fügt hinzu: „Bei uns schätzen die Gäste, dass alles überschaubar ist und sie selbst mit bekannten Musikern leicht ins Gespräch kommen können.“

Europas größte Hafenstadt Rotterdam bietet gleich zwei Festivals. Zum North Sea Jazz Festival (13.–15. 7., www.northseajazz.com) mit seinen vielen international bekannten Musikern strömen jedes Jahr bis zu 70.000 Zuhörer. Injazz (28.–29. 6., www.injazz.nl) zieht mit einer Mischung aus Jazz und Weltmusik von noch nicht so im Rampenlicht stehenden Künstlern eher ein jüngeres Publikum an. „Die Hälfte unser 3.000 Besucher kommt aus dem Ausland“, sagt Mark van Schaick, der zur Injazz eine Konferenz für die Jazzszene organisiert. Andere Jazzfeste richten sich dagegen in erster Linie an die Menschen in der eigenen Region.

Im polnischen Gliwice finden etwa im Oktober und November rund 20 Jazzkonzerte statt, mit internationalen Stars wie auch mit noch namenlosen heimischen Bands (www.palmjazz.pl). „Ein Konzert mit dem norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek kostet 35 Euro, das ist für die meisten Polen zu viel Geld. Aber einige Konzerte sind auch umsonst. Der Verkauf der Eintrittskarten deckt ein Fünftel aller Kosten ab, private Sponsoren und städtische Zuschüsse sind sehr wichtig“, betont Mitorganisator Krystian Kijas.

Wie Gliwice ist auch Moers am Niederrhein ein Festivalort ohne spektakuläre Umgebung. Moers gilt musikalisch als eine der wichtigsten deutschen Jazzbühnen, an die es kürzlich zu Pfingsten wieder Tausende von Enthusiasten zog. „Wenn das Festival vorbei, fahren die aber auch wieder weg“, sagt Bernd Zimmermann, Geschäftsführer des Vereins nrwjazz. Nach seiner Erfahrung kann der Jazz Menschen durchaus an Orte locken, die nicht gerade als touristische Highlights gelten. „Wir veranstalten in Gelsenkirchen Jazzkonzerte auf Fördertürmen. Bei so einer besonderen Location haben 80 Prozent der Gäste mit Jazz nichts am Hut. Und das Schöne ist, dass die meisten von ihnen wiederkommen, weil es ihnen gefallen hat.“