Ferieninsel mit Wehmut

Mit „Usedom – der freie Blick aufs Meer“ hat der Dokumentarfilmer Heinz Brinkmann zugleich ein liebevolles Porträt und ein Soziogramm seiner Heimat geschaffen. Die aktuelle Politik ist kein Thema

Eis mit Aussicht: Szene aus „Usedom – der freie Blick aufs Meer“Foto: Heinz Brinckmann

Wenn man den Titel einer Dokumentation mit dem Hinweis „Teil 1“ abschließt, muss man sich nicht wundern, wenn Kinogänger nach Teil 2 verlangen. Doch Heinz Brinkmann hatte es nicht eilig. Nachdem im Jahr 1993 seine erste Insel-Dokumentation „Usedom – ein Inselleben, Teil 1“ erschien, hat es 25 Jahre bis zur Fortsetzung gedauert. Jetzt, pünktlich zur Badesaison, kommt „Usedom – der freie Blick aufs Meer“ in die Kinos. Zwischendurch hat er noch mit „InselLicht“ einen Film über Usedomer Maler gedreht, sodass der in Heringsdorf auf Usedom geborene jetzt von einer abgeschlossenen Trilogie spricht.

25 Jahre sind eine lange Zeit für eine Fortsetzung, eine zu lange, wie sich herausstellte. Denn von seinen damaligen Protagonisten hat Brinkmann nur noch einen wiedergefunden. Und mit dem beginnt er dann auch den Film: Dietmar Spiller ist heute Rentner, der sich am FFK Strand die Sonne auf seinen braun gebrutzelten Körper scheinen lässt.

„Wenn mich die Leute fragen, seit wann ich hier bin, sage ich seit 1952“ erzählt er, und dann sieht man ihn am gleichen Strand in Aufnahmen von 1991 als Eisverkäufer seinen Wagen durch den Sand ziehen. Spiller erzählt in dieser Szene nicht ganz so enthusiastisch von „Umschulung“, denn damals war Usedom noch eine Altlast aus den Zeiten des real existierenden Sozialismus. Die Investoren aus dem Westen mokierten sich darüber, dass die Hotels so heruntergekommen waren.

Von diesen „Wessies“ hat keiner die Zeit in Usedom überlebt – sowohl im buchstäblichen wie auch im übertragenen Sinne. Und so kann Brinkmann den Vorher-Nachher-Effekt nur noch ein weiteres Mal nutzen: Da spricht 1991 ein Investor davon, wie er auf einem riesigen noch naturbelassenen Grundstück ein Kongresszentrum mit 1500 Betten und 19 Restaurants bauen will. Brinkmann macht den gleichen Schwenk über die Landschaft 25 Jahre später noch einmal – und nichts hat sich verändert.

Hotels und Restaurants wurden trotzdem gebaut, die Insel zieht pro Jahr rund vier Millionen Gäste an. Von diesen Einflüssen und Veränderungen erzählt Brinkmann mit wehmütigem Grundton. Als alter Heringsdorfer weiß er, wie schön die prunkvollen Villen waren, die Berliner Fabrikanten Anfang des 20. Jahrhunderts in Usedom bauen ließen. Den Schauspieler Hans-Uwe Bauer lässt er mit sonorer Stimme seinen Kommentar in Ich-Form sprechen: „Als ich ein Kind war…“, beginnt er und zeigt alte Postkarten und Fotos aus den Goldenen Zeiten von Usedom, als der Kaiser Wilhelm regelmäßig dort residierte und später dann die reichen Berliner kamen.

„In Heringsdorf begegnet man den Menschen, vor denen man aus Berlin geflohen ist“, spottete damals der Kritiker Alfred Kerr. Und auch Brinkmann ist so klug, einen spöttischen Kontrapunkt zu setzen, wenn er einen Umzug zeigt, in dem sich Inselbewohner in Kostümen aus jener Zeit ein wenig lächerlich machen, während einer dazu „Wir wollen unsern alten Kaiser Willem wiederham“ singt. Brinkmann sagt über seinen neuesten Dokumentarfilm, er wolle „weder ein Nestbeschmutzer noch ein Heimat­tümler“ sein.

Ein bisschen Kitsch mit Sonnenuntergang und Postkartenromantik kann sich Brinckmann nicht verkneifen, aber viel mehr interessieren ihn die Menschen, die auf und von der Insel leben. Vom Hotelmanager bis zum Fischverkäufer erzählen die ihm von ihrer Arbeit am Touristen. Hier steht er ganz in der Tradition der Defa-Dokumentar­filmer, aus der der 1948 geborene und an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf ausgebildete Filmemacher kommt.

Heinz Brinkmann sagt, er wolle „weder ein Nestbeschmutzer noch ein Heimattümler“ sein

Touristen kommen in seinem Film nur ein einziges Mal zu Wort, wenn sich zwei Frauen am „Hundestrand“ darüber beschweren, dass andere sich über ihre freilaufenden Hunde beschweren. Dafür lässt er den Inselbewohnern viel Zeit zum Erzählen. So etwa die Empfangsdame Izabella Jarych aus Polen, die in einem 5-Sterne-Hotel arbeitet, den Hoteldirektor Stefan Hilgers, der erzählt, wo überall auf der Welt er schon Hotels geleitet hat und damit kokettiert, dass er also immer auch „eine Pommesbude“ leiten könne.

Ein altes Ehepaar verkauft in einer Holzbude am Strand den letzten Räucherfisch der Saison. Der Inselchronist Fritz Spalink erzählt vom Verfall der luxuriösen Gründerzeitvillen und davon, dass Maxim Gorki einige Jahre lang auf Usedom im Exil lebte, bis Lenin starb und er zurück in die Sowjetunion konnte.

Spalink erzählt auch, dass auf Usedom nach dem Zweiten Weltkrieg fast jeder auf die eine oder andere Weise ein Immigrant war. Dies könnte auch ein leiser Hinweis darauf sein, was in dem Film fehlt: Usedom war bei den letzten Bundestagswahlen eine Hochburg der AfD. In einigen Gemeinden wie Peenemünde bekam sie über 40 Prozent der Stimmen. Brinkmann hat sich dagegen entschieden, darauf in seinem Film einzugehen, weil dieses Thema alle anderen überlagert hätte. Ein Kinofilm folgt da einer anderen Dramaturgie, und so erzählt Brinkmann lieber von dem Biobauern Karl Matthes, der die kleine Insel Görmitz kaufte, um dort seine Kuhherde frei weiden lassen zu können. Die spektakuläre Rettungsaktion der Rindviecher während eines Herbststurms bietet auch bessere Bilder als AfD-Politik.