das portrait

Kim Yong Cholverhandelt für Nordkoreas Regime in New York

Foto: Li Muzi/Xinhua/imago

„Hallo. Ich bin derjenige, den ihr für die Versenkung der ,Cheonan' verantwortlich macht.“ Mit diesem Verweis auf die Nordkorea vorgeworfene Torpedierung einer südkoreanischen Korvette im Jahr 2010 hat sich Kim Yong Chol jüngst im Februar seinen südkoreanischen Gastgebern vorgestellt. 46 Marinesoldaten starben bei dem Angriff. Der 72-jährige Kim begleitete damals die Schwester von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un zur Abschlusszeremonie der Olympischen Winterspiele ins südliche Pyeongchang. Dieser Besuch leitete das gegenwärtige Tauwetter im innerkoreanischen Verhältnis ein.

Jetzt hat der einstige General, der von 1999 bis 2016 den nordkoreanischen Geheimdienst RGB leitete, eine ähnlich heikle Aufgabe in New York. Am Mittwoch kam Kim dort an – als der ranghöchste Vertreter des nordkoreanischen Regimes, der seit 2010 die USA besuchte. Für die Gespräche, mit denen beide Seiten den für den 12. Juni in Singapur geplanten Gipfel ihrer obersten politischen Führer vorbereiten wollen, musste jetzt eigens die US-Visasperre gegen Kim aufgehoben werden.

Noch am Mittwoch trafen sich Kim und US-Außenminister Mike Pompeo zu einem 90-minütigen Abendessen. Am Donnerstag sollte es dann ganztägige Verhandlungen geben. Bisher drang über das Treffen nichts nach außen, mit Ausnahme eines Tweets von Pompeo: „Gutes Arbeitsessen mit Kim Yong Chol heute Abend. Steak, Mais und Käse auf dem Menu.“

Dies sind nicht gerade nordkoreanische Standardgerichte. Aber Kim, der hoch intelligent sein und mehrere Sprachen sprechen soll, gilt als welterfahren und international versiert. So war er in den letzten Monaten nicht nur bei allen hochrangigen Treffen des Machthabers Kim Jong Un mit ausländischen Staatschefs dabei. General Kim, der auch dem Politbüro der alleinherrschenden Arbeiterpartei Koreas angehört, hat auch Pompeo schon zweimal bei dessen Besuchen in Pjöngjang getroffen.

In der frühen Phase seiner Karriere war Kim Verbindungsoffizier der nordkoreanischen Truppen zum UN-Kommando an der Grenze zum Süden. Entscheidender für seine gegenwärtige Rolle als wichtigster Diplomat seines Regimes dürfte aber das große Vertrauen sein, das Kim Jong Un in ihn setzt. Das geht darauf zurück, dass Kim Yong Chol bereits ein Leibwächter von Kims Jong Uns Vater war. Kim Jong Il hatte bis zu seinem Tod im Dezember 2011 Nordkorea beherrscht. Selbst im Ausland dürften Kim Yong Chol schon viele auf Propagandafotos gesehen haben, ohne zu wissen, wer er eigentlich ist. Denn zur bevorzugten Ikonografie des nordkoreanischen Regimes gehört es, den Potentaten umgeben von einige Generälen abzubilden. Diese oft greisen Militärs mit ihren überdimensionierten Schirmmützen stehen nicht selten wie dumme Schuljungen stets einen Schritt hinter ihrem leuchtenden Führer.

Einer derjenigen, der Kim Jong Un dabei meist am nächsten steht, ist in jüngster Zeit stets Kim Yong Chol gewesen. In New York tritt er jetzt aus Kim Jong Uns Schatten heraus. Sven Hansen