Insektensterben betrifft auch Ameisen

Auge in Auge mit der Waldameise

Für das Ökosystem sind Ameisen extrem wichtig. Doch wie die Bienen sind viele Arten gefährdet – zu Besuch bei einem Ameisenforscher.

Ameisen tragen eine tote Fliege

Zusammenarbeit läuft im Ameisenreich Foto: Parvana Praveen via unsplash

GÖRLITZ taz | Wer einmal in ein Ameisennest hineinschaut, sieht die Wildnis im Mikrokosmos. Chaotisch scheinen die Ameisen hin und her zu laufen, die eine schleppt einen Kiesel heraus, die andere ein Samenkorn hinein, zwei rasen aufeinander zu, beschnuppern sich, drehen ab. Unsichtbar folgen die Ameisen einem Plan. Mit Duftstoffen weisen sie auf Futter hin – mit Giftstoffen verwirren sie Gegnerinnen im Krieg.

Ameisen jagen Mücken, Falter und Fliegen, sammeln Samen und schleppen tote Ameisen zu ihrer letzten Ruhestätte. Ameisen machen Raubzüge, besetzen die Territorien der konkurrierenden Arten und schneiden mit gartenscherenartigen Gebissen die Arme und Antennen der anderen ab.

Und Ameisen können noch viel mehr: Holzameisen züchten Pilze und halten sich Blatt- und Wurzelläuse, weil die Honigtau liefern – für die Holzameise nicht nur Leibspeise, sondern wichtiger Baustoff für ihre Nester. Waldameisen schichten im Winter Myriaden von Kiefernnadeln, Fichtenzweiglein, Holzstückchen zu einem Hügel, der in extremen Kälteregionen die Größe einer Einzimmerwohnung haben kann.

Was alle Ameisen-Arten eint: Sie sind supersozial und bilden erst zu Tausenden, Millionen den atmenden, fressenden, sterbenden, gebärenden Organismus, der ihre Art sichert.

Die nächsten Verwandten der Ameisen sind die Bienen, doch anders als die niedlichen Honigbienen haben es Ameisen noch nicht bis in den Bundestag geschafft. Sie haben keine politische Lobby und deswegen werden ihre Leistungen für Gemeinwohl und die große Vielfalt ignoriert.

Systemrelevantes Tier

Dabei sind sie wie die Honigbienen systemrelevant. Wälder, Wiesen und sogar Parks und Gärten würden ohne Ameisen anders aussehen. Sie verbreiten Samen von Kräutern und Gräsern und tragen die blühende Vielfalt in die hintersten Winkel. Sie ackern den ganzen Tag rum, säbeln Holz, zerkleinern trockene Blätter und schichten tonnenweise Erdreich im Jahr um.

Sie lockern ebenso wie Regenwürmer die Böden und schaffen damit die Basis für das Leben in Grün. In Wäldern halten sie Baumschädlinge im Zaum. Imkerinnen schätzen die Ameisen und ihre Blattlausherden, aus deren Honigtau die Bienen Honig machen.

„Der oft zitierte stumme Frühling ist längst dabei, Realität zu werden“, warnt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz (BfN). Sie spielt damit auf das Buch „Stummer Frühling“ der amerikanischen Biologin Rachel Carson an, das vor über 30 Jahren zum Verbot des Insektengifts DDT führte. Carson erklärte ihren Landsleuten, dass die Vögel sterben, wenn es keine Insekten gibt.

Ameisen sind hierzulande allein Grundnahrungsmittel für Grünspecht, Grauspecht und Wendehals. Bunt- und Schwarzspechte kommen ohne Ameisen nicht durch den Winter und auch Dachse schätzen die eiweißreichen Larven der Waldameisen. „Vor einem Rückgang der Artenvielfalt warnen wir seit Langem“, sagt Jessel, die im März gerade die neuen Roten Listen für Insekten und Wirbellose herausgegeben hat.

Ameisen auf Roter Liste

Was in den 1960er und 1970er Jahren das DDT war, schaffen heute Glyphosat und die Neonicotinoide. Das große Insektensterben erfasst daher auch Ameisen (siehe Kasten unten). Allein in Deutschland stehen die meisten Arten auf der Roten Liste als vom Aussterben bedroht, stark gefährdet oder extrem selten. Die wärmeliebende Crematogaster sordidula ist bereits verschollen.

Mal betonieren Bauarbeiter den Lebensraum der Ameisen, mal kippen Bauern Gülle auf den Trockenrasen oder sprühen Pestizide bis an den Waldrand. „Ameisen verschwinden leiser und unbemerkter unter unseren Füßen als Bienen“, sagt Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbunds Deutschland NABU. „Wir müssen dringend ihre Lebensräume sichern und die EU-Agrarpolitik naturverträglich gestalten.“

Tschimpke erinnert daran, dass der wissenschaftliche Beirat von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner diese Woche dringend empfohlen hat, Landwirte und Waldbesitzer zu belohnen, wenn sie sich für die Natur einsetzen.

Und das ist dringend nötig: Mehr als 1.000 Nester von Waldameisen mussten 2017 weichen, damit Brandenburg die Autobahn 10 durch die Wälder nahe Berlin treiben konnte. Waldameisen entscheiden über die gesunde Ökologie eines Waldes und stehen seit 200 Jahren unter Naturschutz. Sie dürfen nicht gestört oder ihre Nester ausgehoben werden, doch gegen Autobahnen sind in Deutschland auch die seit 13 Millionen Jahren an ökologische Nischen angepassten Ameisen machtlos.

Königinnen in Marmeladengläsern

Also wurden die Waldameisen ausgebuddelt, die eierlegenden Königinnen in Marmeladengläsern gesammelt und die Hügel samt Hunderttausenden Arbeiterinnen woanders wieder angesiedelt. „Das klappt meistens nicht“, sagt Bernhard Seifert, der Auge in Auge mit der Roten Waldameise in der Lausitz und in finnischen Wäldern gelebt hat. Gerade mal 15 Prozent der Kolonien, schätzt der Wissenschaftler, werden nach der Umsiedlung am neuen Platz heimisch und überleben.

Seifert, der im Senckenberg Museum für Naturkunde die Abteilung Pterygota – Fluginsekten – leitet, gehört zu den weltweit anerkannten Taxonomen. So werden jene Biologen genannt, die sich auf eine Ordnung von Insekten oder anderen, nur im Detail zu bestimmenden Tieren spezialisiert haben, in Seiferts Fall: Ameisen.

Kaum ein Wissenschaftler kennt sich mit ihnen so aus wie er. „Jede einzelne Art hat ihre ganz unterschiedliche ökologische Nische“, sagt Seifert. „Zwei Arten können nicht in der gleichen ökologischen Nische leben.“ Das gilt für alle Tierarten. Ameisen leben jedoch nicht nur in ökologischen Nischen – sie bilden selbst eine ökologische Nische.

Ameisen haben sich je nach Art in den vergangenen 13 Millionen Jahren perfekt an ihren jeweiligen Lebensraum angepasst, sei der nun im Moor oder im Geröll. Soweit bekannt, leben 114 Ameisenarten in Deutschland, in Mitteleuropa sollen es 175 sein. Bernhard Seifert hat allein 10 neue europäische Arten in den vergangenen 40 Jahren entdeckt, darunter die Schweizer Gebirgsameise und mehrere enge Verwandte der Schwarzen Wegameise.

Ameisen auch Babysitter

Die kennen auch Städter, denn sie brütet unter Pflastersteinen und fällt manchmal auf, weil sie ihre Miniaturstraßen überdacht. Weltweit rechnen BiologInnen mit 17.000 Ameisenarten.

Und viele Arten sind von ihnen regelrecht abhängig: Die Tagfalter der Bläulinge beispielsweise haben sich an das Leben der Ameisen angepasst, ja sind teilweise vollkommen auf eine bestimmte Ameisenart angewiesen. Die Raupen der Bläulinge geben ein nektarähnliches Sekret ab, auf das die Ameisen ganz wild sind.

Um daran zu kommen, passen sie auf die Raupen auf, halten feindliche Wespen ab und kümmern sich um die Raupen wie um ihre eigenen Larven. Die Bläulinge wachsen also unter Ameisen auf und können teilweise nicht ohne sie überleben. Nun sind die Bläulinge nicht irgendein Schmetterling, sondern bilden etwa ein Drittel aller bekannten Tagfalterarten. Weltweit.

Rund um Ameisenkolonien wuseln, wimmeln, wachsen und gedeihen besonders viele Viecher und Pflanzen. Der US-amerikanischen Ameisenforscher Edward O. Wilson kam in den 1980er Jahren darauf, das harmonische Durcheinander als Biodiversität zu bezeichnen. Er erkannte, dass nicht eine Art entscheidet, sondern erst alle Tiere, Pilze, Pflanzen zusammen die biologische Vielfalt ergeben, die das Leben sichert.

Forschung voller Körpereinsatz

Ameisen haben den Wissenschaftler gelehrt, das Ganze zu betrachten, wenn auch nicht gleich zu verstehen. Wilsons Entdeckung der biologischen Vielfalt war damals revolutionär. 200 Jahre lang waren Biologen damit beschäftigt gewesen, die Natur zu spalten, die Einzelteile als Art zu benennen und zu erforschen.

Ameisenexperte Bernhard Seifert untersucht die biologische Vielfalt unter dem Mikroskop. Er misst die Neigung von Stirnleisten, die Länge der Schenkel, beschreibt die Lage der Kopfseiten vor den Augen und die Pigmentierung der Fühlerkeulen. Anhand dieser Daten unterscheidet er noch so ähnliche Arten.

Seifert öffnet eine Holzkiste, in der Ameisen auf Pappkärtchen kleben. Er nimmt eine heraus, steckt sie unters Mikroskop und fixiert das Objekt. Bei einem Blick hindurch wird deutlich, dass nichts einfach mal so entstanden sein kann. Jedes Haar rund um das Ameisenmaul hat seinen Sinn, jede Kerbe im Oberkiefer nützt dem millimetergroßen Tier in seinem Lebensraum. Die einen besitzen Klauen wie ein Säbelzahntiger, die andere Ameise zwackt sich mit Zangen durchs Gebüsch.

Auf beiden Seiten des Mikroskops hat Seifert tellergroße Holzplatten angeschraubt und gepolstert. Rechts mit einem Hirsekissen, links mit einem weißen Stoffsonnenhut. Hier legt er seine Arme ab, um die Wirbelsäule beim stundenlangen Starren durch das oberkörperlange Mikroskop zu stützen. „Die Bandscheiben sind ruiniert“, sagt Seifert, auch sich selbst nüchtern beschreibend.

Vögel beobachten zur Entspannung

Trotz offensichtlicher Nackenstarre schreitet er flink zwischen Regalen, Laborschränken, Teeküche und Computertisch, weist im Vorbeigehen auf ein Päckchen, das ihm Insektenkundler von der Universität Tokio geschickt haben.

Schon als sechsjähriger Junge ließ Seifert Ameisen in seiner Sandkiste gegeneinander kämpfen. Mit elf Jahren kannte er das Kinderbuch über Ameisen in der DDR auswendig, an ein anderes kam er nicht heran. Da sein Mikroskop nicht gut genug war, um Ameisen genau zu untersuchen, beobachtete er Vögel. Das geht mit dem bloßen Auge. Erst während seines Studium hatte er Zugang zu Mikroskopen und Fachbüchern.

„Zur Entspannung“ beobachtet Seifert noch heute Mauersegler und Rotmilan und steht morgens um 3.30 Uhr auf, um den neu zugeflogenen Wanderfalken in Görlitz zu sehen. „Da kann ich mal was im Stehen machen, muss nicht immer am Boden rumkriechen“, sagt Seifert, wedelt mit der Hand gen Boden und taxiert dort was.

„Man muss das wollen“, sagt Seifert, der seine KollegInnen in den 1990er Jahren mit seinen Beobachtungen zu Hybridformen und Artvermischungen von Waldameisen nervte. „Damals war das Frevel, von Hybriden zu sprechen“, sagt Seifert und starrt mit blauen Augen auf den Computermonitor, auf dem sich die Daten verteilen wie Ameisen auf einem Nest. Anhäufungen, verwirrende Wege, Kurven in Graphen und Tabellen, Einzelbeschreibungen, die seine Beobachtungen im Wald und unter dem Mikroskop belegen. Heute sind sie wissenschaftlich anerkannt.

Nur noch wenige Taxonome

Im Naturkundemuseum Görlitz hat Seifert in mehr als drei Jahrzehnten eine Sammlung von Ameisen-Präparaten aufgebaut. Schublade um Schublade stecken in einem mannshohen Schrank, halb so lang wie Seiferts Labor. In jeder Lade reihen sich Ameisen auf Nadeln und Pappkärtchen, manche Tiere nicht größer als ein Stecknadelkopf.

Die Ameisen in Seiferts Sammlung sind sogenannte Typus-Exemplare, was bedeutet, dass sie maßgeblich für die Bestimmung ihrer Art sind. Wenn es die erstarrten Ameisen auf den Pappkarten nicht mehr gibt, herrscht wissenschaftlich gesehen da draußen wieder das große Chaos.

Denn heutzutage forschen InsektenkundlerInnen eher zu Genen und Hirnströmen, als monatelang durchs Unterholz zu krauchen. Sie können Tiere nicht unter dem Mikroskop bestimmen, da sie im Studium keine Zeit dazu haben. Wenn die jungen ForscherInnen wissen wollen, welche Ameise, Spinne oder welchen Käfer sie gefunden haben, schicken sie ein Exemplar an Leute wie Seifert.

Ein paar Taxonomen arbeiten noch, jeder spezialisiert auf einzelne Gattungen, die im Detail helfen, das große Ganze zu verstehen. „Man muss visuell was draufhaben, um die Arten zu bestimmen“, sagt Seifert. „Und man braucht missio­narischen Eifer.“

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